Osteuropa Mauer-Fall

Am 1. Mai 2004 werden die letzten Barrieren zwischen der EU und den beitretenden Staaten beseitigt. Fachleute rechnen mit einem Wachstumsschub. manager magazin hat die vielversprechendsten Regionen in den neuen Ost-Ländern besucht.

Prag, morgens um acht.

Ein sonniger Herbstmorgen. Der Duft von Erde, Putz und feuchtem Keller hängt in den Straßen der Altstadt. Deutsche Metropolen riechen anders. Moderner, steriler. Prag hingegen verströmt ein Aroma von verblichener Grandezza, Kaffee und Autoabgasen - melancholische Erinnerung an eine große Vergangenheit, die weit in die Zukunft hineinragt.

Es ist der erste Tag der Reise. Das Auto steht bereit. Zweieinhalbtausend Kilometer liegen vor uns - von Zentralböhmen über Wien nach Transdanubien, in die Ostslowakei bis an die ukrainische Grenze, dann nordwärts durch die Karpaten nach Oberschlesien, schließlich nach Warschau.

Wir wollen wissen, wo sich in den EU-Beitrittsländern in den kommenden Jahren die wirtschaftliche Dynamik kristallisieren wird. Wir wollen die vielversprechendsten Regionen erleben. Wir sind auf der Suche nach dem Herzschlag des neuen Europa.

Die besten Regionen in den besten Ländern hat eine Studie der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) und der Unternehmensberatung EMC für manager magazin geortet. Slowenien, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Polen stehen ganz oben auf der Liste (siehe: "Studie: Welche Ost-Länder die besten Chancen bieten").

Diese Länder dürften auch die Hauptprofiteure einer zweiten großen Welle von Investitionen aus Deutschland und anderen westlichen Ländern sein, die im Zuge des EU-Beitritts am 1. Mai 2004 bevorsteht. Die Grenzkontrollen fallen weg, der Zugang wird einfacher. Nicht mehr nur Großkonzerne zieht es gen Osten, nun kommen auch mehr und mehr Mittelständler.

Die Dynamik wird sich nicht in der Fläche verlieren, sondern sich auf die ökonomischen Zentren konzentrieren. "Gerade die etablierten Standorte", sagt Professor Jürgen Weigand, einer der Autoren der Studie, "haben großes Potenzial."

Rímská-Straße 15, vormittags. Das Büro von Miroslav Tacl liegt nur wenige Schritte oberhalb des Wenzelsplatzes im Prager Quartier Neustadt. Tacl, Chef der tschechischen Tochter des Allianz-Konzerns , ist auf dezente Art gut gelaunt. Im zweiten Quartal 2003 konnte er 15 Prozent mehr Prämieneinnahmen verbuchen als im Vorjahresquartal. Er meint, es sei der Beginn eines langen Aufwärtstrends. Das hebt die Stimmung. Auf dem Besprechungstisch steht ein großer Strauß Gladiolen.

"Deutschland ist unser Vergleich"

"Wir befinden uns hier westlich von Wien", sagt Tacl. Soll heißen: Dies ist nicht der Osten und nicht der Balkan; dies ist eine Region, die bis zum Zweiten Weltkrieg zu den reichsten in Europa zählte. Dass Tschechien schon in wenigen Jahren das Wohlstandsniveau des ärmsten Alt-EU-Staats Portugal erreichen wird, steht für Tacl außer Frage. "Deutschland und Frankreich - das ist unser Vergleichsmaßstab."

Wenn Tacl solche Sätze sagt, wirkt das nicht arrogant oder anmaßend - dazu ist seine Stimme zu sanft -, sondern selbstverständlich. Schon heute ist der Großraum Prag die reichste Region der Beitrittsländer, die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt über dem Durchschnitt Westeuropas. Aus Prager Sicht ist der EU-Beitritt Tschechiens ein letzter formaler Akt, der einen, historisch gesehen, anomalen Zustand beendet.

