Adolf Merckle Der Pate aus Blaubeuren

Adolf Merckle sammelt Unternehmen wie andere Uhren, sein Firmenreich regiert der Milliardär mit einer Hand voll Getreuer. Das Geschäftsmodell basiert vor allem darauf, Gewinne zu verschieben und Steuern zu minimieren.
Von Heide Neukirchen

Adolf Merckle (69) ist ein Investor, der seine Eigentümerrolle durchaus ernst nimmt. Das hat er auf der Hauptversammlung des Pistenbully-Herstellers Kässbohrer  im vergangenen Frühjahr mal wieder bewiesen. Weil ihn die Präsenz der Kreissparkasse Biberach im Aufsichtsrat des Unternehmens zunehmend nervte, kegelte Mehrheitsaktionär Merckle den Bankenvertreter kurzerhand aus dem Kontrollgremium. Seither ist es fest im Griff des Merckle-Clans; die Sparkasse, immerhin mit 39,9 Prozent an der Firma beteiligt, hat nichts mehr zu melden.

Wenige Stunden nach der Hauptversammlung nahm Patriarch Adolf seine Eigentümerrechte ein zweites Mal wahr. Er feuerte den Vorstandsvorsitzenden Hendrik Grobler. Der angesehene Chef des Weltmarktführers für Skipistenfahrzeuge (Umsatz: 130 Millionen Euro) hatte sich unter anderem erdreistet, für 25 Millionen Euro eine neue Fabrikhalle plus Bürogebäude bauen zu lassen. Das fand der sparsame Eigner zu teuer. Also griff er ein (siehe: "Der mit den Pistenbullys tanzt").

Corporate Governance by Merckle.

Kaum eine deutsche Unternehmerdynastie agiert so unberechenbar und schonungslos wie der Merckle-Clan aus Blaubeuren. Binnen weniger Jahrzehnte haben Adolf Merckle, seine Frau Ruth und ihre Kinder Ludwig, Philipp und Jutta ein Konglomerat geschaffen, das rund 18 Milliarden Euro umsetzt. Die Familie zählt zu den Reichsten der Republik.

Die Firmengruppe ist breit aufgestellt: Sie fertigt Windkraftgeneratoren, betreibt Skilifte und züchtet sogar Schafe. Die Perlen im Portfolio sind Ratiopharm, Europas größter Generikahersteller, und Phoenix, Deutschlands führender Pharmahändler.

So unorthodox der Produktmix, so ungewöhnlich auch die Managementmethoden des Merckle-Clans. Familienoberhaupt Adolf führt seinen Konzern wie ein Industrieller seine Fabriken im vorigen Jahrhundert: Wer für ihn arbeiten will, muss ihm treu ergeben sein. Rechthaberisch und streitsüchtig legt sich der Rechtsanwalt mit fast jedem an, der aufmuckt. Merckle führt Prozesse wie andere Tagebuch.

Kaum eine List, kaum eine Trickserei, die der raffinierte Winkeladvokat nicht schon genutzt hat, um sein Geld zu mehren. Während die meisten Unternehmer darauf bedacht sind, ihr Kerngeschäft voranzutreiben, folgt Merckle offenbar allein der Maxime, seine Steuerlast zu minimieren.

Die Grundlagen des Merckle-Reichs

Den Grundstein für sein Imperium legte Adolf Merckle mit einer kleinen Arzneimittelfabrik in der 12.000-Seelen-Gemeinde Blaubeuren. 1967 hatte ihm sein Vater den 80-Mitarbeiter-Betrieb, der vier Millionen Mark umsetzte, weitergereicht.

Durch die Gabe, Trends frühzeitig aufzuspüren, stieg der Filius rasch zum Konkurrenten der etablierten Pharmakonzerne auf. Merckle erkannte als einer der Ersten, welches Potenzial im Geschäft mit Generika schlummerte. Er gründete Ratiopharm und investierte jeden verfügbaren Groschen in die Entwicklung von Nachahmer-Medikamenten. Heute ist Ratiopharm die meistverordnete Arzneimittelmarke Deutschlands.

Der hohe Cashflow, den er mit seinen Generika erzeugte, ermöglichte es, in artverwandte Märkte vorzustoßen. Schritt für Schritt kaufte sich Merckle bei regionalen Pharmagroßhändlern ein, die er 1994 unter dem Namen Phoenix zusammenschloss.

Als die Expansion im Inland ausgereizt war, ging er im Ausland auf Shoppingtour. In der Schweiz sicherte sich Merckle für 40 Millionen Franken den zweitgrößten Pharmagroßhändler, Amedis. "Der alte Fuchs roch das Schnäppchen", titelte die Schweizer Wirtschaftszeitung "Cash" anerkennend.

