Deflation Was tun, wenn die Preise fallen?

Deutschland droht ein gefährlicher Verfall der Preise. Die Wirtschaft steht vor einem brutalen Ausleseprozess. Nur die Starken überleben. Und die Vorbereiteten.

Die Alarmrufe sind unüberhörbar. "Deflationäre Tendenzen" erkennt die Bundesbank am Horizont, "zumal bisher keine klaren Auftriebskräfte für ein Überwinden der Wirtschaftsschwäche auszumachen sind".

Der Internationale Währungsfonds glaubt, es sei "wahrscheinlich", dass sich in Deutschland "eine milde Deflation über die nächsten Jahre verfestigt".

Deutschland sei "ungebrochen" auf dem Weg in die Abwärtsspirale, warnt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Für immerhin möglich halten Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, von Amts wegen eigentlich dem Optimismus verpflichtet, und Luxemburgs Notenbankchef Yves Mersch eine Deflation in Deutschland.

Angst im vormaligen Wirtschaftswunderland, Angst vor einem anhaltenden Preisverfall mit womöglich schlimmen Folgen für die reale Wirtschaft.

Zwar verkünden viele Konjunkturforscher und auch die Bundesregierung unverdrossen, ein schwacher Aufschwung sei in Sicht. Aber nachdem sie drei Jahre lang eine Fehlprognose nach der anderen abgegeben haben, mögen viele den Verheißungen nicht mehr so recht glauben.

In anonymen Umfragen sagt die Mehrheit der Manager und Unternehmer, sie halte das Risiko einer Deflation in Deutschland für hoch. Aber nur eine verschwindend kleine Minderheit der Firmen ist vorbereitet. Sie verfahren nach der Duldungsstarre-Strategie: Kopf einziehen, wegducken und hoffen, dass es bald vorüber ist.

Eine riskante Haltung. "Wer jetzt nicht radikal handelt, begibt sich in große Gefahr", sagt Daniel Stelter, Berater bei der Boston Consulting Group (BCG). "Die meisten Unternehmen", so Stelter, "warten einfach ab, was passiert. Viele werden die Deflation nicht überleben."

Der Grund für die Ignoranz: Weil die heutigen Manager keine Erfahrung haben mit dem großen Preisverfall, erscheint dieses Krisenszenario als rein theoretische Katastrophe. Denken und Handeln sind auf eine inflationäre Welt konditioniert.

Mit Ausnahme Japans, das Mitte der 90er Jahre in eine Abwärtsspirale geriet, steigt seit annähernd sechs Dekaden das Preisniveau in allen westlichen Volkswirtschaften. Sollte Deutschland von einem Deflationsstrudel erfasst werden, stehen die Manager vor einer ganz neuen Herausforderung - vor einer Expedition ins Schattenreich der Ökonomie: Eine deflationäre Wirtschaft ist eine widrige Welt, in der ein brutaler Ausleseprozess abläuft. Nur die Starken, die Gesunden und die Klugen überleben. Und die Vorbereiteten.

Geld her, und zwar schnell

Finanzen: Geld her, und zwar schnell

Die Unternehmen müssen ihre Finanzierung langfristig sichern - Schulden abbauen, Zinslast senken, genug Cash in die Kassen holen, um die mageren Jahre überstehen zu können.

Eine "Verschuldungsdeflation", wie sie Deutschland droht, geht immer mit einer Bankenkrise einher. Bereits seit anderthalb Jahren sinkt das Volumen der Kredite an Unternehmen und Selbstständige, in den vergangenen Monaten sogar beschleunigt - deutliches Anzeichen für einen "Credit crunch". Die Banken, selbst mit Problemen beladen, knausern mit Geld.

Auch auf den Anleihemärkten wird die Lage schwieriger. In den vergangenen drei Jahren haben die Anleger zwar Firmenanleihen zu Niedrigstzinsen abgenommen. Großunternehmen wie VW, Post, Allianz oder General Motors haben große Bonds emittiert. Segnungen der Preisstabilität.

In der Deflation jedoch steigen die Zinsen real. Weil das Risiko zunimmt, dass Schuldner insolvent werden und ihre Kredite nicht zurückzahlen, bekommen Firmen, wenn überhaupt, nur noch gegen hohe Risikoaufschläge Geld von den Banken und an den Anleihemärkten. Auf dem Höhepunkt der Deflation, Anfang der 30er Jahre, stiegen die kurzfristigen Realzinsen in Deutschland auf 11 Prozent.