Abfahrt Nr. 49, zwölf Uhr mittags. Das Prager Stadtgebiet mit all seinen Supermärkten, Autohändlern, Baukränen und Staus liegt eine halbe Autostunde hinter uns. Zeit für einen Abstecher. Hinter Autobahnabfahrt Nr. 49 führt die schmale Straße durchs dünn besiedelte, hügelige mittelböhmische Hinterland. Nadelwälder, Obstbäume, Birken. Dazwischen kleine Dörfer. Rentner in abgewetzten Jacketts - die Verlierer des großen Umbruchs nach 1989 - zerren Handkarren voll Gemüse die Straße entlang. Surreal die Vorstellung, dass Prag nur 50 Kilometer entfernt ist. Wo die Hügel in die Ebene auslaufen, tauchen Hochhäuser, Industriehallen und Schornsteine am Horizont auf: Kolín. 32.000 Einwohner, eine Kleinstadt an der Elbe. Hier entsteht ein industrielles Großprojekt, das in den nächsten Jahren den gesamten Landstrich östlich von Prag verändern wird: Peugeot-Citroën (PSA) und Toyota  errichten eine Gemeinschaftsfabrik. 2005 sollen die ersten Autos vom Band laufen. Rund um das Werk werden sich Zulieferer ansiedeln. Von denen wird wiederum die örtliche Wirtschaft profitieren. Das übliche Entwicklungsmuster.

Eigentlich wollte BMW  hier eine Fabrik bauen. 250 Standorte hatten die Münchener geprüft. Kolín war der beste. Gute Infrastruktur, ausgebildete Leute, das Lohnniveau liegt bei einem Viertel des deutschen. BMW kam letztlich doch nicht, sondern ging nach Leipzig (wo mehr als 350 Millionen Euro Subventionen lockten) und überließ Toyota/PSA das Feld.

Südböhmen, nachmittags. Zurück auf der Autobahn D1 Richtung Südosten. Bei Brno (Brünn) grinsen Steffi und Agassi von riesigen T-Mobile-Werbetafeln gegen das Grau der unendlich wirkenden Plattenbauten an. Einige österreichische und oberpfälzische Mittelständler hat es schon nach Südböhmen gezogen. Viele weitere, schätzen Fachleute, werden folgen. Die Grenzstadt Budweis, früher ein ödes Nest, das nur von der Brauerei lebte, ist inzwischen ein blühender Ort. Der Geist des alten Europa strahlt über die nahe Grenze: Auf "Radio Niederösterreich" fordern jammernde Milchbauern mehr Staatsgelder.

"Wir haben feinere Sensoren"

Wien, zehn Uhr morgens. Der Weg zu Friedrich Stara führt durch einen Hinterhof in Wiens drittem Bezirk, der nach Persil riecht, dann weiter an Lkw vorbei, die von schwitzenden Männern beladen werden. Überraschend, dass hier ein Konzernherr residiert, der über 18 Länder gebietet.

Rund 300 Multis steuern ihr Osteuropa-Geschäft von Wien aus - Siemens , SAP , McDonald's  und viele andere. Stara managt die Aktivitäten des Konsumgüterkonzerns Henkel  im vormaligen Ostblock.

Sagen Sie mal, Herr Stara, warum sitzen so viele Osteuropa-Zentralen in Wien?

"Nun, unsere geografische und mentale Nähe zu diesen Ländern hilft natürlich ..."

Mentale Nähe?

"Wir Österreicher sind ja oft dem Vorwurf ausgesetzt, wir seien schon Teil des Balkans. Tatsächlich können wir mit der Umbruchsituation - mit den vielen Pannen, die in diesen Ländern passieren - besser umgehen. Österreichische Manager können einen Tick besser improvisieren als deutsche."

Spielt die gemeinsame Geschichte eine Rolle? Es ist auffällig, dass die vielversprechendsten Standorte schon im österreich-ungarischen Kaiserreich Metropolen waren.

Die besten Investitionsstandorte unter den neuen EU-Ländern

Rang/Land Bestand ausländischerDirektinvestitionenin Mio. Euro Einwohnerzahl in Millionen WichtigsteWirtschaftsregionen
1.Polen 53.152,2 38,6 Warschau, Oberschlesien
2.Tschechien 26.559,7 10,3 Zentral- und Südböhmen
3.Ungarn 11.290,2 10,1 Transdanubien, Budapest
4.Slowakei 4.727,8 5,4 Bratislava, Kos ice
5.Slowenien 3.208,9 2,0 Ljubljana


"Sicher, es ist hilfreich, eine gemeinsame Vergangenheit zu haben. Gerade mit Ungarn verbindet uns eine Seelenverwandtschaft. Nicht zuletzt haben beide Länder extrem hohe Suizidraten. Achten Sie mal auf die Texte der Heurigenlieder, da geht es nur ums Sterben und die Himmelfahrt. In der ungarischen Volksmusik ist das noch extremer."

