Was macht eigentlich Klaus Pohle?

An den verdienten Ruhestand denkt der ehemalige Schering-Finanzvorstand und bekennende Workaholic noch lange nicht. Weil er mehr sein will als ein hoch bezahlter Türöffner, leitet Pohle den Deutschen Standardisierungsrat. Seine Aufgabe: Unternehmen die Angst vor IAS zu nehmen.
Von Heide Neukirchen

Das neue Leben des Klaus Pohle (65) ist untrennbar mit einem Buch verbunden, das der Bibel ähnelt. Über 800 Seiten umfasst der Wälzer - schwere Kost, die über alltägliches Geplänkel weit hinausgeht.

Der Inhalt ist gleichwohl durchweg irdischer Natur. Das Werk enthält die neuen Rechnungslegungsvorschriften für Kapitalgesellschaften, besser bekannt als IAS (International Accounting Standards). Die sind ab Ende 2005 in der EU verbindlich.

Was Pohle damit zu tun hat? Der Mann ist in dem komplizierten internationalen Bilanzrecht zu Hause wie andere Vorstände auf dem Golfplatz. Schon 1994, lange vor dem Gros der Industrie, stellte er als Finanzvorstand des Pharmakonzerns Schering  auf IAS um. Jetzt ist sein Wissen dringend gefragt. Pohle, der im April bei Schering in Pension ging, bekam im selben Monat einen aufreibenden neuen Job.

Der Exmanager führt als hauptamtlicher Präsident den Deutschen Standardisierungsrat, das Topgremium im Bilanzierungswesen hier zu Lande. Und klärt über IAS pflichtbewusst wie ein Volkshochschullehrer auf. "Wenn wir Workshops veranstalten", berichtet er stolz, "haben wir erstaunlich viel Zulauf. Wer weiß schon, welche Konsequenzen der Übergang zu IAS hat?"

Pohle gefällt vor allem die diplomatische Seite seiner Mission. Er soll die europäischen Interessen beim IAS-Board in London geschickt platzieren und muss sich dabei eng mit Franzosen und Briten abstimmen. Der Board hat die Aufgabe, in das internationale Regelwerk europäische Besonderheiten einfließen zu lassen.

Pohle sitzt mehr im Flugzeug als zu Hause. Seine flinken braunen Augen verraten wie zu Schering-Zeiten stete Unruhe. Hundert Seiten Papier, sagt der nüchtern auftretende Herr, müsse er unabhängig von der Reisetätigkeit täglich durcharbeiten.

Um das Pensum zu schaffen, hält der Präsident sich und seine Umwelt in permanenter Bewegung. Schon frühmorgens nimmt Pohle - nebenbei noch Professor an der TU Berlin - Prüfungen ab. Mit dem Unijob soll allerdings demnächst Schluss sein.

Keine Zeit für die schönen Dinge

Der Finanzfuchs schlug für seinen IAS-Job drei lukrative Angebote von Investmentbanken aus. Er will einfach mehr sein als ein hoch bezahlter Türenöffner.

Als Ersatz für seine Schering-Limousine mit Chauffeur schaffte sich Pohle einen flotten Mini an. Das Auto passt in die Parklücken vor seinem Büro am Berliner Gendarmenmarkt.

Ein Schering-Aufsichtsratsmandat hätte Pohle zwar gern übernommen, er verzichtete aber, weil das gegen die eigenen Grundsätze verstoßen hätte.

Der frühere Schering-Chef Guiseppe Vita sitzt bereits als Vorsitzender im Aufsichtsrat. "Wir nehmen bei Schering die Corporate Governance sehr ernst", erklärt Pohle, "und zwei Ex-Vorstände im Aufsichtsrat sind eben nicht vertretbar."

Im August ging er als Kontrolleur zum Biotech-Spezialisten Lion Bioscience . Die Gesellschaft hat guten Rat nötig. Das Geld ist knapp, um die vielen Ideen weiterzuentwickeln. "Es wäre für Deutschland ein Riesenverlust", glaubt Pohle, "wenn das Unternehmen nicht überlebte."

Nach den Tagungen sitzt er mit einem anderen Workaholic aus dem Lion-Aufsichtsrat zusammen, Jürgen Dormann (63), früher Hoechst-/Aventis-Chef, heute Retter bei ABB . In den Gesprächen geht es wieder nicht um die schönen Dinge des Lebens. "Vielleicht in zwei Jahren", sagt Pohle, keineswegs unfroh.


Im Profil: Klaus Pohle

Klaus Pohle (65) wurde als Schering-Finanzvorstand international bekannt. Er wehrte in 22 Amtsjahren sechs feindliche Übernahmeversuche ab. Pohles Attacken gegen das Höchststimmrecht und sein Vorpreschen beim Aktienrückkauf setzten Maßstäbe. Wirtschaftliches Denken lernte Pohle schon im Elternhaus. Sein Vater war Bankier.

Pohle studierte Jura und Betriebswirtschaft in Tübingen, München und Harvard und promovierte zum Dr. jur. 1966 ging er zur BASF (Kurswerte anzeigen). Der Chemiekonzern schickte ihn nach New York, Sao Paulo, Barcelona und zurück zum Hauptstandort Ludwigshafen. 1975 bis 1980 war Pohle Leiter des Bereichs Finanzen. 1981 wechselte der gebürtige Potsdamer in den Schering-Vorstand nach Berlin.

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