Neben seinen Pharmaaktivitäten sammelte Merckle im Laufe der Zeit zahlreiche weitere Beteiligungen. Er hält Anteile an DaimlerChrysler , er besitzt 10 Prozent am Baustoffkonzern HeidelbergCement, und ihm gehören börsennotierte Unternehmen mit so schrägen Namen wie Hanfwerke Oberachern AG , Bastfaserkontor AG  oder Pommersche Provinzial-Zuckersiederei AG . Kässbohrer bezeichnet er als Hobby.

Bei all diesen Firmen zieht Merckle die Fäden aus dem Hintergrund. Die operative Führungsebene besetzt er mit externen Managern. Claudio Albrecht (44), der Chef von Ratiopharm, und Bernd Scheifele (45), der Topmann bei Phoenix, genießen im Tagesgeschäft weit reichende Freiheiten - solange sie dem Eigentümer loyal ergeben sind und spuren.

Absprache und Kontrolle funktionieren bei Merckle über den kurzen Dienstweg per Telefon oder Blitzbesuch. Mit dem Juristen Scheifele etwa telefoniert Merckle sonntags gern mehrere Stunden, um auf dem Laufenden zu bleiben und das künftige Vorgehen abzuklären. Zusätzlich hat Merckle sich ein kleines Netzwerk von Vertrauten aufgebaut. Alle diese Gewährsleute sitzen auf mehreren Schlüsselpositionen, um eine lückenlose Überwachung zu gewährleisten.

"Raffgierig, nachtragend, missgünstig"

Als "Führung mit Bleistift und Radiergummi" beschreibt Heinrich Zinken die Vorliebe Merckles, einmal getroffene Vereinbarungen bei Nichtgefallen wieder auszuradieren und neu aufzumalen. Zinken war 20 Jahre lang Geschäftsführer des Vorzeigeunternehmens Ratiopharm. Merckle habe ihn mit einem Trick um seine Pensionsansprüche gebracht, klagt Zinken - ein Vorwurf, den Merckle energisch zurückweist; man habe sich gerichtlich verglichen. Zinken nennt seinen ehemaligen Meister "raffgierig, nachtragend, missgünstig".

Verantwortung trägt der Eigner immer dann gern, wenn die Geschäfte gut laufen. Kommt es zu Problemen, versteckt er sich oft hinter seinen Führungskräften. Dann spielt er den ehrbaren, ahnungslosen Unternehmer, der von seinen Managern getäuscht wurde.

Diese Verschleierungstaktik ist Teil des Systems Merckle. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein patriarchisches Geschäftsmodell.

Merckle agiert nicht nur im Verborgenen, er lebt auch so. Öffentliche Auftritte bei Verbandssitzungen und Branchentreffen meidet er. Fotos gestattet der harmlos dreinblickende, etwas untersetzte ältere Herr, wenn er sicher sein kann, dass die Bilder in einem freundlichen Umfeld publiziert werden. Andernfalls lässt er sich weder blicken noch sprechen.

Mitunter treibt der Pate aus Blaubeuren seine Geheimniskrämerei so weit, dass er geheim halten will, was allgemein bekannt ist.

So erwarb er 1994 von der Treuhand in Berlin das Schloss Hohen Luckow in Mecklenburg-Vorpommern inklusive 800 Hektar Land. Er putzte den Herrensitz mit den filigranen Stuckdecken und heimeligen Turmzimmern hübsch heraus und kaufte sich noch Gut Groß Strömkendorf dazu. Inzwischen grasen auf der Scholle rund tausend Milchkühe und mehrere hundert Schafe.

Jedermann in der Gegend weiß, dass Adolf Merckle das Anwesen gehört. Er steht auch als Alleineigentümer im Grundbuch. Dennoch darf Schlossverwalterin Karin Holland seinen Namen nicht laut aussprechen. "Der Besitzer", sagt sie, "will nicht genannt werden."

Die Angst vor der Öffentlichkeit kann nicht der Grund sein, dass sich Merckle so abschirmt. In Blaubeuren lebt er in einem Bungalow hoch über dem Blautal. Die Adresse kennt im Ort jeder.

Die Scheu aus geschäftlichen Gründen

Die Scheu muss geschäftliche Gründe haben. Nur so wird Merckles Imperium vor Einblicken geschützt. Niemand soll herausfinden, wie viele Subventionen er für die Landwirtschaft kassiert und wie das Firmenreich in sich verflochten ist.

Professionelle Aktionärsvertreter sind auf Merckle und seinen Tross von Anwälten, Verwandten und Vertrauten daher seit längerem schlecht zu sprechen. Vor allem die vielen undurchsichtigen Manöver wie auf der Kässbohrer-Hauptversammlung nehmen sie ihm übel.

Während des turbulenten neunstündigen Aktionärstreffens am 28. März hatte der persönlich anwesende Adolf Merckle zu Protokoll gegeben, nur 24,98 Prozent der Aktien zu halten. Dennoch war es ihm gelungen, den dreiköpfigen Aufsichtsrat komplett mit Angehörigen und Getreuen zu unterwandern. Bei der Wahl war er plötzlich auf eine Mehrheit von 55 Prozent gekommen.

