Ciro Paone Schneider aus Leidenschaft

Ciro Paone, Patron der hochfeinen neapolitanischen Konfektionsmanufaktur Kiton, spricht im Interview mit manager magazin über edle Stoffe, guten Stil und deutsche (Anzug)-Unarten.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm:

Signore Paone, wie alt waren Sie, als Sie zum ersten Mal einen Anzug getragen haben?

Paone: Mit 13 Jahren habe ich die Schule abgeschlossen und begonnen, im Geschäft meines Vaters zu arbeiten. Seither trage ich Anzüge.

mm: Aus beruflichen Gründen?

Paone: Meine Familie arbeitet seit etwa 160 Jahren mit Stoffen, und weil wir den Schneidern die Stoffe auch verkauften, hatte ich den Wunsch, gut angezogen zu sein. Krawatte, Hemd, Jacke, wie es sich gehört. Und lange Hosen natürlich, für mich eine regelrechte Eroberung - damit wurde ich zum Mann.

mm: Der Anzug als Ausweis des Erwachsenseins?

Paone: Ich habe sogar angefangen zu rauchen, um männlicher zu wirken.

mm: Ihre Firma Kiton schneidert mit rund 400 Mitarbeitern etwa 20.000 Anzüge im Jahr zu Preisen zwischen 1500 und 4000 Euro pro Stück. Zu Ihren Kunden zählen oder zählten der Fiat-Chef Giovanni Agnelli, Briten-Prinz Charles, Donald Trump ...

Paone: ... ich nenne keine Namen.

mm: Auf jeden Fall aber viele Reiche und Prominente. Was haben Ihre Anzüge, was andere nicht haben?

Paone: Ich weiß nicht, was die anderen nicht haben. Aber unsere sind mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und einem kleinen bisschen Kompetenz hergestellt.

mm: Und woran erkennen wir Leidenschaft und Liebe bei einem Anzug?

Paone: An der Weichheit, der Anschmiegsamkeit bei den Bewegungen. Es ist ein Anzug, der nicht hundertprozentig perfekt ist, weil von Hand genäht. Man sieht, dass Handwerk im Spiel ist und Empathie. Wie bei einem Künstler, einem Maler zum Beispiel, der einen unverwechselbaren Pinselstrich besitzt und damit gestaltet.

mm: In Deutschland etwa trägt sogar der Inhaber des Bielefelder Bekleidungshauses Windsor, Jochen Holy, Anzüge aus Ihrem Haus ...

Paone: ... keine Namen. Wir sind auch Lieferanten für etliche europäische Königshäuser, von vielen Regierungs- und Staatschefs, ich werde aber nicht sagen, welche.

mm: Welche Rolle spielt für Sie Deutschland als Bekleidungsmarkt?

Paone: Ich habe Deutschland sehr viel zu verdanken, auch weil es ein Land ist, in dem ich einen Teil meiner Jugend zubringen durfte. Seit 34 Jahren bin ich dort auch geschäftlich präsent.

"Ihr dürft nicht in Askese verfallen"

mm: Und es spielt auch eine entsprechende Rolle in Ihrem Export?

Paone: Deutschland war lange die Nummer eins für uns.

mm: Wieso "war"?

Paone: Die wirtschaftliche Situation in Deutschland ist, wie Sie wissen, nicht so rosig. Der Grund ist vor allem aber die Mentalität, diese Angst der Deutschen. Die haben vergessen, dass sie - abgesehen von Russland - die mächtigste Nation in Europa sind. Deutschland benimmt sich wie ein verlorener Sohn. Warum so viel Besorgnis, so viel Furcht vor immer neuem Unheil? Verzeihen Sie, wenn ich so böse bin, aber ich bin ein ehrlicher Mensch und sage, was ich denke.

mm: Deutschland, ein Bild des Jammers - kein Mekka des Luxus und der Moden?

Paone: Der Deutsche geht nicht mehr ins Restaurant, er macht keine Ferien, kauft keine Kleider mehr. So kann man doch nicht leben. Man soll sicher maßvoll sein, zurückhaltend. Aber ein großes Volk darf nicht in Askese verfallen.

mm: Was macht Ihre Kollektion für Business-Kunden attraktiv?

