Motorrad Herrengleiter

Die BMW K 1200 GT ist ein prächtiges Tourenmotorrad, wie geschaffen für Ausritte. Doch verlangt sie eine starke Hand. Das fand auch Werbemanager Lothar Leonhard.

Als Motorradfahrer kennt Lothar Leonhard (61) seine Grenzen genau. Kaum im Sattel und noch bevor er den Motor angelassen hat, fällt dem deutschen Chairman der Werbeagentur Ogilvy & Mather auf: "Die Maschine ist fast zu groß für mich."

Leonhards Statur ist wenig hünenhaft.

Vorsichtig wiegt er die BMW K 1200 GT zwischen den Schenkeln, sorgsam auf den Füßen balancierend. "Sie ist mir auch fast zu schwer", sagt er. 300 Kilogramm nennt der Prospekt als Leergewicht.

Dennoch ist dem passionierten Zweiradfahrer nicht bange. Schließlich hat er viel Erfahrung: Rund 20.000 Kilometer pro Jahr, sommers wie winters in den Sätteln seiner BMW K 1200 RS, des leichteren "Schwestermodells" der hier getesteten GT, und seiner Yamaha FJR 1300. Plus 50.000 Kilometer in seinem Dienst-Mercedes der S-Klasse. "Ich freue mich auf jede Strecke", bekennt der Werber, "trotz der grausigen Verkehrsverhältnisse auf den meisten deutschen Straßen."

Das Motorradfahren hat Leonhard erst vor sechs Jahren gelernt - nach Jahrzehnten auf dem Rennrad. Die Fahrschule ging er so systematisch an wie ein Großprojekt im Job: "Ich will nicht nur den Führerschein machen", sagte er dem Lehrer, "ich will das Motorradfahren lernen." Folglich nahm er 70 Stunden, bevor er sich zur Prüfung anmeldete.

Nebenher las Leonhard "Die obere Hälfte des Motorrads", ein Sachbuch zur praktischen Philosophie des Zweiradfahrens vom Marktforschungsguru Bernt Spiegel. Danach fühlte er sich "reif für die freie Wildbahn".

Schräglage: Bei scharfen Abwärtsfahrten hatte mm-Tester Leonhard Schwierigkeiten, die Bremsen richtig zu dosieren

Schräglage: Bei scharfen Abwärtsfahrten hatte mm-Tester Leonhard Schwierigkeiten, die Bremsen richtig zu dosieren

Komfort-Kombi: Das Cockpit der BMW K 1200 GT dominieren klassische, mechanische Rundinstrumente

Komfort-Kombi: Das Cockpit der BMW K 1200 GT dominieren klassische, mechanische Rundinstrumente

Foto: Wolfgang Meier
Flatterhaft: Bei Tempo 180 zeigte die Telelever-Federgabel der BMW K 1200 GT technische Nachteile

Flatterhaft: Bei Tempo 180 zeigte die Telelever-Federgabel der BMW K 1200 GT technische Nachteile

Voll verkleidet: Kraftvoll, aber nicht spritzig. Die komplett ausgestattete Tourenmaschine drängt den Piloten zu einer gemäßigten Fahrweise. Hochtouriges Heizen verbietet hier der ungeschriebene Zweirad-Comment.

Voll verkleidet: Kraftvoll, aber nicht spritzig. Die komplett ausgestattete Tourenmaschine drängt den Piloten zu einer gemäßigten Fahrweise. Hochtouriges Heizen verbietet hier der ungeschriebene Zweirad-Comment.

Gewichtig: 300 Kilogramm nennt der Prospekt als Leergewicht der BMW K 1200 GT

Gewichtig: 300 Kilogramm nennt der Prospekt als Leergewicht der BMW K 1200 GT


Showroom BMW K 1200 GT:
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Der Werber zählt sich allerdings keineswegs zu den Rasern. "Ich betreibe das klassische Motorradwandern", sagt er. "Ich will unmittelbares Erleben: offenen Himmel über mir, dichte Farnbüsche links und rechts von mir. Und vor mir die Straße."

Sieben, acht Stunden lang kurvt er an jedem freien Wochenende vor allem über Chausseen in Deutschland und Österreich. Oder, wie heute auf der BMW K 1200 GT, durch den Rheingau.

Die Route führt vom Ogilvy-Büro in Frankfurt nach Eltville, nach Oestrich-Winkel und Rüdesheim. Hier kennt Leonhard jede Burg, jedes Weingut und jeden Wirtsgarten.

Fehler im Detail

Die BMW lenkt er souverän. Auf der Autobahn nach Wiesbaden fühlt er sich nur einen Moment lang "flatterig", als er kurz über 180 Stundenkilometer beschleunigt. "Plötzlich hatte ich kein Gefühl mehr fürs Vorderrad", berichtet er - und liefert gleich die Erklärung mit: Bei diesem Tempo zeige offenbar die Telelever-Federgabel technische Nachteile.

