Editorial Anspruch und Wirklichkeit

Es ist eine unternehmerische Großtat, die Hartmut Mehdorn sich vorgenommen hat. Womöglich die größte, die unsere Wirtschaft derzeit zu bieten hat.
Von Arno Balzer

Der Chef der Bahn hat sich das Ziel gesetzt, den Staatskonzern bis zum Jahr 2005 an die Börse zu bringen. Rund zwei Jahre bleiben ihm also noch, einen Sanierungsfall in einen Renditebringer zu verwandeln.

Kann Mehdorn das schaffen? Bei ihren Recherchen zur Lage der Bahn reisten die mm-Redakteure Michael Machatschke und Thomas Werres quer durch Deutschland - meist mit dem Zug. Ihr Eindruck während der Fahrt war fast immer der gleiche: Die Bahn hat zwar kräftig modernisiert; die Züge sind trotzdem oft gähnend leer. Von dem steilen Aufschwung, den Mehdorn prophezeit, weit und breit keine Spur.

Hat er mithin den Mund zu voll genommen, als er zum Amtsantritt vor rund vier Jahren die schnelle Sanierung versprach?

Die Gespräche der Autoren mit Insidern und Kennern der Bahn ergaben ein klares Bild: Chancen, den Schienenverkehr voranzubringen, gibt es genug. An Durchsetzungskraft mangelt es Mehdorn sicher auch nicht. Wer sich ihm in den Weg stellt, muss mit Ärger rechnen.

Wenn es um die Sache geht, scheint Mehdorn allerdings überfordert. Und das liegt nicht nur an der gewaltigen Dimension der Aufgabe.

Selbst enge Weggefährten und Freunde gaben dem Managementstil des Bahn-Chefs schlechte Noten, rügten vor allem seine Alleingänge. Fazit: "Wer allein weiß, was richtig ist, steht am Ende oft allein da."

Vielleicht sollte Mehdorn künftig auf erfahrene Eisenbahner hören, zum Beispiel auf Heinz Maria Oeftering. Der langjährige Präsident der Bahn, der gerade seinen 100. Geburtstag feierte, gab ihm kürzlich einen Rat. Für einen Börsengang, so Oeftering, sei es in den nächsten zwei Jahren noch viel zu früh.

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