Luxuslimousinen Kolossale Karossen

Was taugen Maybach, Rolls-Royce Phantom und Bentley Arnage? Wer soll die dicken Schlitten kaufen, wer will damit gesehen werden?

John Pierpont Morgan, in Finanzkreisen bekannter unter dem Kürzel J. P., war ein Mann klarer Einschätzungen. "Wer mich fragt, was meine Jacht gekostet hat, der hat nicht genug Geld", pflegte der schwerreiche Banker und Besitzer des legendären Regattaseglers "Corsair" zu sagen. Ein souveräner Umgang mit Luxus, so J. P. Morgan, verbiete jeden Gedanken an den Preis.

Ähnliche Verhältnisse herrschen auf dem Markt der Luxuslimousinen. Wer zum Beispiel einen Maybach kauft, der hat das Geld einfach übrig. Er überlegt allenfalls, ob er sich lieber ein Chalet im Engadin zulegt. Oder ein Wasserflugzeug für das Resort in der Karibik. Ein großer Maybach kostet, ausgestattet mit silbernen Champagnerkelchen, einer Hi-Fi-Anlage mit 21 Lautsprechern und anderen Hightech-Extras, knapp eine halbe Million Euro.

So teuer ist kein anderes Serienauto. Insofern, glaubt Stefan Diehl, bei DaimlerChrysler Sprecher für die Marke Maybach, habe das Gefährt keine automobilen Wettbewerber. Der Maybach konkurriere allenfalls mit anderen hochpreisigen Anschaffungen der Superreichen.

PR-Getöse: Der Maybach vor dem Gebäude der New York Stock Exchange

PR-Getöse: Der Maybach vor dem Gebäude der New York Stock Exchange

Erlesene Zielgruppe: Wer einen Maybach kauft, der muss das Geld einfach übrig haben

Erlesene Zielgruppe: Wer einen Maybach kauft, der muss das Geld einfach übrig haben

Rollendes Wohnzimmer: Wer in einem Maybach fährt, der fühlt sich wie in einer bewegten Immobilie

Rollendes Wohnzimmer: Wer in einem Maybach fährt, der fühlt sich wie in einer bewegten Immobilie

Stolzer Preis: Ein großer Maybach kostet, ausgestattet mit silbernen Champagnerkelchen, einer Hi-Fi-Anlage mit 21 Lautsprechern und anderen Hightech-Extras, knapp eine halbe Million Euro

Stolzer Preis: Ein großer Maybach kostet, ausgestattet mit silbernen Champagnerkelchen, einer Hi-Fi-Anlage mit 21 Lautsprechern und anderen Hightech-Extras, knapp eine halbe Million Euro


Showroom Maybach:
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Über diese Aussage lässt sich trefflich streiten. Denn oberhalb der so genannten Oberklasse haben die Autokonzerne in den vergangenen Monaten ein neues Marktsegment geschaffen: das der Luxuslimousinen.

In dieser Klasse tummeln sich nicht nur die beiden Maybach-Modelle 57 und 62. Aus dem BMW-Konzern stößt der neue Rolls-Royce Phantom hinzu, VW steuert den Bentley Arnage bei. Doch die beiden Briten offerieren keine Pullman-Formate mit extra langem Radstand. Eine direkte Gegenüberstellung ist daher nur mit dem kürzeren Maybach 57 zulässig.

Was bieten die Nobelkarossen? Lassen sich Rolls-Royce und Bentley, die im Vergleich zum PR-Getöse um den Maybach mit geradezu britischem Understatement vermarktet werden, überhaupt in eine Reihe stellen mit dem dicken Schlitten aus Sindelfingen?

Selbstverständlich. Es duftet überall nach edelstem Leder. Unter allen Motorhauben schnurren unglaublich kraftvolle und zugleich laufruhige Motoren; unterhalb von 200 Stundenkilometern lässt sich in allen Innenräumen problemlos ein Brief von Hand schreiben - wobei der Verfasser eher das Kratzen seiner Feder auf dem Büttenpapier hört als irgendein Geräusch von außen.

Rolls-Royce Phantom

Kaum ein Handgriff, für den es nicht elektrische oder hydraulische Assistenzsysteme gäbe. Keine Unebenheit und keine Kurve, in der die aufwändigen Fahrwerke, die Luftfederungen und die riesigen Räder nicht größtmögliche Sicherheit und zugleich maximalen Komfort böten.