Ansonsten lobt Leonhard die perfekte Vibrationsdämpfung an allen Teilen des Motorrads, die komfortable Rumpfverkleidung, die für optimalen Fahrkomfort in der unteren Körperhälfte sorge, und die präzise Sechs-Gang-Schaltung.

Allerdings, räumt er ein, lasse sich die Frontscheibe nicht weit genug verstellen, um den Fahrtwind wirkungsvoll abzuhalten. Die Ärmel von Leonhards schwarzer Designerkombi knattern schon bei Tempo 80. An den klassischen Rundinstrumenten bemängelt der Tester die altertümliche Technik - etwa den mechanischen Kilometerzähler.

Den 130-PS-Motor kennt Leonhard von seiner eigenen BMW. Ihm gefallen die samtige Laufruhe, die große Drehmomentreserve und die Drehfreude. Indes, findet er, sollte der Sound kerniger sein: "Im Leerlauf ist nur ein hässlich schabendes Geräusch zu hören - mit kastratenhaften Obertönen."

Nach ausgiebigem Bummeln zwischen Weinbergen und Winzerdörfern zieht es den Motorradwanderer ins Wispertal - auf jene Serpentinenstrecke hinauf in den Taunus, die vor allem an Wochenenden die Zweiradfans zu tausenden anlockt.

Bei der Testfahrt ist fast kein Verkehr. So kann Lothar Leonhard die Haarnadelkurven in wechselnder Schräglage ausfahren, bis eine Art Wedelbewegung entsteht. Bei scharfen Abwärtsfahrten hat er jedoch Schwierigkeiten, die Bremsen richtig zu dosieren.

Zurück in der Frankfurter Bürowelt, fällt es dem Motorradroutinier leicht, Bilanz zu ziehen: Dank ihrer Komplettausstattung mit den beiden lackierten Koffern sei die K 1200 GT "für Wanderfahrten wohl die sicherste und praktischste Maschine auf dem Markt." Dennoch bleibt Leonhards Gesamturteil kritisch: "Meine Yamaha ist das bessere Motorrad."

manager-magazin-Fazit

manager-magazin-Fazit: Entladung

Die BMW K 1200 GT ist unter Motorrädern, was der Mercedes SL unter den Autos sein mag: kraftvoll und spurtstark, mit 245 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit gehört sie zur Königsklasse. Doch ihr Temperament ist weit entfernt von dem japanischer Zweirad-Hornissen.

Das liegt zum einen an ihrem hohen Gewicht - bedingt durch solide Materialien und umfassende Ausstattung. Zum anderen liegt es am Charakter der GT: Voll verkleidete Tourenmaschinen drängen den Piloten unwillkürlich zu einer gemäßigten Fahrweise. Hochtouriges Heizen verbietet hier der ungeschriebene Zweirad-Comment.

Für Liebhaber großer Touren ist die BMW K 1200 GT nahezu perfekt. Auch viele Stunden im Sattel strapazieren den Fahrer nicht über Gebühr. Der Sozius (oder die Sozia) sitzt bequem, Fahrwerk und Dämpfung sind auch bei voller Beladung komfortabel abgestimmt.

Winzige Ausstattungsmängel können allerdings heftige Nachwirkungen zeitigen. So fehlt im Zündschloss eine Sperre, die verhindert, dass beim Abziehen des Schlüssels die Parkleuchte irrtümlich eingeschaltet wird.

Oder ein Alarmton, der vor diesem Fehler warnt. Die Batterie ist so logischerweise nach einigen Stunden leer. Der BMW-Pannenservice, der in solchen Fällen telefonisch herbeigerufen werden kann, zeigte sich beim manager-magazin-Test außerstande, in einem akzeptablen Zeitrahmen Starthilfe zu leisten.

Das mm-Testmotorrad blieb somit fahruntauglich und musste per Kleintransporter abgeholt werden.


Technik: Kardan-getriebener Sporttourer (also mit Vollverkleidung), wassergekühlte Reihen-Vier-Zylinder-Maschine mit 96 kW/130 PS aus 1171 ccm, Sechs-Gang-Getriebe.

Fahrwerte: Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,2 Sekunden; Höchstgeschwindigkeit: 245 km/h.

Verbrauch: 5,0 bis 5,9 Liter Superbenzin je 100 Kilometer (Werksangabe), mm-Testverbrauch: 6,3 Liter je 100 Kilometer.

Grundpreis: 15.800 Euro.

Serienausstattung (Auswahl): Metalliclackierung, lackiertes Kofferset (asymmetrisch), Gepäckbügel, Teil-Integral ABS, elektrisch verstellbare Frontscheibe.

Sonderausstattung: Sitz- und Griffheizung (275 Euro), Tempomat (300 Euro).