Standortwahl Das Wunder von Zug

Becker, Beisheim, BASF - der Schweizer Kanton Zug zieht die Firmen und die Reichen an wie kaum eine zweite Region. Begehung eines Steuerparadieses.

Es gibt Bedürfnisse, die kann selbst Hans Marti (51) nicht befriedigen. Dieser groß gewachsene Gute-Laune-Mann mit weißem Haar und wuchtiger Nase. Der freundlich Dienst leistet. Dem das Unkomplizierte augenscheinlich in früher Jugend mit der Milchkanne eingetrichtert wurde.

Ja, solche Wünsche gibt es, die kann Hans Marti, der beflissene Leiter der Kontaktstelle Wirtschaft im Schweizer Kanton Zug, momentan nicht erfüllen - wie zum Beispiel den nach einem ansprechenden Obdach.

Traumwohnungen sind nun einmal knapp hier in der Region.

Und wenn ein naiver Ansiedlungsinteressent für seine Topmanager Luxusunterkünfte zu akzeptablen Preisen will, und zwar rapido, dann setzt Marti sein wärmstes Bedauerlächeln auf und spendet Trost. Derzeit sei leider nichts frei: "Aber wir planen und bauen ja ständig neue."

Ein unscheinbarer Hauseingang. In der Industriestraße Nummer 16 ist Boris Beckers neue Heimat, bis er ein wimbledonsiegerwürdiges Anwesen gefunden hat. Die Appartementanlage des viersternigen "Parkhotels" versprüht so viel Charme wie ein regennasser Hartplatz in Flushing Meadows. Eine sterile Eingangshalle mit zwei Topfpflanzen; eine Steintreppe führt in die oberen Etagen. Links wirtschaften die Haushaltshelfer der "Wasch- und Näh-Box", rechts offeriert der Spielwarenhändler "Kolibri" Märklin-Eisenbahnen. Hinter dem Haus strebt der "Bergli Weg" die Anhöhe hinauf.

Beckers Name steht auf keinem Klingelschild, wohl aber findet sich die Aufschrift "H. D. Cleven". Der Ex-Metro-Manager Hans-Dieter Cleven, der seit langem in der Zuger Gegend wohnt, hat Becker hergelockt. Der Vertraute des Tennis-Promis ist als Prokurist an "Boris Becker & Co." beteiligt; seit dem 1. Oktober wird die Firma (Geschäftszweck: Sportvermarktung) im örtlichen Handelsregister geführt.

Was treibt nur die Firmen und die Reichen in diese Kleinstadt im Niemandsland zwischen Zürich und Luzern? Die für den Sonnenuntergang am See und ihre weingeistreichen Kirschtorten berühmt ist. Eine Oase der Sauber- und Biederkeit. Gleichzeitig so wohlhabend, dass sie ihren Reichtum gern für sich behält.

Ein grauer Bürokomplex. Zügeln nennen die Einheimischen den Drang wegzuziehen. Boris, der Zügler, kam über die Kantonsverwaltung in der Aabachstraße wie ein Lawinenabgang.

"Sind Sie denn wahnsinnig?"

Als Becker, am ehemaligen Zweitwohnsitz München wegen Steuerschummelns abgeurteilt, im September bekannt gab, dass er fortan am Ort gemeldet und veranlagt werde, "waren wir zwei Tage lang blockiert", erzählt Chefansiedler Marti. Zig Interviews musste er geben, dutzende Spontananfragen beantworten und ewig aufs Neue die Vorteile des Standorts loben und preisen.

Dabei hätte es eines medialen Becker-Booms gar nicht bedurft. Was Investoren an Zug haben, wissen sie längst: Gut ausgebildete Arbeitskräfte, eine wirtschaftsfreundliche Verwaltung, saubere Seen, sanfte Hügel - und fiskalisch günstige Winde.

Ja, die Deutschen und die Steuer, seufzt der Herr Marti. Wie Feuer und Wasser die zwei. "Sind Sie denn wahnsinnig?" schalle es ihm des Öfteren entgegen, wenn er einem deutschen Siedlungswilligen die Idee nahe bringt, beim ersten Gespräch vor Ort doch gleich das lokale Steueramt mit an den Tisch zu holen.

