Autodesign Emotionen aus Chrom und Stahl

Nichts zählt beim Autokauf so sehr wie die Form, sagt Peter Schreyer. Der Chefdesigner von VW, der 2003 mit dem deutschen Design-Oscar prämiert wurde, über Autos, Anmut und Würde.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm:

Herr Schreyer, was sagt Ihnen der Klang einer ins Schloss fallenden Golf-Tür?

Schreyer: Das ist ein sattes, sonores Geräusch, das Solidität und Sicherheit vermittelt.

mm: Die Akustik spielt bei der Gestaltung eines Autos mittlerweile eine wichtige Rolle. Was bedeutet das für den Designer?

Schreyer: Die Wahrnehmung, die ich von einem solchen Produkt habe, ist nicht allein eine optische. Ein Auto soll nicht nur gut aussehen, sondern sich auch gut anhören. Nicht nur das Motorengeräusch, sondern auch wie die Tür schließt, ein Schalter klickt, die Zentralverriegelung zuschnappt.

mm: Sie sind seit anderthalb Jahren Chef der Designabteilung von Volkswagen. Gerade haben Sie als bisher jüngster Preisträger den Deutschen Design-Oscar vom Rat für Formgebung erhalten. Was ist für Sie das Beste, das Design leisten kann?

Schreyer: Design soll Mittler zwischen Mensch und Maschine sein. Unsere Hauptaufgabe ist es, Kunden zu begeistern, sie zu überzeugen und zu gewinnen. Dazu gehört, eine Marke darzustellen, den Charakter und das Image eines Produktes zu formen.

mm: Danach wäre Design vor allem die hohe Schule der Verpackung.

Schreyer: Wir Automobildesigner haben eine große Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, schließlich prägen unsere Produkte das Straßenbild über lange Zeit. Wenn wir ein Auto entwerfen, dauert es erst mal einige Jahre, bis es auf den Markt kommt. Dann ist es vielleicht sieben Jahre in der Produktion, und anschließend lebt es noch einmal fünf bis zehn Jahre weiter, bis nur noch einige wenige davon unterwegs sind.

"Es gibt eine Erwartungshaltung"

mm: Was macht den Designer besonders stolz - für einen Entwurf einen renommierten Preis zu bekommen? Oder für sein Unternehmen den Umsatz zu steigern?

Schreyer: Beides. Das für mich schönste Erlebnis ist es allerdings, wenn Geheimhaltung und Tarnung für ein neues Modell aufgehoben sind und das Fahrzeug zum ersten Mal auf der Straße rollt. Das ist der Moment der Bestätigung.

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mm: Wie groß ist der Einfluss von Marktanalysen und Verkaufsstrategien auf die Formgebung?

Schreyer: Die bestimmen vielleicht Konzept und Art des Autos, aber nicht das Aussehen und den Charakter. Wenn wir etwa wissen, ein Fahrzeug soll für fünf Leute mit sehr viel Bewegungsraum gestaltet werden, dann wird es höher als andere ausfallen und relativ geräumig, kistig sozusagen. Aber die eigentliche Formensprache, das Emotionale, hängt eher davon ab, wie sich der Designer im Leben bewegt, welche Dinge ihn interessieren, womit er sich beschäftigt.

mm: Sie gelten in Ihrer Zunft eher als Wertkonservativer, der auf Beständigkeit setzt. Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Gestalter?

Schreyer: Beständigkeit heißt ja nicht, dass man nichts Neues macht. Aber ich lehne es ab, mich auf Modisches, Verschnörkelungen und Verbarockisierungen von Autos einzulassen, um einen vordergründigen, schnellen Effekt zu erhaschen. Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung des Kunden, der Volkswagen kaufen will. Das muss man auch in der Form berücksichtigen.

mm: Als Sie Ihr Konzept für den VW-Roadster vorstellten, nannten Sie als besondere Designqualitäten Sympathie und Würde. Was heißt das für die Gestaltung eines Autos?

Schreyer: Unser Roadster ist nicht maßlos aggressiv, wie das vielleicht manche Sportwagen sind. Er hat in seinem Ausdruck etwas Frisches, Freches, gleichzeitig etwas Sympathisches, das ist für mich ein hohes Gut.