Und die gemeinsame Todessehnsucht hilft beim Geschäftemachen?

"Wir haben feinere Sensoren für das, was die Menschen dort umtreibt. Mitte der 80er Jahre haben wir hier in Wien schon gespürt, dass sich hinter dem Eisernen Vorhang etwas verändert. Wir bei Henkel sind heute noch stolz darauf, dass wir das erste Joint Venture mit Mehrheitsbeteiligung im Ostblock gewagt haben, 1987 in Ungarn."

Der Szentkuti-Witz

Friedrich Stara schlägt eine Präsentationsmappe auf und deutet auf eine Grafik. Sie zeigt den "Persil-Index", einen Kaufkraftindikator: Wie lange muss ein Bürger arbeiten, um sich ein 600-Gramm-Paket Persil kaufen zu können? Ein Österreicher 6 Minuten, ein Ungar, Tscheche oder Pole 30 Minuten, ein Russe fast 400 Minuten. Stara will eine Botschaft überbringen: Es wird noch viele Jahrzehnte dauern, bis die neuen EU-Länder Westniveau erreichen. Zu gigantisch ist die Wohlstandslücke.

Schlecht für die Konsumgüterindustrie; als Absatzmärkte werden die Ostländer auf absehbare Zeit nur begrenzte Bedeutung haben. Gut für die Industrie; denn arm heißt eben auch: niedrige Produktionskosten.

Straße Nummer 84, mittags. Gleich hinter der ungarischen Grenze ist das Wohlstandsgefälle körperlich spürbar. Die Landstraße 84 fühlt sich nach Balkan an. Ausgefahrener Asphalt, Lkw, Traktoren, todessehnsüchtig überholende Autos. Schlummernde Dörfer; Fenster mit halb heruntergelassenen Rollläden, die den Häusern einen Schlafzimmerblick verleihen. Abseits der Orte warten Frauen mit aufgedunsenen Gesichtern auf Freier.

Dass diese Gegend prosperiert, zeigt sich erst in Szombathely. Wo die Landstraße endet, glitzert der Claudius-Park, ein Industriegebiet voll neuer Hallen. Die Autozulieferer Delphi  und LuK produzieren hier, der Elektronikkonzern Epcos  und viele andere.

Szombathely, Altstadt, nachmittags. Die Verwaltungszentrale von Epcos liegt in einer Wohnstraße. Einen zweckmäßigen Gewerbebau hat der Siemens-Ableger für passive Elektronikbauteile bezogen. Das Gebäude wirkt seltsam vorläufig, nicht so, als ob Epcos hier Wurzeln schlagen wolle.

László Szentkuti, ein Deutscher mit ungarischem Vater, hat einen festen Blick. Für seine 35 Jahre strahlt der Standortchef eine bemerkenswerte Autorität aus. Und eine gewisse Härte. Als er vor zwei Jahren hierher kam, musste er gleich 500 von 1300 Leuten entlassen. Das prägt.

Die größte Krise in der Geschichte der Elektronikindustrie traf auch Szombathely, ein Zentrum der Branche. Damals, sagt Szentkuti, hätten sie sich im Werk den Witz erzählt: "Kennst du schon den Szentkuti? Nee, alle, die ihn kennen gelernt haben, sind nicht mehr da."

Gequältes Lachen.

Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Szentkuti hat schon wieder 250 Leute eingestellt. "Da sind wir flexibel." Falls erforderlich, kann er sie jederzeit wieder entlassen. Binnen 30 Tagen, einfach so, ohne Begründung, ohne Verhandlungen mit Betriebsrat oder Gewerkschaft.

Dennoch sagt Szentkuti: "Das hier ist kein Billigstandort mehr." Die Epcos-Beschäftigten verdienen ein Sechstel der Löhne ihrer deutschen Kollegen. Ein enormer Fortschritt. Als die Epcos-Mutter Siemens 1993 in Szombathely mit der Lohnfertigung begann, bekamen die Arbeiter bloß ein Zehntel. Inzwischen herrscht in Westungarn Vollbeschäftigung. Das treibt die Löhne.

Generatoren der Wirtschaft

Der Wettbewerb zwischen den Standorten ist hart. In Rumänien arbeiten die Leute für ein Fünftel der ungarischen Löhne. Wenn sie sich in Ungarn nicht anstrengen, stehen Rumänien, Bulgarien, Russland oder die Ukraine gern als Ersatzstandorte bereit.