Auch an zukunftsweisenden Entwicklungen haben die Hersteller einiges vorzuzeigen. Der Royce (so kürzen die wahren Kenner die Marke mit der geflügelten Kühlerfigur ab) wird zum Beispiel von einem komplett neu konzipierten Zwölf-Zylinder-Motor angetrieben, der stolze 338 kW/460 PS leistet.

Ein Drehmoment von 720 Newtonmetern sorgt für eine Beschleunigung, die den 2,6 Tonnen schweren Royce in 5,9 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer katapultiert. Das sind nur 0,4 Sekunden mehr, als ein Porsche 911 mit Automatikgetriebe braucht.

Im Bentley Arnage liefert ein aufpolierter Turbomotor sogar 875 Newtonmeter Drehmoment. Was den gewichtigen britischen Gentleman genauso schnell beschleunigen lässt wie den viel leichteren 911er.

Motor-Monster: Der Royce (so kürzen die wahren Kenner die Marke mit der geflügelten Kühlerfigur ab) wird zum Beispiel von einem komplett neu konzipierten Zwölf-Zylinder-Motor angetrieben, der stolze 460 PS leistet

Motor-Monster: Der Royce (so kürzen die wahren Kenner die Marke mit der geflügelten Kühlerfigur ab) wird zum Beispiel von einem komplett neu konzipierten Zwölf-Zylinder-Motor angetrieben, der stolze 460 PS leistet

Foto: AP
Gewichts-Gigant: Der Rolls-Royce Phantom bringt stolze 2,6 Tonnen auf die Waage

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Begehrter Brite: Die erste Jahresproduktion des Rolls-Royce Phantom von 700 bis 800 Stück ist angeblich bereits ausverkauft

Begehrter Brite: Die erste Jahresproduktion des Rolls-Royce Phantom von 700 bis 800 Stück ist angeblich bereits ausverkauft

Foto: AP
Kühler-Koloss: Seine kapitale Schnauze wirkt, als habe Kitschkünstler Jeff Koons die Fassade des Parthenon-Tempels auf der Akropolis verchromt und an die Front des Rolls-Royce Phantom genietet

Kühler-Koloss: Seine kapitale Schnauze wirkt, als habe Kitschkünstler Jeff Koons die Fassade des Parthenon-Tempels auf der Akropolis verchromt und an die Front des Rolls-Royce Phantom genietet


Showroom Rolls-Royce Phantom:
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Aber bieten Luxuslimousinen ein anderes Fahrgefühl als die bewährten Modelle der automobilen Oberklasse? Lassen sich die Topmodelle von BMW, Mercedes, Audi oder VW wirklich übertreffen?

Die Antwort ist eindeutig: ja. Wer zum Beispiel mit einem Maybach fährt, der fühlt sich wie in einer bewegten Immobilie. Schließt der Passagier im Fond die Augen, glaubt er, stabil und ortsfest in einem schweren Klubsessel zu ruhen, egal ob der Wagen durch Straßenschluchten gleitet oder ob draußen die Landschaft mit 160 Stundenkilometern vorbeizurasen scheint.

Die Geräuschkulisse ist kaum anders als im Salon eines Landsitzes: Der Motor lässt sich nur selten durch ein gedämpftes, aber souverän-sonores Grummeln vernehmen - wie der Jagdhund hinter der Ottomane, wenn im Gespräch der Cocktailgäste sein Name fällt. Und am Fenster säuselt der Wind ganz leise, selbst wenn er mit 200 Stundenkilometern weht - was fast doppelter Orkanstärke entspricht.

Natürlich bleibt auch der Spaß am Selbstfahren. So verblüfft der betagt wirkende Bentley, weil sein temperamentvoller Turbo bei 250 Stundenkilometern nicht automatisch abregelt. Kein anderes Serienauto ist jenseits dieser magischen Grenze so locker und zugleich so sicher zu lenken. Und der Maybach, der trotz aller Bemühungen der Designer um elegante Proportionen aussieht, als sei er drei Nummern zu groß geraten, schwimmt so behände im Verkehrsfluss wie eine S-Klasse mit langem Radstand.

Ungemütlich wird es nur beim Rangieren. "Den Maybach 62 parkt sowieso meist der Chauffeur", sagt Maybach-Sprecher Diehl. "Und die Selbstfahrer im 57er-Modell lassen den Wagen halt vom Valet-Service abstellen."