"Den Mut haben, Neues zu wagen"

mm: Wie geben Sie einem Scheinwerfer oder den Radkappen ein würdiges und sympathisches Aussehen?

Schreyer: Ich kann keine sympathische Radkappe entwerfen, vielmehr kommt es auf die Gesamtwirkung an. Ein Beispiel: Wenn etwa ein Auto wie der Phaeton vor einem Schloss in England vorfährt und der Kies knirscht, dann muss die Felge sozusagen dazupassen ...

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mm: ... wie sieht die passende Felge zum Schloss in England aus?

Schreyer: Das ist nicht im Detail zu erläutern. Jedes Einzelteil ist wichtig an einem Auto, aber Sie können das nicht isoliert betrachten. Ziehen Sie mal eine Parallele im menschlichen Bereich. Sie werden feststellen, dass sich Würde nicht nur an der Art zu gehen oder sich zu kleiden festmacht, sondern am Gesamtauftritt eines Menschen.

mm: Was ist für Sie bei einem Entwurf wichtiger, Gebrauchswert oder emotionale Anmutung?

Schreyer: Automobildesign ist sehr kompromissbehaftet. Es gibt Details, die wichtig sind, um eine gewisse Emotionalität rüberzubringen, zum Beispiel die Höhe der Ladekante beim Kofferraum. Für den Gebrauch gilt: Je niedriger desto besser. Aber schöner schaut es aus, wenn der Stoßfänger eine gewisse Stärke hat und die Klappe kleiner ist, weil das Auto dadurch niedriger wird und nicht wie ein Lieferwagen daherkommt. Das ist eine Gratwanderung, die man jedes Mal neu gehen muss.

mm: Bei Audi haben Sie mit dem TT und den Modellen der A-Klasse durchaus Neues gewagt. Wie frei sind Sie bei einer exakt definierten Marke wie dem Golf?

Schreyer: Der TT bei Audi und der A2 waren zwei neue Produkte in ihrer Klasse. Deshalb hatte ich viel Freiheit in der Formgebung. Bei einem Golf ist der Designer an die Historie der vier vorangegangenen Generationen gebunden. Aber Mut ist für uns eine ganz wichtige Parole. Wir müssen den Mut haben, immer wieder Neues zu wagen.

"Das Design muss einfach stimmen"

mm: Für den Audi A2 haben Sie und Ihr Kollege Gerd Pfefferle im vergangenen Jahr den "Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" erhalten. Dennoch wird das Modell nicht weitergebaut. Hat Sie das gekränkt?

Schreyer: Der A2 ist ein Superauto, ich bin ihn selbst sehr gern gefahren. Es ist schade, dass er nicht den Erfolg findet, den er verdient hat. Das ist schon eine Enttäuschung.

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mm: War die "mutige und unverwechselbare Form", wie die Preisjury lobte, der Grund für den Flop?

Schreyer: Das Auto ist ohne Frage seiner Zeit voraus. Eine Marke wie Audi hat einen größeren Spielraum, den Kunden herauszufordern. Wir wollen den Käufer nicht erziehen. Wir haben aber immer auch die Aufgabe, ihm ein Angebot zu machen, mit uns zusammen einen Schritt in die Zukunft zu wagen.

mm: Dennoch lernen wir daraus, dass preisgekröntes Design nicht in jedem Fall für guten Umsatz sorgt.

Schreyer: Das Design muss einfach stimmen, sonst interessiert sich niemand für ein Produkt. Das allein reicht aber nicht. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis muss passen, die Art und Weise, wie ein Auto positioniert wird, wie es vermarktet und beworben wird. Ein Restaurant kann so gut sein, wie es will, wenn der Service nicht stimmt, kann der Koch die höchsten Auszeichnungen bekommen - sein Lokal wird keinen Erfolg haben.

mm: Der Design-Hit der vergangenen Jahre hieß Retro, der Rückgriff auf Artdéco-Formen bis hin zu geklonten Modellen wie dem New Beetle oder dem Cruiser von Chrysler. Ab wann wird Retro zum Kitsch?

Schreyer: Wenn Dinge zu platt wiederholt werden. Oder wenn Dinge neu erfunden werden, die aussehen, als wenn sie schon vor 30 oder vor 50 Jahren gemacht worden wären.

mm: Sie definieren gerade das Design-Konzept für den New Beetle?