Epcos reagiert, Szombathely wird aufgewertet. 100 Ingenieure arbeiten inzwischen bei Szentkuti. Entwicklung, Controlling, Einkauf erledigen sie aus Szombathely für andere Standorte mit - immer mehr hochwertige Aufgaben werden kurz hinter die österreichische Grenze verlagert. Aus Deutschland.

Auch Mittelständler entdecken die Gegend. In diesen Wochen zieht ein deutscher EDV-Dienstleister bei Epcos als Untermieter in einen leer stehenden Gebäudeteil. Mit Blick auf den EU-Beitritt rollt eine zweite Investitionswelle heran.

Autobahn M1, kurz nach Sonnenaufgang. Die M1 führt an Györ, dem Industriezentrum Westungarns, vorbei. Vor zehn Jahren war Audi  der erste Großinvestor hier, Initialzündung des Wohlstands. Durch die Berge schlängelt sich die exzellente Autobahn gen Budapest. An der ungarischen Millionenstadt fahren wir diesmal vorbei. Keine Zeit. Also weiter, Kurs Nordost.

Jenseits von Budapest vermittelt sich erstmals der Eindruck der Weite Osteuropas. Offenes Hügelland, dünn besiedelt. Äcker im Nebel. Kruzifixe am Straßenrand. Die Autobahn ist die einzige ökonomische Lebensader. Brandneue Shell-Tankstellen warten auf Kunden. Arbeiter pflegen frisch gesetzte Alleebäume.

Aber sonst? In diesen menschenarmen Gebieten wird sich keine ökonomische Spannung aufbauen. Zwangsläufig konzentriert sich die Entwicklung auf die wenigen Ballungsräume. Sie sind die Generatoren der Wirtschaft, gerade in Osteuropa, wo die wenigen Straßen- und Schienenstrecken sternförmig auf die Hauptstädte ausgerichtet sind und das flache Land schlecht erreichbar ist.

Grenzübergang Tornyosnémeti, vormittags. Trotz des spärlichen Verkehrs stehen zig Lkw an der ungarisch-slowakischen Grenze. Sie müssen ein paar Stunden warten. Zollabfertigung. Lange dauert es nicht mehr, bis die Kontrollen wegfallen. Es wird der größte unmittelbare Vorteil des EU-Beitritts für diesen Landstrich sein: Schlagartig entsteht eine durchgehende Straßenverbindung zwischen den ökonomischen Zentren Ungarns, der Ostslowakei und Südpolens.

Weiter, nach Kosice. Das riesige Stahlwerk, das das Stadtbild prägt, ist eines der größten Europas; seit 2000 gehört es US-Steel . Plattenbauten, graue Mietskasernen, durchsetzt mit bunten Werbetafeln und Supermärkten. Die Straßen sind voller neuer Autos.

Die nach Bratislava zweitgrößte Stadt der Slowakei (240.000 Einwohner) ist das Herz dieser Region. Nirgendwo sonst in der Slowakei (außer rund um Bratislava) haben Ausländer so viel Geld investiert. Anderthalb Jahrhunderte industrielle Tradition wirken nach; schon zu K.-u.-k.-Zeiten war Kaschau, wie die Wiener die Stadt nannten, eine östliche Boomtown.

Wir fahren weiter in die zweite Industriestadt der Region, nach Michalovce.

"Wir machen das ganz anders"

Michalovce, nachmittags. Die Stadt ist eine Art Vorposten am Rande des westlichen Universums. Rau, roh, grau. Der Reiseführer schweigt über Michalovce. 30 Kilometer östlich beginnt die Ukraine - Grenze der Nato, demnächst auch der EU. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent.

Thomas Mergler kam vor zehn Jahren her. Damals, sagt er, waren sie hier so arm wie heute in der Ukraine. Inzwischen leitet er das Werk von Bosch Siemens Hausgeräte (BSH) in Michalovce. Sämtliche Motoren und Pumpen für Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler, die unter den Marken Bosch und Siemens verkauft werden, stammen von hier. Außerdem beliefern sie General Electric , Whirlpool  und andere.

Als verlängerte Werkbank für arbeitsintensive Fertigung für den bayerischen Mutterkonzern haben sie begonnen. Heute machen sie alles, Entwicklung, Controlling, seit kurzem auch die Vermarktung ihrer Motoren. Immer mehr Einheimische rücken in Führungspositionen auf.

