Essay Ästhetik des Anzugs

Viele Manager haben immer noch Scheu, sich zu ihrem Outfit zu bekennen - und erklären sich lieber von vornherein für inkompetent, meint Maßschneider Tom Reimer.

Kleider machen Leute. Das ist eine fromme Unwahrheit. Sie stellt die Kleidung als bloße Fassade hin. Mehr Wahrheitsgehalt steckt in der Formel vom Wolf im Schafspelz. Silvio Berlusconi ist dafür ein wunderbares Beispiel.

Der Medienmagnat und Ministerpräsident ist makellos angezogen. Er trägt perfekt geschnittene Zweireiher, die die Silhouette seiner kompakten Figur schmaler erscheinen lassen - erstklassige Hemden und mit feinem Farbgefühl abgestimmte Krawatten.

Berlusconi ist ein glänzender Botschafter italienischer Schneiderkunst. Doch wie elegant und gewandt er auch daherkommt: Keiner wird dem Irrtum erliegen, dass der "Cavaliere" in seinem Denken und Handeln zum Schaf, will sagen: lammfromm werden könnte. Oder wie - andersherum - der unvermeidliche Oscar Wilde wähnte: "Mit einem Abendanzug kann sich jeder den Ruf eines zivilisierten Menschen erwerben, sogar ein Börsenmakler."

Seit Gerhard Schröder Kanzler ist, trägt er feine italienische Anzüge und bemerkenswert gute Krawatten unterm weiten Haifisch-Kragen. Aber dass er immer noch "ich sach mal" sagt, ist so wenig elegant wie die Hemdsärmeligkeit vieler seiner Auftritte. Dazu gehört auch die familiäre Attitüde bei Parteitagen, wenn er sein Sakko ablegt und sich auf diese Weise mit der Basis gemein machen will.

So lässig würde er sich nie zu geben wagen, wenn er als "Genosse der Bosse" vor eben diesen aufzutreten hätte. Er weiß genau, dass ihm dies als Unhöflichkeit angekreidet werden würde.

Hans Eichel war vermutlich immer schon so, wie er auftritt. Oder er hat die Rolle des Sparkommissars internalisiert. Jedenfalls sieht er aus, als trage er Anzüge aus dem vorletzten Schlussverkauf und Krawatten, die in Flughafenshops nach dem Prinzip "pay two, get three" verramscht werden.

Die Kunst des Sich-Kleidens

Hingegen hat sich Joschka Fischer schon immer auf den Symbolwert der Kleidung verstanden. Bei seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister trug er noch alternative Bekenntnisklamotten: Jeans und Turnschuhe. Zum Antrittsbesuch bei der amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright erschien er im Dreiteiler und, passend zu ihrem Kleid, mit grüner Krawatte.

Er versteht sich eben auf die Sprache der Kleider und Farben und weiß etwa, dass braun zu seinen grauer werdenden Haaren nicht passt - er trägt stattdessen Varianten von Grau. Damit verrät er seine Identität so wenig wie mit dem T-Shirt, das er bei seinen Gastspielen vor der Bruderschaft der Grünen trägt. Er ist nicht elegant, aber den Anlässen entsprechend passend gekleidet.

Zufällige Beispiele? Keineswegs, die Sprache der Kleider ist oftmals deutlicher und ehrlicher als die der Diplomatie und der Politik. Mit der Wahl der Kleider gibt deren Träger ein Bekenntnis ab, und sei es das unbewusste, dass er von Form, Manieren und Stil nichts weiß. Selbst wer sich nach guter deutscher Unsitte voller Stolz als Modemuffel vorstellt, spielt damit eine Rolle. Gesellschaftlich gesehen, begnügt er sich meist mit einer Nebenrolle. Er verschwindet in der Masse der Gesichtslosen.

Gute Figur zu machen, auch den Marathon des beruflichen Alltags wie auf dem Catwalk zu laufen, ist in Italien wie in Spanien oder den Businesszentren von London, New York oder Boston von größter Bedeutung. Viele deutsche Manager haben offenbar immer noch Angst, sich zu ihrem Aussehen zu bekennen. Angst, "overdressed" zu wirken und einen Eindruck zu hinterlassen wie der geschniegelte Börsenhai Gekko im Film "Wall Street".

Die Ästhetik der Kleidung ist eine Form der Distanz, der Höflichkeit und manchmal auch der Scham. Dem Mann auf der Erfolgsleiter wiederum kommt leicht der Sinn fürs Sinnliche und für Eleganz abhanden. Von ihm wird als Teil des Auftritts und der Manieren eine Kleidung erwartet, die mit dem Status des Trägers harmoniert. Die Kunst des Sich-Kleidens aber ist ein Spiel, das wie jedes andere nach strengen Regeln gespielt wird.

Wer sie nicht kennt, wird ausgeschlossen - sei es am Kartentisch, beim Golf oder in der Gesellschaft.

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