Paone: Der Geschäftsmann, der Manager kann innerhalb von drei Sekunden Qualität erkennen, auch wenn es nicht seine Branche ist. Und die Spitzenqualität liefern wir ihm.

mm: Worauf kommt es denn bei einem guten Anzug an? Was sind die Qualitätskriterien, auf die der Kunde unbedingt achten sollte?

Paone: Auf die Herstellung, auf die Ausgewogenheit. Ein Herr mittleren Alters zum Beispiel sollte zwar darauf achten, dass er in einem Anzug nicht daherkommt wie ein Halbwüchsiger. Er darf darin aber durchaus drei oder vier Jahre jünger erscheinen.

mm: Was macht Ihren Anzug 4000 Euro teuer und ein Hemd 400 Euro?

Paone: Es wird alles von Hand hergestellt, alles, zu 100 Prozent. Auf der ganzen Welt gibt es keine zweite Schneiderei, in der so traditionell gearbeitet wird wie bei uns. Und Arbeitszeit kostet leider Geld.

mm: Arbeiten Maschinen nicht akkurater als die menschliche Hand?

Paone: Die Maschine liefert Perfektion, aber die ist anonym, trägt keine Handschrift. Wenn etwas von Hand genäht ist, dann fällt der eine Ärmelansatz anders aus als der andere. Das gibt dem Anzug Individualität. Und nach zwei Stunden des Tragens ist der Anzug Ihrer, er hat sich Ihnen angepasst, denn das Handgeschneiderte gibt nach.

mm: Haben Sie eine Erklärung für diese wundersame Wandlung?

Paone: Ein wichtiger Grund: Im Gegensatz zur Fabrikherstellung, bei der das Unterfutter oftmals schlicht geklebt wird, heften wir es Punkt für Punkt von Hand mit Nadel und Faden. Daher rührt die Elastizität, vor allem in den Schultern, die den Eindruck vermittelt: Diese Jacke ist mir auf den Leib geschneidert.

"Individualität als oberstes Prinzip"

mm: Oberstes Prinzip: Individualität?

Paone: Ja, eine Kleidung, die nicht anonym ist. Sie haben 4000 Euro bezahlt, aber Sie haben einen Anzug, der nicht für irgendjemanden gemacht ist, sondern für Sie persönlich.

mm: Wo endet für Sie Qualität, wo beginnt der Luxus?

Paone: Qualität bedeutet: Einfachheit, Zurückhaltung, klare Linien. Luxus dagegen ist Zurschaustellung, Exhibitionismus.

mm: Welche Rolle spielt der Zeitgeist in Ihren Kollektionen, wie weit gehen Sie auf aktuelle Moden ein?

Paone: Extreme Tendenzen oder Trends interessieren mich nicht. Das sind Blättchen im Wind, binnen kurzem verweht. Meine Kleidung muss man zur Vorstandssitzung in Hamburg genauso tragen können wie zu einem Aperitif in New York. Sie soll ausgewogen sein, seriös, elegant.

mm: Was unterscheidet Ihre Arbeit von der eines Modedesigners wie etwa Giorgio Armani?

Paone: Das sind verschiedene Welten. Armani ist ein Name von größtem Prestige, der hat der italienischen Mode Ruhm und Ehre eingetragen. Wir dagegen machen Kleider für Leute, die Armani nicht tragen wollen. Eine ganz andere Kategorie, ganz andere Kundschaft ...

mm: ... wieso das?

Paone: Wir haben schließlich ganz andere Wurzeln, wir kommen nämlich aus der reinen Schneiderei. Das bedeutet: Unser Produkt wird nicht außerhalb der eigenen Werkstatt hergestellt, wir machen alles - vom Zuschnitt bis zum letzten Knopfloch - bei uns im Haus. Wir kontrollieren es hier, wir liefern von hier, und wir entscheiden hier.

mm: Und Sie werden - wie etwa Armani - unter Ihrem Namen auch keine Sessel und Tapeten herstellen?

Paone: Sollte ich jemals auf die Idee kommen, Möbel herzustellen, dann werde ich das hier in diesem Werk vor den Toren Neapels tun. Wir haben Krawatten gemacht, und zwar hier. Wir machen Hemden, auch hier.

mm: Warum gerade immer hier?