Ein verbreitetes Muster: Die deutsche Industrie wandert gen Osten ab und wird allmählich assimiliert. Was wächst in Deutschland nach?

Mergler mag die Gegend. Und er mag die Leute. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Ölgemälde, ein Luftbild des BSH-Werks. Ein Mitarbeiter hat es für ihn gemalt.

Wenn er von der laschen Arbeitseinstellung der Belegschaften in Deutschland höre, dann rege ihn das auf, sagt Mergler. Die Gewerkschaften daheim, die sollten lieber gemeinsam mit den Arbeitgebern "unternehmerisches Denken" pflegen. Im endlosen politischen Gezerre, schimpft Mergler mit dem schweren Zungenschlag seiner fränkischen Heimat, gehe nicht nur die Flexibilität verloren, sondern auch der Spaß an der Arbeit. "Wir hier machen das ganz anders. Wenn viel zu tun ist, werden die Pausen durchgearbeitet. Und wenn die Leute mal ein paar Stunden mehr arbeiten sollen, dann machen die das gern, wenn man es ihnen erklärt."

Es gibt Sonntage, an denen Mergler mit den Produktionsleitern und Meistern eine Sonderschicht einlegt. Dann ziehen sie die blauen Kittel an, lassen das Band laufen "und bauen mal eben 1000 Motoren. Danach gehen wir zusammen ein Bier trinken."

In einer Gegend, in der andere Vergnügungsmöglichkeiten rar sind, muss man sich den Spaß eben bei der Arbeit holen.

Landstraße 18, morgens. Es ist Sonntag. Durch die Hügel der Karpatenausläufer schlängelt sich die Straße entlang bunten Herbstwäldern und abgeernteten Äckern, auf denen Roma-Großfamilien nach liegen gebliebenen Kartoffeln scharren.

In Ruzomberok biegen wir ab, durch die Berge Richtung Polen. Die Straße wird schmaler, begleitet Gebirgsflüsse. Kleine Dörfer, riesige Kirchen. Abenteuerlich, dass dieser Gebirgsweg die Hauptverkehrsverbindung zwischen der Region Kosice und den Wirtschaftszentren im Süden Polens ist.

Auch an der slowakisch-polnischen Grenze: kilometerlange Lkw-Schlangen, stundenlange Wartezeit. Höchste Zeit für die Grenzöffnung.

Menschen statt Maschinen

Autobahn A4, nachmittags. Bei Krakau beginnt der große südpolnische Ballungsraum, der sich von hier aus nach Westen erstreckt, über Oberschlesien und Oppeln bis nach Breslau. Rund sieben Millionen Menschen leben in diesem Landstrich, fast 20 Prozent der polnischen Bevölkerung. Universitäten, reges kulturelles Leben, Kohlengruben, Kraftwerke, Stahlhütten, seit einigen Jahren auch moderne Industriebetriebe, alles verbunden durch die Autobahn A4.

Kattowitz überrascht mit viel Grün und sichtbarem Wohlstand. Obi, Kentucky Fried Chicken, McDonald's, Tesco-Hypermärkte, BP-Tankstellen . Der Westen ist längst da.

Weiter nach Gleiwitz am westlichen Rand des oberschlesischen Reviers. Oberflächlich betrachtet, eine graue Industriestadt, gesichtslose Wohnblocks, bröckelnder Putz. Krieg und Sozialismus haben tiefe Furchen hinterlassen. Doch ein Rundgang durch das alte Zentrum offenbart: Die Stadt lebt. Tausende gut gekleideter Gleiwitzer flanieren. Die Straßenlokale auf dem frisch renovierten Marktplatz sind voll besetzt. Auch in Gleiwitz hat die Zukunft längst begonnen.

Opel-Fabrik, morgens um neun. 2000 Arbeiter bauen am Stadtrand von Gleiwitz den Kleinsttransporter Agila, demnächst außerdem den alten Astra, wenn Westeuropas General-Motors-Fabriken auf das neue Modell umstellen. In den Produktionshallen schaffen mehr Menschen an den Bändern als in deutschen Werken. Statt auf voll automatisierten Roboterstraßen werden in Gleiwitz die Karosserieteile noch von Hand zusammengeschweißt.

Die Lohnkosten sind niedrig.