In der Schweiz, sagt er dann, könne der Steuerzahler mit der Behörde so manches Vorteilhafte verbindlich festlegen, in angenehmer Atmosphäre, und zwar bevor er die ersten Zahlungen geleistet hat. Der Zuger Fiskus verlangt nicht viel. Von Firmen maximal 16 Prozent des Gewinns, der Schweizer Durchschnitt liegt bei 24, in Deutschland sind knapp 40 Prozent fällig. Einzelpersonen müssen höchstens 23 Prozent ihres Einkommens dem Staat geben.

Wehmütig erinnert sich der Ölmanager Ingo Neubert an sein letztes Fiskalerlebnis in Zug; dort hat er fünf Jahre lang für die Kasseler BASF-Tochter Wintershall gearbeitet. Weil sein Umzug nach Deutschland kurz bevorstand, fehlte ihm die Ruhe zum Ausfüllen der überfälligen Steuererklärung.

Neubert wollte einen Aufschub; sechs Monate wurden ihm generös gewährt - vom Pförtner, mit Amtsbrief und Dienstsiegel. Falls das nicht reiche: ein Anruf genüge.

21.000 Firmen beherbergen die elf Gemeinden des Kantons, eine auf fünf Einwohner. Jedes Jahr kommen rund 800 hinzu. Und immer mehr Deutsche zieht es ins Zuger Idyll.

Die Siemens-Gebäudetechnik (rund 1500 Beschäftigte) ist der größte Arbeitgeber am Ort. Die Metro-Handelsgruppe des scheuen Milliardärs Otto Beisheim sitzt im Kantonsstädtchen Baar. In enger Nachbarschaft lässt der schwäbische Maschinenbauer Trumpf Baugruppen schweißen. Und Wintershall vermarktet von Zug aus jedes Fass Rohöl, das die Firma auf dem Globus fördert.

Potente Steuerbürger

Ein grüner Briefkasten. Der Fiskal-Hype zieht vielfältige ökonomische Aktivitäten an, auch solche, die womöglich gar keine sind.

Auf einem grünen Postkasten am Bundesplatz 10 kleben mehr als 20 Adressen: Die "Agie Charmilles Holding AG" sehnt sich nach Briefverkehr, ebenso die "Anassa GmbH"; beide müssen den Schlitz mit der "Top Level Support GmbH" teilen; ja und auch die "Trimedex AG" ist hier postalisch anzutreffen.

Mehrere tausend Briefkastenfirmen soll es im Zuger Kanton geben; genau weiß das keiner. Den Ausdruck "Domizilgesellschaften" hört Ansiedler Marti viel lieber, vielleicht weil der Begriff mehr nach Heimat und Sesshaftigkeit tönt. 240 Treuhandbüros führt das kantonale Branchenbuch, keine Berufsgruppe verzeichnet mehr Einträge; die diskreten Helfer erledigen sämtliche Formalitäten rund ums virtuelle Geschäft.

Mindestens ebenso bedenkenswert wie die Blüte der Briefkastenbetreuer: 34 Psychotherapeuten wirken in der Region ... beschwert Wohlstand gar das Gemüt?

Ein gläserner Schauraum mit rund einem Dutzend Boliden. "Der Schweizer trägt den Pelz innen", sagen die Leute. Und er fahre im VW-Golf mit Ledersitzen spazieren. Was nicht heißt, dass der Luxuswagenverkäufer Pierre Sudan ein Fall für die Armenspeisung ist.

Seit zwei Jahren verkauft der Mercedes-Händler an der Baarerstraße auch Ferrari und Maserati. Und wenn der Besitzer der ältesten Autogarage am Platze von einer "sicherlich befriedigenden Nachfrage" spricht, dann verbirgt sich hinter diesem Wort, gemessen am durchschnittlichen Schweizer Euphorie-Level, ein phänomenaler Geschäftserfolg.

Die Ferrari-Lenker logieren in den Villengassen am Zuger Berg oder im Höhendorf Oberägeri, 737 Meter über dem Meeresspiegel. So können sie über den Nebel hinwegschauen, der den Menschen downtown oft den Tag vermiest. "Die Täler sind fürs Big Business, die Berge für den großen Geldbeutel", erklären Eingeborene die geografische Gewaltenteilung.

