Samstag, 23. November 2019

Stoffe Im Land der Weber

3. Teil: Je dünner, desto besser

Die beste ist meist auch die dünnste. Gemessen wird in Mikron, also Tausendstelmillimetern. Je dünner der Faden, desto teurer ist er. 20 Mikron sind gut, 15 Mikron super, 12 Mikron absolute Weltspitze. Die Faden-"Stärke" des letztjährigen Sydney-Gewinners betrug mickrige 10,3 Mikron.

Auf der Jagd nach dem dünnsten Faden: Paolo Zegna, Geschäftsführer von Ermenegildo Zegna
Paolo Zegna erklärt: "Die Anzüge werden immer leichter, deswegen brauchen wir immer dünnere Garne." Männer würden viel mehr auf Stoffe schauen als Frauen, weiß Zegna.

Das sieht auch Boss-Vorstand Lothar Reiff so. Die Metzinger Modemacher kaufen fast nur bei den Biellesern ein. Zum Beispiel Massenware bei Reda, teures Tuch für die Baldessarini-Linie bei Barbera. Drei Meter Stoff brauchen sie für einen Anzug. Bei Reda zahlen sie dafür 30 Euro.

Über die Jahre hat sich eine Art Partnerschaft zwischen den Modefirmen und den Stofflieferanten entwickelt. Ein- und Verkäufer kennen einander. Sie treffen sich regelmäßig zum Ideenaustausch in Biella und in Metzingen - und auf der Modemesse Ideabiella, die inzwischen im idyllischen Erba am Comer See stattfindet.

Ende September hatte die Ideabiella ihr 25-jähriges Jubiläum. Doch dort waren nicht nur die neuen Stoffe Gesprächsstoff, sondern auch die andauernde Krise der Biellesen.

Die Webereien sind unter Druck. Wichtige Märkte brechen ein. Der deutsche zum Beispiel. Vor fünf Jahren nahmen deutsche Modehersteller rund 30 Prozent der Bielleser Produktion ab. "Heute ist es viel weniger", seufzt Paolo Zegna. Ersatz suchen die gebeutelten Italiener nun verstärkt in Nordamerika und Fernost.

Doch von dort droht auch Gefahr - die Chinesen kommen. Luciano Barbera hebt die Brauen und sagt: "Das wird ein sehr, sehr ernster Wettbewerber." Die Chinesen besitzen bereits die besten Maschinen, und sie kaufen die beste Wolle.

Nur eines konnten sie bislang nicht erwerben: das Know-how und das Faible für Mode. "Das haben Gott sei Dank noch wir", sagt Luciano Barbera - und streichelt fast zärtlich noch einmal über die Garne in seinen Holzkisten, bevor er die Tür zum Allerheiligsten hinter sich verschließt.

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