Zuerst hatte es Opel mit einem simplen Montagewerk in der Nähe von Warschau probiert. Dann aber sollte eine richtige Fabrik her. Die Wahl fiel auf Gleiwitz - wegen der gut ausgebildeten Industriewerker und Ingenieure in der Gegend, der guten Straßenverbindung nach Deutschland und Tschechien. Und wegen der steuersparenden Konditionen in der hiesigen Sonderwirtschaftszone. Eine Kombination, die es nur in Schlesien gibt. Immer mehr Industriebetriebe siedeln sich auf den grünen Wiesen entlang der Autobahn nach Breslau an.

Schlesien, polnisch Slaskie, ist immer noch eine Multikulti-Region. Jahrhundertelang lebten Polen, Deutsche und Juden nebeneinander. Nach dem Krieg widerstanden viele Deutsche der Vertreibung, sie blieben, wurden Polen. Immer noch gibt es Deutschsprachige, gerade unter den Älteren. "Dieses Erbe", sagt Opel-Sprecher Wojciech Osos, "ist ein großer Vorteil, gerade für einen internationalen Konzern wie General Motors."

Osos weiß, wovon er spricht. Seine Großmutter heißt Steuer.

Keine Zeit für Schönes

Landstraße Nummer 1, nachmittags. Sobald man die Stadt verlässt, wird klar, warum die WHU/ EMC-Studie Polen bei der Standortqualität als letztes Land unter den Top Five platziert. Nördlich des oberschlesischen Ballungsgebiets breitet sich das große ökonomische Niemandsland aus. Nadelwälder. Sandige Böden. Bauern, die schmale Ackerstreifen bestellen. Ein Fünftel der Beschäftigten Polens ist noch in der Landwirtschaft tätig. Schwach produktive Betriebe, die den Wettbewerb im EU-Binnenmarkt nicht überleben werden. Eine große Landflucht steht bevor. Profitieren werden die wenigen städtischen Zentren.

Die Landstraße Nummer 1 ist zweispurig, immerhin, aber holprig. Familien sitzen am Straßenrand und bieten Pilze an, die sie im Wald gesammelt haben. Es gibt keine Ortsumgehungen, in jedem Dorf Ampeln. Dies ist die Hauptverkehrsstraße zwischen den wichtigsten Wirtschaftszentren Polens, zwischen Warschau und Oberschlesien.

Schließlich erreichen wir Warschau, unser letztes Reiseziel. Die Hauptstadt von Polen kündigt sich durch eine gigantische Shopping Mall an. In der Ferne recken sich die Bürogebäude und Hoteltürme des Zentrums.

Warschau wirkt wie eine texanische Großstadt, wie Houston oder Austin. Schnell hochgezogen, rechtwinklig, ökonomisch zweckmäßig, für Schönes war keine Zeit. Eine Stadt zum Geldverdienen und sonst nichts.

Sienna-Straße 39, morgens um zehn. Wenn Torsten Bogen aus dem Fenster seines Büros sieht, blickt er auf eine gigantische Hinterlassenschaft der Sowjetmacht: den Kulturpalast. Ein stalinistischer Bombast-Bau, für die Polen ein Symbol der Unterdrückung.

Bogen, Anwalt der Kanzlei Gleiss Lutz, geleitet deutsche Unternehmen durch den Verwaltungsdschungel. Der Sozialismus ist tot, der Zentralismus lebt: "Alles läuft in Warschau." Die meisten, die in Polen Geschäfte machen, haben hier ein Büro. Produzieren lässt sich besser im Süden, aber der tägliche Kampf mit der Bürokratie tobt in der Hauptstadt. "Wenn Sie zum Beispiel als Deutscher ein Grundstück erwerben wollen", sagt Bogen, "muss der Innenminister zustimmen. Die Bürokratie ist atemberaubend." Mit dem EU-Beitritt würden diese Hürden abgebaut: "Künftig wird es viel einfacher, sich in Polen anzusiedeln."

Der Westen rückt näher. Endlich.

Warschau, Flughafen, nachmittags. Vor dem Rückflug nach Hamburg ein Resümee.

Erstens: Die Reise hielt positive Überraschungen bereit. Dies ist nicht der Wilde Osten, dies sind wohl organisierte Landstriche.

Zweitens: Als Industriestandorte sind die Spitzenregionen vielen im Westen überlegen. Und sie werden mit dem EU-Beitritt noch attraktiver.

Drittens: Das Gefälle zwischen Stadt und Land ist extrem; Armut und neuer Reichtum liegen dicht beieinander. Unterschiede, die sich weiter verstärken dürften.

Und viertens? Wir kommen wieder.

Vor einer zweiten Welle


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