Dienstag, 12. November 2019

Stoffe Im Land der Weber

2. Teil: "Jeder hat seine Nische gefunden"

Die 60 Webereien - fast alle noch in Familienbesitz - sind zwar mehr oder weniger Konkurrenten, aber man kennt sich, man tut sich gegenseitig nicht weh. Die Patrone fahren zusammen Ski in den nahen Bergen, sie tauschen sich regelmäßig aus, am Telefon, im Ristorante oder in der Associazione. Nein, nicht über Preise, aber zum Beispiel über Maschinen, von denen sie immer die besten und teuersten haben.

Das Tal der Tuche: Die Spitzenstoffe der Modebranche kommen aus dem Piemont
Eigentlich sind sie auch keine richtig harten Wettbewerber, denn sie sind alle irgendwie spezialisiert. "Jeder hat seine Nische gefunden", sagt Luciano Barbera. Der eine webt nur Wolle, der andere Mohair, ein anderer ist der Kaschmir-Spezialist. Und es gibt große Firmen, die verarbeiten verschiedene Stoffe - wie Ermenegildo Zegna.

Die Zegnas sind in Trivero zu Hause, einem 1500-Seelen-Dorf. Neben der unbewohnten Gründervilla aus den 20er Jahren steht die Weberei, 70.000 Quadratmeter groß. Hier werden Wolle, Mohair und Kaschmir zu edlen Stoffen gewoben. Kunden sind Nobelschneider wie Brioni oder Kiton.

Ein Teil aber geht in die Eigenfertigung, denn Zegna ist einer der wenigen Bielleser Weber, der - seit über 50 Jahren schon - eigene Konfektion und Läden besitzt. Geschäftsführer Paolo Zegna (47) sieht darin einen Vorteil: "So sind wir näher am Markt."

Ein paar kurvenreiche Kilometer weiter unten im Tal liegt Vallemosso. Das Ortsbild dominieren die quaderförmigen Fabrikhallen der Weberei Reda. Die jungen Chefs, Ercole Botto (32) und Vetter Francesco Botto (38), fahren eine andere Strategie als Zegna. "Wir konzentrieren uns auf Wolle, und wir wollen Masse machen", sagt Ercole Botto. Zu ihren rund 600 Kunden zählen Hugo Boss und fast alle deutschen Herrenschneider, aber neuerdings auch die schwedische Billigkette Hennes & Mauritz Börsen-Chart zeigen.

Reda hat sogar eigene Farmen auf der Südinsel Neuseelands. Rund 30.000 Schafe weiden dort. Der Rohstoff ist für die Bielleser Weber enorm wichtig. Sie sind deshalb permanent auf der Suche nach den besten Farmen der Welt, mögen sie noch so weit von Biella entfernt sein.

Wolle kaufen sie meist in Australien und Neuseeland, Kaschmir in der Inneren Mongolei (China) und Mohair in Südafrika. Die raren und sündhaft teuren Stoffe von Vicuña und Guanako importieren sie aus den südamerikanischen Andenstaaten.

Die Chefs der Webereien reisen mehrmals jährlich in diese Regionen. Paolo Zegna düst zweimal im Jahr nach Australien, besucht dort Schaffarmen und verleiht in Sydney die "Vellus Aureum Trophy" für die beste Wolle Australiens.

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© manager magazin 10/2003
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