Gestaltung Vergesst die Kanten, es lebe der Kreis

Mit den Kuben und Klötzen des Bauhauses - so scheint es - mag niemand mehr spielen. Retro ist angesagt, und plötzlich entdecken die Gestalter längst vergessene Rundungen und verpassen sie ungewohnten Objekten: der Lautsprecherbox und dem Fotoapparat, dem Staubsauger und dem Bad-Accessoire.

"Der Kreis ist eine Form, die so einfach und genial ist", sagt Rüdiger Folten, "dass man eigentlich kaum darüber diskutieren kann."

Der Mann muss es wissen. Er ist Designstratege bei Volkswagen und nebenbei auch noch verantwortlich für Formentwicklungen bei etlichen Fremdfirmen, so auch beim traditionsreichen Kamerahersteller Minox. Der in diesem Jahr ausgerechnet mit einem kreisrunden Fotoapparat daherkommt. Obwohl Knipsgeräte seit Anbeginn der Lichtbildnerei immer Kastenformat hatten.

Aber auch andere bislang kühl und kantig gestaltete Dinge des Alltags gerieren sich neuerdings kreisrund und voluminös. So etwa der Staubsauger Escargot aus dem japanischen Elektrohaus Toshiba, unlängst mit einem Roten Punkt, dem Gestaltungspreis des Design Zentrums Nordrhein-Westfalen, ausgezeichnet.

Oder die neuen Lautsprecher des BeoLab-5-Systems aus der dänischen Hi-Fi-Schmiede Bang & Olufsen, die ihren Schall über Kegel und Scheiben abstrahlen. "Die mit großem Abstand anspruchsvollsten und besten Lautsprecher", lobte salbungsvoll die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die David Lewis, der Chefdesigner des Hauses, je gestaltet habe.

Blaues Wunder: Das Minifon vom IT-Anbieter Dosch & Amand baute Gestalter Armand Billard

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Durchlauferhitzer: Das Duschteil, Typnummer DE 07210, ist ein Produkt der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH

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Birnenform: Eine Minikamera von Nokia-Chefdesigner Frank Nuovo

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Quellrund: Die Bad-Armatur Hansamurano, ein Entwurf von Reinhard Zetsche und Daimler-Designer Bruno Sacco

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Runde Wunder I:
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Der Kreis, Symbol für Sonne und Wonne, ist angesagt. Eine neue Generation von Gestaltern trennt sich, wie es scheint, vom lange vergötterten Prinzip des rechten Winkels, dem obersten Gebot des Bauhauses und seiner Jünger. Und das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" verkündete kürzlich in einer Titelgeschichte bereits triumphal "das Ende des Minimalismus".

Neue Töne vom Alten Meister

Der Nachwuchs greift derweil zurück - Stichwort: Retro-Design - auf Raymond Loewy, den Großmeister der Stromlinienform, oder die Heroen der 60er Jahre, die allesamt schwellende Rundungen und üppige Kreisformen bevorzugten. Wie etwa den Finnen Eero Aarnio, der 1962 den Rundsessel "Globe" entwarf. Oder den Dänen Verner Panton, der 1969 als Entwurf für die Kantine des SPIEGEL eine Welt in roten Kugeln und Kreisen ablieferte.

Und siehe, schon kann sich der geneigte Waldläufer an kreisrunden Radios aus der "Portable Sports Audio Collection" des Turnzeugherstellers Nike erfreuen. Der Warmduscher kann mit dem halbkugeligen Durchlauferhitzer DE 07210 von Bosch und Siemens Hausgeräte laut Hersteller der "Verletzungsgefahr" unter der Brause vorbeugen.

Und die junge Mutter darf für ihre Küchenkünste auf den Schnellkochtopf "Mami" des italienischen Haushaltsausstatters Alessi zurückgreifen: Die beidseitigen Griffe aus Bakelit haben, ungewöhnlich für derlei Gerät, eine gerundete Gestalt. Und somit, verspricht die Firmen-PR, "eine sanfte, gütige Ausstrahlung".

Wenn die Suppe doch einmal unsanft überkocht, dann hilft das - ebenfalls kreisrunde - Minifon des IT-Anbieters Dosch & Amand Systems. Das schnurlose Telefon, wie ein Medaillon bequem um den Hals zu tragen, verfügt über eine Komforttaste mit Notruffunktion.

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Runde Wunder II:
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Bei so viel Rundung wollte auch ein ganz alter Design-Fahrensmann nicht abseits stehen: Bruno Sacco, legendärer Mercedes-Chefdesigner, tat sich unlängst mit einem ungewöhnlichen Kreisobjekt hervor. Zusammen mit dem Münchener Gestalter Reinhard Zetsche entwickelte er einen Wasserhahn - bei dem das Nass aus einer kreisrunden Quelle über eine kreisrunde Milchglasscheibe herabströmt.

Bei der Präsentation des formschönen wiewohl seltsamen Wasserspiels gestand Sacco, dass die Form nicht immer der Funktion zu folgen habe. Neue Töne vom Alten Meister.

Weiterführende Literatur und Adressen

Wo man noch mehr zum Thema erfährt

Design im Netz: Prämierte Design-Innovationen des Design Zentrums Nordrhein-Westfalen finden sich unter www.red-dot.de  oder auch unter www.dznrw.com .

Neugestaltung: Wer wissen möchte, was kommt, erfährt es bei Charlotte und Peter Fiell (Hrsg.): "Designing the 21st Century. Design des 21. Jahrhunderts"; Taschen Verlag, 576 Seiten, 29,90 Euro.

Warenwelt: Von der Computermaus "Spaceball" bis zum Rasenmäher "Twister 500" - alles, was hip ist, findet sich in Katalogform bei Cynthia Reschke (Hrsg.): "Product Design"; TeNeues, 400 Seiten, 20 Euro.

Ausgezeichnet: 340 rote Punkte verteilten die Juroren des Design Zentrums Nordrhein-Westfalen unter rund 1500 Einsendungen für gute Gestaltung. Die Preisträger sind vereint bei Peter Zec (Hrsg.): "Design Innovationen. Jahrbuch 2003"; Red Dot Edition, 448 Seiten, 76 Euro.