Paone: Weil ich selbst die Kontrolle haben will. Ich und meine Familie, wir müssen die Produktion kontrollieren können. Denn dieser Name hat uns 57 Jahre Arbeit gekostet. Und die wollen wir nicht verspielen.

mm: Gibt es Modetorheiten oder Kleidungssünden im Geschäftsalltag, vor denen Ihnen graust?

Paone: Zwei bekannte Modedesigner haben sich einen Namen gemacht, indem sie die Regeln des guten Geschmacks gebrochen haben. Sie zwangen damit euch Journalisten, über sie zu schreiben. Sie haben das Spiel gewonnen - aber der Stil bekommt Beulen ...

mm: ... Sie denken an die Mode von Jean-Paul Gaultier oder Vivienne Westwood ...

Paone: ... wenn die Hosen mit falschen Löchern, mit künstlich hergestellten Rissen und Flicken drapiert werden. Was wollen die damit sagen? Dass der Träger so hart gearbeitet hat, dass die Hose in Fetzen hängt? 99 Prozent der Leute, die diese Klamotten tragen, wissen doch nicht einmal, wie man eine Mappe trägt.

"Vier Generationen bis zum Edelmann"

mm: Und Modetorheiten in der Businesswelt?

Paone: Es gibt zwei Arten von Managern: Die weltläufigen in den Vorständen und die nachgeordneten Funktionsträger. Die erkennt man oftmals an unvorteilhafter Kleidung. Hier herrscht häufig Provinzialismus: knallige Farben, protzige Schnitte, kunterbunte Krawatten.

mm: Stilgefühl wächst nicht mit zunehmendem Einkommen - wie kann es in Kleidungsfragen entwickelt und gepflegt werden?

Paone: Es ist die größte Gnade Gottes, dass Geld nicht Stil bedeutet. Reichtum ist das eine, und ganz etwas anderes ist der Edelmann. Sie können durchaus knapp bei Kasse und dennoch ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle sein. Oder sehr viel Geld haben, teure Anzüge kaufen und trotzdem provinziell zum Gotterbarmen herumlaufen.

mm: Lässt sich Stilgefühl nicht erlernen?

Paone: Schwierig, weil Leute, die schnell zu viel Geld gekommen sind, oft auch überheblich auftreten. Sie haben es finanziell geschafft und glauben, damit am Ziel zu sein. Von meinem Großvater habe ich die Lehre mitbekommen: Um zu Reichtum zu kommen, braucht es eine Generation. Und vier Generationen, einen echten Edelmann heranwachsen zu lassen.

mm: Umstritten sind in Stilfragen immer die Accessoires. Wie viele Zutaten verträgt seriöses Auftreten?

Paone: Es verträgt durchaus eine schöne Krawatte, ein schönes Hemd, schöne Schuhe, einen schönen Schal oder einen schönen Pullover. Wenn ich schön sage, meine ich nicht unbedingt teuer.

mm: Etwas konkreter, bitte.

Paone: Es gibt Marken und Labels, die extrem viel Geld kosten, aber nur so teuer sind, weil die Unternehmen so viel für Werbung ausgeben, aber nicht unbedingt für Qualität. Das ist der große Unterschied: Sie kaufen eigentlich eine Fälschung, bezahlen teuer für etwas, das diesen Preis gar nicht wert ist. Es gibt sehr viele Namen in allen Branchen der Welt, die einfach nur schöner Schein sind.

mm: Signore Paone, erklären Sie uns, warum sich gerade Italien als großer Herrenausstatter hervortut?

Paone: Italien - und auch Süditalien mit Neapel als Hauptstadt - hat den wahren Adel gehabt, eine kleine Schicht von reinen Müßiggängern. Die hatten Zeit, zum Schneider zu gehen und drei Stunden damit zu verbringen - Fältchen hier, Fältchen da -, etwas Neues zu probieren. Dann zum Schuhmacher, zum Krawattenmacher, zum Hutmacher. Dieser Sitte verdanken wir eine große Kultur. Und das Gespür dafür, was jemanden kleidet und was nicht.

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