Nun prozessiert die Sparkasse gegen Merckle wegen falscher Aktienbesitzangabe. Seither hetzt der Unternehmer gegen das Institut. Unlängst raunte er Bundestagsabgeordneten und CDU-Parlamentariern aus dem Stuttgarter Landtag anlässlich einer Werksbesichtigung bei Kässbohrer zu, die Sparkasse Biberach sei "ein Fall für die Politik". Ihre Gewinne seien "vermutlich nicht echt".

Ähnliches behaupten andere auch von Merckles Profiten. Der Sonderling aus Blaubeuren ist ein Meister im Ausnutzen von Steuerschlupflöchern. Erträge lässt er immer da anfallen, wo es für ihn am günstigsten ist und der Fiskus wenig Zugriff hat.

Er kenne keinen anderen Unternehmer, sagt ein Wegbegleiter, der die Rechtswissenschaft im Geschäft so gezielt einsetze wie der Jurist von der Schwäbischen Alb.

Die Stadt Blaubeuren stürzte Adolf Merckle durch seinen Spartrieb Mitte der 90er Jahre in eine schwere Haushaltskrise. Statt die Gewerbesteuer für seine Firmengruppe Merckle/Ratiopharm in Ulm zu entrichten, wo der Generikahersteller auch seinen Sitz hat, gingen die Zahlungen teilweise an das Finanzamt in Blaubeuren. Dort ist der Hebesatz niedriger. Als die Betriebsprüfer Merckle auf die Schliche kamen, musste Blaubeurens Kämmerer der Stadt Ulm 21,4 Millionen Mark plus Zinsen erstatten. Eine peinlich Affäre.

Die ausführende Gewalt hinter der Schlupflochstrategie des Adolf Merckle heißt Susanne Frieß (42). Die Finanzexpertin gilt als engste Vertraute des Alten, sie sitzt bei drei Firmen der Gruppe (Ratiopharm, Merckle und VEM Vermögensverwaltung) in der Geschäftsführung.

Der allgegenwärtige Geist des Alten

Adolf Merckle war mit Frieß in Kontakt gekommen, als er nach der Wende in den neuen Bundesländern nach einem passenden Steuersparobjekt suchte. 1996 übernahm er von der Treuhand die Plaschna Management GmbH & Co. in Berlin, an der drei Industriebetriebe und die für Merckle attraktive VEM Vermögensgesellschaft hingen. Bei ihr waren hohe Verlustvorträge aufgelaufen.

Merckle machte die Firma zur neuen Muttergesellschaft seiner Gruppe. Das Konstrukt ist über Kapitalbeteiligungen und indirekte Beherrschungs- und Gewinnabführungsverträge eng verwoben. Unter Einhaltung der gesetzlichen Auflagen hat Merckle die Verlustvorträge über Jahre geschickt mit den Gewinnen seiner Firmen Merckle und Ratiopharm verrechnet - zu Lasten des Fiskus.

Die Finanzkraft der Gruppe hingegen hat stetig zugenommen. "Geld ist immer genug da", ermuntert Merckle seine Führungskräfte, wenn sie ihm viel versprechende Expansionspläne unterbreiten.

So verworren das Firmengeflecht ist, beim Eintrag ins Handelsregister gehen die Merckles verblüffend simpel vor. Sie stückeln ihre Anteile meist in Mini-Aktienpakete und umgehen so die Meldepflicht beim Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen. Als Eigner tauchen jedoch immer wieder die Namen der Eltern und der Kinder auf.

Eine der Gesellschaften, die an Kässbohrer zu 10,77 Prozent beteiligt ist, heißt Filius. Deren Eigentümerin ist wiederum die Sexta GmbH, die sich im Besitz von Adolf, Ruth, Jutta, Philipp, Tobias und Ludwig Merckle befindet.

Dieses Versteckspiel hat fast vier Jahrzehnte erfolgreich funktioniert. Selbst nachdem der Patriarch die Firmenleitung 1997 seinem ältesten Sohn Ludwig (38) übertragen hat, ist der Geist des Alten allgegenwärtig. Wichtige Entscheidungen bespricht der brav aussehende Wirtschaftsinformatiker nach wie vor mit seinen Eltern in deren Bungalow. Der Übergang vom Vater auf den Sohn sei ein Generations-, kein Systemwechsel, sagt ein Wegbegleiter.

Fragt sich nur, wie lange der Clan dieses Geschäftsgebaren noch beibehalten kann. Denn wie Finanzkreise munkeln, beabsichtigt Merckle, den Pharmahändler Phoenix an die Börse zu bringen, was Merckle freilich dementiert. Experten schätzen den Börsenwert auf zwei Milliarden Euro. Solange das System Merckle existiert, dürfte es dem Clan allerdings schwer fallen, Anleger für seine Aktie zu begeistern.

Fallstudie: Wie Merckle mit Beteiligungen jongliert Im Profil: Die Unternehmerfamilie Adolf Merckle


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