Bentley Arnage T

Wer kauft nun die neuen Luxuslimousinen? Rund 1000 Stück sollen vom Maybach jedes Jahr abgesetzt werden, davon 10 Prozent in Deutschland. Gibt es hier zu Lande jährlich 100 Unternehmer und ähnlich solvente Käufer, die in den dicken Schlitten vorfahren, etwa vorm Festspielhaus in Bayreuth oder beim Rosenball in Gütersloh? Kaum zu glauben.

Autospezialist Wolfgang Reitzle, einst Spitzenmanager bei BMW und Ford und heute Vorstandsvorsitzender bei Linde, kann sich keinen Chef eines deutschen Unternehmens vorstellen, der "in diesen Zeiten" einen Maybach fährt. "Es sei denn, er muss, weil er das Auto selbst herstellt."

Reitzle spielt auf die DaimlerChrysler-Vorstände Jürgen Schrempp und Jürgen Hubbert an, die sich beide gern im Flaggschiff-Modell ihres Konzerns sehen lassen.

Carsten Maschmeyer, Vorstandschef beim Finanzdienstleister AWD, hat seinen Maybach wieder abbestellt ("Passt nicht in die derzeitige Wirtschaftslage"). Im Straßenbild tauchen weder Maybachs noch neue Royces auf; die Bentleys, seit vielen Jahren in Produktion, sind gleichfalls äußerst rar.

Turbo-Tonne: Der betagt wirkende Bentley Arnage T verblüfft, weil sein temperamentvoller Turbo bei 250 Stundenkilometern nicht automatisch abregelt

Turbo-Tonne: Der betagt wirkende Bentley Arnage T verblüfft, weil sein temperamentvoller Turbo bei 250 Stundenkilometern nicht automatisch abregelt

PS-Protz: Der Bentley Arnage T, hier im Januar 2002 bei der Vorstellung auf der North American International Auto Show in Detroit, bringt bullige 450 PS auf die Straße

PS-Protz: Der Bentley Arnage T, hier im Januar 2002 bei der Vorstellung auf der North American International Auto Show in Detroit, bringt bullige 450 PS auf die Straße

Foto: AP
Mächtiges Männerspielzeug: Wer im Bentley Arnage T aufs Gaspedal tritt, hört zunächst eine leise Säuseln, das langsam übergeht in ein gewaltiges Knurren

Mächtiges Männerspielzeug: Wer im Bentley Arnage T aufs Gaspedal tritt, hört zunächst eine leise Säuseln, das langsam übergeht in ein gewaltiges Knurren

Liter-Luxus: Angetrieben wird der Bentley Arnage T von einem 6,75-Liter-V8-Motor, der sich - anders als beim Royce - nicht hinter Tempelsäulen, sondern hinter einem sportlichen Waffel-Piqué verbirgt

Liter-Luxus: Angetrieben wird der Bentley Arnage T von einem 6,75-Liter-V8-Motor, der sich - anders als beim Royce - nicht hinter Tempelsäulen, sondern hinter einem sportlichen Waffel-Piqué verbirgt

Foto: REUTERS


Showroom Bentley Arnage T:
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Dabei wäre vor allem der Phantom kaum zu übersehen: Sein monströser Kühlergrill wirkt, als habe Kitschkünstler Jeff Koons die Fassade des Parthenon-Tempels auf der Akropolis verchromt und an die Front der britischen Luxuslimousine genietet.

Doch offenbar gibt es nur hier zu Lande ernste Vorbehalte gegen die protzige Ästhetik. Andernorts, so heißt es bei Rolls-Royce, finde der Phantom reißenden Absatz - so reißend, dass nicht einmal die neue Fabrik im britischen Goodwood mit der Fertigung nachkommt. Die erste Jahresproduktion von 700 bis 800 Stück ist angeblich bereits ausverkauft.

An wen die teuren Karossen gehen, darüber schweigen sich alle Hersteller grundsätzlich aus. Diskretion gehört eben zu den Geschäftsgrundlagen in diesem Marktsegment. Nicht einmal Rudolph Moshammer, Besitzer der Münchener Boutique "Carnaval de Venise" und seit Jahrzehnten bekennender Royce-Fahrer, mag auf Anfrage Design und Technik des neuen Modells kommentieren.

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