Schreyer: Nein, ich bin der festen Überzeugung, dass der New Beetle kein Kitsch ist, weil er eben kein plattes Retro-Design repräsentiert. Er hat im Gegenteil eine sehr moderne Form und einen starken Charakter, genau wie der alte Käfer.

"Crossover ist ein Zauberwort"

mm: Mittlerweile scheint die Retro-Welle schon wieder auszurollen.

Schreyer: Sie hat aber etwas sehr Gutes und Wichtiges bewirkt, nicht nur bei uns, sondern in der gesamten Automobilszene: Wir sind uns der eigentlichen Markenwerte bewusst geworden. Das wird dazu beitragen, dass sich die einzelnen Modelle verschiedener Marken künftig stärker unterscheiden. In der Vergangenheit haben wir Autodesigner immer wieder hören müssen, unsere Autos schauten alle gleich aus.

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mm: Derzeit heißt es auf gut postmodern "anything goes", das große Crossover hat begonnen. Für jeden Zweck und jede Marktnische wird der passende Mix angeboten. Goldene Zeiten für den Designer?

Schreyer: Crossover ist im Moment ein Zauberwort. Aber es klingt nach Mischmasch, und das sollte es nicht sein. Denn es gibt uns die Möglichkeit, aus dem Schubladendenken herauszukommen, das da lautet: Es gibt Limousinen und Kombis, Cabriolets und Geländewagen und Schluss. Der Denkansatz, Autocharaktere zu kreuzen, gibt uns die einmalige Chance, wirklich neue Produktprofile zu entwickeln. Das ist doch spannend.

mm: In der Autobranche, heißt es, werde das Design zunehmend wichtig. Aber warum hat nur Renault einen Designer im Vorstand?

Schreyer: Das Design ist sehr, sehr wichtig. Das hat gar nichts mit dem Ego oder der Eitelkeit von uns Designern zu tun. Form und Optik eines Autos sind Kaufgrund Nummer eins geworden und ein sehr wichtiger Differenzierungsfaktor ...

mm: ... und dennoch nicht im Vorstand angesiedelt.

Schreyer: Ich habe aber einen sehr kurzen Draht zum Vorstandsvorsitzenden. Ich muss nicht unbedingt den Titel haben, um meiner Verantwortung gerecht zu werden. Sie haben vielleicht schon mal von der Zigarrenrunde gehört, in der es informelle Gespräche gibt über Konzepte und das Design.

"Die Krönung unserer Zunft"

mm: Das Tabakskollegium als Kraftquell der Kreativität?

Schreyer: Herr Pischetsrieder ist passionierter Zigarrenraucher. So eine Runde kann auch durchaus mal länger in den Abend hineingehen, da wird nicht auf die Uhr geschaut. Und sie hat eine sehr persönliche, lockere Atmosphäre, in der offen über Entwicklungen geredet wird, ohne den Zwang eines Gremiums, in dem Entscheidungen gefällt werden müssen. Hier wird intensiv über Schritte in die Zukunft nachgedacht.

mm: Das jüngste Vorzeigestück aus Ihrem Büro ist nicht etwa ein Auto, sondern eine kreisrunde Digitalkamera für die Firma Minox. Autodesign auf Abwegen?

Schreyer: Nein, sondern eine Bereicherung für uns. Wir haben ein eigenes Team für Produktdesign. Das ist wichtig, weil wir so unseren Horizont offen halten.

mm: Und wieso muss eine Kamera gegen alle Gewohnheit kreisrund sein?

Schreyer: Die Firma Minox hat bei der Neuausrichtung des Unternehmens das Ziel verfolgt, sich über das Design stärker zu positionieren. Und dazu gehört Originalität, eine unverwechselbare Form. In dem Moment, wo sie in einer Kamera keinen Film mehr brauchen, sind Sie frei in der Form.

mm: Die Freiheit der Form: Was ist für Sie das schönste Design-Stück überhaupt, ein Klassiker, bei dem Sie schier dahinschmelzen?

Schreyer: "La Chaise" von Charles Eames. Kennen Sie den? Ich meine diesen weißen Fiberglassessel, der so ausschaut wie eine Eierschale. Der ist für mich die Krönung unserer Zunft.

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