Die Leute leben gleichwohl nicht übel von ihren potenten Steuerbürgern auf den Hügeln.

Eine veritable Rushhour

Der kleinste Schweizer Kanton ist der finanzstärkste. Schuldenfrei. Das Pro-Kopf-Einkommen höher als in der Weltstadt Zürich. Die Arbeitslosenquote bei 3,5 Prozent, was den einen oder anderen Zuger zu der albtraumhaften Erkenntnis führt, er lebe in einem sozialen Brennpunkt - 1990 war die Ohne-Job-Quote nahe null.

Rund 700 Klinik- und Pflegebetten stehen in den Spitälern und Heimen des Kantons. Die Wirtschaftsförderer werben mit den Fremdsprachenkenntnissen der niedergelassenen Doktoren. Fremder geht es kaum: Beim Dentisten Patrick Sequeira in Cham kann man finnisch stöhnen, der Allgemeinmediziner Martin Staub aus der Gemeinde Baar versteht Suaheli.

Die Berufsschulen wurden neu gebaut, die renovierte Kantonsschule ist bald fertig. Die Freibäder und Büchereien sind gratis. Bleiben am Ende eines Haushaltsjahres noch ein paar Franken im Säckel, gibt es schon mal einen satten Steuerrabatt.

Und doch sind die Ureinwohner nicht vollends zufrieden. Dass sich ihr armer Agrarkanton zur "Schweiz in der Schweiz" hochgearbeitet und heruntergesteuert hat - schön. Aber um welchen Preis?

Eine veritable Rushhour. An der Ausfallstraße nach Baar braust der Verkehr wie - sagen wir - auf Schwabings Leopoldstraße zu Karfreitag. Mehrere Autos kommen zum Stehen.

Ja, ist das etwa kein Stau, oder?

Eine Viertelstunde braucht man heute von der Zuger City zur Autobahnauffahrt Richtung Zürich oder Luzern. Früher ging das ratzli-fatzli in fünf Minuten. "Eine Verdreifachung", sagt Marti, hätten ihm die Einheimischen vorgehalten. Um anschließend ihren Unmut schmallippig zu bündeln: "Kataschtrophe."

Und erst die Mieten: Büroraum ist immer noch günstig, aber eine Vier-Zimmer-Wohnung zum Beispiel kostet im Schnitt knapp 2000 Franken; das ist Züricher Niveau.

Protestierende Ureinwohner

Die "hohe Dynamik" habe dazu geführt, "dass man an Grenzen stößt", warnen die Politikberater von Credit Suisse  in einer Standortanalyse über das "Erfolgsmodell Zug".

Genug der Dynamik, findet so mancher Eingesessene. Immer schwerer fällt es den Regierenden, neue Großprojekte durchzubekommen. Hinter Baar wollen die Ansiedler einen zweiten Golfplatz bauen.

Im Kantonsparlament wird es für dieses Vorhaben vielleicht eine knappe Mehrheit geben. Aber dann muss die Gemeinde abstimmen. Und im Dorf formiert sich Widerstand gegen ein weiteres "Reservat für Reiche".

Das Zimmer 326 im dritten Stock der Kantonsverwaltung. Hans Marti hat sich leidlich arrangiert mit der Zuger Ambivalenz: hin- und hergerissen zwischen Bauerndorf und Global City, mal Melkmaschine, mal Maserati.

Er kramt ein letztes, stolzes Schaubild hervor. Eine Umfrage über Kompetenz, Kulanz und Kundenfreundlichkeit der Schweizer Fiskalverwaltungen.

Der Kanton Zug bekommt sechs Sterne, was so viel heißt wie: "Hier wird der Steuerzahler auf Händen getragen." Nur ein Stern bleibt für das Schlusslicht, das französischsprachige Genf, gleichbedeutend mit: "Den Kanton wechseln."

Marti ahnt, wohin sie kommen werden. Dringend sollte er es auffrischen, sein Französisch - jawohl.

Interview: Randolf Rodenstock zur Standortflucht


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