Bionade Zaubertrank aus der Rhön

Eine fast bankrotte Dorfbrauerei wollte ein völlig neues Getränk auf den Markt bringen - und blieb auf den Kästen sitzen. Bis die Brause zum Szenedrink wurde. Eine traurige Geschichte mit Happy End.

Wenn der Multi Coca-Cola  - wie in diesen Wochen mit Vanilla Coke - ein "neues" Getränk auf den Markt wirft, dann fließen die Millionen. Und zwar in die Werbung und an den Handel, damit der die Flaschen in seine Regale stellt. Der gekaufte Verkaufserfolg ist so meist garantiert.

Was aber, wenn eine arme kleine deutsche Dorfbrauerei ein neues Getränk, eine echte Innovation, unters Volk bringen will? Dann passiert jahrelang fast gar nichts. Denn ohne Geld findet hier zu Lande kaum ein Produkt den Weg zum Endverbraucher. Egal, wie innovativ es ist.

Dass es manchmal auf wundersame Weise doch gelingt - davon handelt diese Geschichte aus der Rhön.

Dort, im Niemandsland zwischen Ost und West, liegt Ostheim: 3000 Einwohner, 24 Gaststätten, zwei Brauereien. Eine davon ist die Peter-Brauerei mit der Marke Rhön-Pils.

Anfang der neunziger Jahre konnte das Bier die vierköpfige Eigentümerfamilie kaum mehr ernähren. "Wir standen damals kurz vor dem Bankrott", erinnert sich Brauerei-Chefin Sigrid Peter-Leipold (56).

Ihr Mann, Dieter Leipold (66), mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet ist, gab sich jedoch nicht geschlagen. Der Braumeister trug bereits seit Jahren eine Idee mit sich herum: Er wollte ein natürliches Erfrischungsgetränk herstellen. "Er träumte von einer Fanta ohne Chemie", sagt seine Frau.

Und so experimentierte der Tüftler in den Jahren des Fastbankrotts Tag und Nacht, bis er schließlich 1995 die Bionade erfand - das erste biologische Erfrischungsgetränk, abgesichert durch zwei Patente.

Ein GfK-Gutachten bescheinigte der Bionade gute Marktchancen. Einziges Problem: Die Leipolds wussten nicht, wie sie die Ökobrause auf den Markt bringen sollten.

Sie boten sechs großen deutschen Brauereien die Lizenz zur Herstellung der Bionade an. Und ernteten mit dem Vorstoß nicht mehr als ein mildes Lächeln.

Also versuchte es das Ehepaar Leipold allein. 1997 reisten die beiden zu den Regio-Sitzungen des Getränkehändlerverbundes Geva und präsentierten dort ihre Bionade. Die Händler erkannten die Innovation, bestellten jede Menge Kisten - und blieben darauf sitzen.

Den Tüchtigen kam das Glück zu Hilfe

Denn die Kunden hatten keine Ahnung, was sich in den Bionade-Flaschen genau verbarg. Niemand hatte sie über Marke und Inhalt aufgeklärt, nirgends hatte es Werbung für die neue Brause gegeben.

Wie hätten die Leipolds die Reklame auch finanzieren sollen? Ständig saßen ihnen die Banken im Nacken und mahnten die Forderungen an. Geld war Mangelware, frische Kredite gab es nicht.

Sohn Peter Kowalsky (35), inzwischen zusammen mit Bruder Stephan (32) im elterlichen Betrieb aktiv, klopfte bei Risikokapitalisten an und kassierte nur Abfuhren: "Das war frustrierend."

Die Bionade und ihre Macher steckten im Teufelskreis: kein Geld - keine Werbung - keine Marktchance. Aber sie glaubten an ihr Produkt.

Dieter Leipold, der typische Erfinder im stillen Kämmerlein, war für die Kommerzialisierung seiner Idee ziemlich ungeeignet. Also übernahm seine Frau Sigrid die Aufgabe. "Wir lassen uns nicht unterkriegen", gab sie die Parole aus.

Auch nicht von den Bürokraten, mit denen sie sich jahrelang herumstreiten mussten. Die Beamten konnten sich nicht einigen, als was das neue Getränk bezeichnet werden darf. Siebenmal musste deshalb das Bionade-Etikett geändert werden. Jetzt steht "Biologisches Erfrischungsgetränk" auf den Flaschen.

Der Kampf mit Bürokraten und Bankern kostete viel Zeit und Nerven - bis den Tüchtigen das Glück zu Hilfe kam. Ende der neunziger Jahre nahmen die Bestellungen aus Hamburg plötzlich kräftig zu. "Wir wussten erst gar nicht, was da oben los war", erzählt Peter Kowalsky, Geschäftsführer der Bionade Deutschland GmbH.

Ungarische Etiketten waren nach einem geplatzten Auftrag aus Versehen in der Hansestadt aufgetaucht und dort Werbern in die Hände gefallen. Unterstützt von Hamburgs größtem Getränkehändler Göttsche, ein erklärter Bionade-Fan, avancierte die Naturlimo zum Szenegetränk.

Auf einmal waren die Flaschen in vieler Munde. Die norddeutsche Drogeriekette Budnikowsky nahm das Getränk ins Programm, es wurde beim Lebensmittelhändler Rewe gelistet. Durch eine Logistik-Kooperation mit dem bundesweit operierenden Mineralbrunnen Rhönsprudel dringt Bionade nun langsam auch in andere Städte und Regionen Deutschlands vor.

100.000 Euro fürs "Guerilla-Marketing"

Dieser Erfolg hat in Ostheim nach all den harten Jahren bescheidene Freude aufkommen lassen. Fünf Millionen Flaschen werden dieses Jahr wohl verkauft. Der Familienbetrieb schreibt schwarze Zahlen - und gönnt sich sogar einen kleinen Werbeetat. Rund 100.000 Euro stehen für "Guerilla-Marketing" bereit, also PR-Aktivitäten in Kinos, Kneipen und bei Trendsport-Events.

Erstmals spüren Mutter Sigrid und ihre beiden Söhne Peter und Stephan, dass der Durchbruch zur nationalen Marke gelingen könnte. Selbst ein internationaler Erfolg scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Mit der belgischen Brauerei Alken-Maes hat die Familie vor wenigen Monaten ein Lizenzabkommen unterzeichnet. Der Bionade-Verkauf in dem Nachbarland läuft gerade an. Und damit das dort jeder merkt, tragen die Spieler des Fußball-Erstligisten VV St. Truiden das Logo auf ihren Trikots.

Gelingt das Auslandsexperiment, will der britische Brauerei-Gigant Scottish & Newcastle , zu dem Alken-Maes gehört, Bionade auch in anderen Ländern seines großen Reichs anbieten. Dann hätte es die kleine Marke aus der Ost-Rhön tatsächlich geschafft.


Bionade: Das Produkt im Überblick

Innovation: AfG ist in der Expertensprache das Kürzel für alkoholfreie Getränke. Darunter fallen Mineralwässer, Fruchtsäfte, Limonaden - und seit kurzem Bionade.

Die Naturbrause ist eine völlig neue Getränkegattung. Bionade (ein Wortspiel aus biologisch und Limonade) schmeckt wie Limonade, kommt aber anders als Bluna, Cola, Fanta & Co. ohne jeglichen chemischen Zusatz aus.

Hersteller: Das Getränk wird bei der Ostheimer Bionade GmbH in einem rein biologischen Verfahren hergestellt, das dem Bierbrauen ähnelt. Es gibt die drei Geschmacksrichtungen Holunder, Litschi und Kräuter.

Mehr Infos unter www.bionade.de 

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