Industrie-Bilder Vom Schwungrad zum Roboter

Vor 50 Jahren machte sich der legendäre Lichtbildner Peter Keetman mit der Kamera bei VW in Wolfsburg ans Werk. Ein junger Kollege hat die Expedition in die Produktion jetzt wiederholt.

Wenn sich der alte Herr an die aufregendste Zeit seines langen Berufsleben erinnert, klingt das, als hätte er gerade leibhaftig die eigene Auferstehung hinter sich. "Es gab keine Tabus. Ich war auf einmal frei, niemand befahl mir, was ich zu tun hatte. Unglaublich, dieser Ostermontag des 6. April 1953 ..."

An diesem Tag war der damals 37-Jährige mitsamt Kameraausrüstung in Wolfsburg durch das Werkstor von Volkswagen geschritten. Um in den folgenden drei Tagen vor der Kulisse der dampfenden, dröhnenden Automobilfabrikation seinem Handwerk nachzugehen. Rund hundert Aufnahmen aus der Käferproduktion fertigte Peter Keetman. Ohne Auftrag, ohne Aufsehen.

Heute ist der Mann berühmt. Seine Abzüge hängen in den großen Kunstsammlungen von New York, San Francisco, Chicago. Ein hoch dotierter Preis für Industriefotografie trägt seinen Namen. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg widmet sich dieser Tage der 50. Wiederkehr jenes fotografischen Werksbesuchs.

Und junge Lichtbildner eifern dem verehrten Vorknipser gehörig nach. Wie etwa Henrik Spohler, Jahrgang 1965, bekannt geworden mit unterkühlten Aufnahmen einer ABB-Anlage in der saudischen Wüste und aus dem Innenleben des heißesten Internet-Knotens in Deutschland, dem Frankfurter DE-CIX. Spohler hat sich nun - 50 Jahre nach Keetman - mit einer Linhof-Großbildkamera in die Werkshallen am Mittellandkanal aufgemacht. Und in vier Tagen acht Fotografien gefertigt. Als Dokumente aus der Industriewelt des 21. Jahrhunderts - kalt, keimfrei, rational, ohne Menschen.

Die Unterschiede zwischen den beiden Fotografen sind eklatant: Wo Keetman noch die Erotik gerundeter Käfer-Formen entdeckte, gibt es bei Spohler lediglich das gleißende Gestänge der Fließbänder. Wo Keetman Blechpressen mit ausladenden Schwungrädern sah, fand Spohler nur mehr die autonom agierenden Schweißroboter im Gittergefängnis.

Wo Keetman Monteure an Karossen antraf, umhüllt mit bitterem Dunst von Schmierstoff und Metall, herrschen bei seinem Nachfahren die Automaten. Und atmen eine Liebe zur Welt der Warenproduktion, die kälter ist als der Tod.

Ein Blick, der bereits bei den Großen der Industriefotografie wie Albert Renger-Patzsch oder Charles Sheeler angelegt ist. Erst recht aber bei Bernd und Hilla Becher, den beiden Granden der Nachkriegsfotokunst.

Fotografie weltweit hoch im Kurs

Das Ehepaar, das Anfang der 60er Jahre ausgezogen war, die Reste des ausklingenden Industriezeitalters zu dokumentieren, brachte es mit seinen distanzierten Schwarz-Weiß-Fotos von Kühltürmen, Fabrikhallen und Förderanlagen zu internationaler Anerkennung in der Kunstszene, zu Professorentiteln an der Düsseldorfer Akademie und zu Vorbildern einer höchst erfolgreichen Schülerschar.

Der gefragteste unter den Becker-Jüngern ist Andreas Gursky. Im vergangenen Jahr erzielte ein Großabzug des Leipzigers auf einer Christie's-Auktion mehr als 700.000 Dollar. Für die November-Versteigerung hat das Auktionshaus Phillips in New York das Gursky-Abbild eines Wohnsilos in Atlanta im Angebot, 1,86 mal 2,56 Meter groß. Schätzpreis: 250.000 Dollar.

Fotografie, insbesondere aus deutschen Labors, steht weltweit hoch im Kurs. So feierte gerade erst London einen "Sommer der Fotografie", zu dem fünf ruhmreiche Museen der britischen Hauptstadt zusammenfanden und ihre Besucher in Sonderausstellungen über Augenweiden des Lichtbildes spazieren ließen.

Sogar die ehrwürdige Tate Gallery gab ihre lang gehegten Vorbehalte gegen die Knipskunst auf. Und öffnete die heiligen Hallen dem Fotografen Wolfgang Tillmans, der für seine Schmuddel-Alltags-Fotos als erster Deutscher vor drei Jahren den Turner-Preis, Oscar der Kunstszene, erhalten hatte. Gleichzeitig bot die Tate Modern am anderen Themseufer einen Überblick zur Dokumentarfotografie im 20. Jahrhundert. Selbstverständlich mit dabei die Bechers und ihre Schüler, neben Altmeistern wie Lee Friedlander, Lewis Baltz, August Sander und Renger-Patzsch.

Auch am Markt hat Fotokunst heftig Konjunktur. Auf der "Art Basel" im Juni hatte bereits die Mehrheit der globalen Galeristengemeinde auch Fotokunst in den Kojen. Nicht anders wird es auf der anstehenden Kölner Kunstmesse Artcologne zugehen.

In diesem Hype hat auch Peter Keetman seinen Preis. Ein Abzug seiner "Spiegelnden Tropfen" wurde kürzlich vom Kölner Auktionshaus Lempertz für 3600 Euro zugeschlagen. Nicht eben wenig für ein Stück Papier, 12 mal 18 Zentimeter klein, überzogen mit Spuren feinen Lichts.


Ausstellungen

Peter Keetman, "Volkswagenwerk 1953", Kunstmuseum Wolfsburg, 8.11.2003 bis 22.2.2004.

Bernd und Hilla Becher,"Typologien industrieller Bauten", K 21 Kunstsammlung, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 29.11.2003 bis 12.4.2004.

Fotoband

Peter Keetman: "Volkswagenwerk 1953", Kerber Verlag, 176 Seiten, 78 Euro.

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