Ein Balanceakt: Einerseits müssen die Firmen ihre Verbindlichkeiten abbauen. Andererseits müssen sie langfristige Schulden aufnehmen, um in Zeiten begrenzter Kredite flüssig zu bleiben.

Kosten: Ausstieg aus der Automatik

Löhne, Mieten und Preise von Zulieferern und Dienstleistern sind häufig längerfristig vertraglich fixiert - bei einer Inflation von Vorteil, bei der Deflation möglicherweise tödlich. Während die Erlöse wegbrechen, bleiben die Kosten konstant. Firmen drohen in dieser "Gewinnkompression" zerquetscht zu werden.

Ein Effekt, der schon bei einer schleichenden Deflation wie in Japan mit Raten von 1 bis 2 Prozent schlimm genug ist. Sollte es zu einem Preisrückgang wie Anfang der 30er Jahre kommen, als das Preisniveau in Deutschland binnen drei Jahren um mehr als 20 Prozent sank, würden hunderttausende von Unternehmen in den Abgrund gerissen.

Deflationsklauseln bieten Schutz gegen die reale Kostenexplosion. Wer mit Vermietern, Energieversorgern, Telefongesellschaften oder Mitarbeitern verabredet, dass der jeweilige Vertrag neu verhandelt wird, wenn das Preisniveau über mehrere Quartale sinkt, verschafft sich Erleichterung auf der Ausgabenseite.

Aber Vorsicht: Eine formelle Kopplung der Preise an die Entwicklung eines Preisindex ist per Gesetz verboten ("Indexierungsverbot"). Ausweg: Sonderkündigungsrechte und kurze Vertragslaufzeiten.

Die Produktivität steigern

Innovation: Die Produktivität steigern

Für viele Branchen sind rückläufige Verkaufspreise ein bekanntes Phänomen. Ob Computer, Stereoanlagen, Fernseher, Mobiltelefone, Autos oder Agrarprodukte - viele Güter sind ständig von Preisverfall bedroht. Den Unternehmen bereitet das keine Probleme, solange sie die Produktivität steigern können: durch effizientere Herstellprozesse, die ihre Kosten senken, oder durch neue, attraktive Produkte, die es ermöglichen, die Erlöse zu stabilisieren.

Die Autoindustrie müht sich seit Anfang der 90er Jahre um eine kontinuierliche Verbesserung der Produktion. Die Produktzyklen sind kürzer geworden, die neuen Fahrzeuge werden regelmäßig werthaltiger. Doch sie werden nicht teurer als die Vorgängermodelle verkauft. Neue Computer bieten zum gleichen Preis ein Vielfaches an Rechenkapazität.

Je eher es gelingt, die eigenen Produkte gegenüber der Konkurrenz zu differenzieren, desto weniger spürbar ist der Druck der Gewinnkompression. Wer hingegen in der Krise bei Forschung und Entwicklung oder bei der Werbung kürzt, spart an den falschen Stellen.

Auslandsmärkte: Fluchtpunkt Inflation

Gegenüber dem Deflationsland Japan hat die Bundesrepublik einen wichtigen Vorteil: die Einbindung ins Euroland. Wenn die Preise in Deutschland sinken, werden hiesige Produkte wettbewerbsfähiger gegenüber der Konkurrenz aus den übrigen Euro-Staaten. Eine automatische Stabilisierung. In Japan hingegen wertete als Folge der Deflation der Yen auf (relativ hohe Realzinsen lockten Kapital an). Die Konsequenz: Japanische Produkte wurden im Vergleich zu ausländischen teurer.

Deutsche Unternehmen können ihre Erlöse sichern, wenn sie ihren Absatz auf Euro-Märkten mit soliden Inflationsraten steigern. Und solche Märkte gibt es: In Spanien, Portugal und Griechenland, aber auch in künftigen neuen osteuropäischen EU-Ländern steigen die Konsumentenpreise mit Raten von 4 Prozent und mehr.

Portfolio: Radikale Schritte

Mehr noch als während des Globalisierungsschubs der 90er Jahre, müssen sich Unternehmen in der Deflation auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren. Bereiche, die nicht oder nur schwach profitabel sind, werden bei wegbrechenden Umsätzen zu schwarzen Löchern, die flüssige Mittel absaugen. Je schneller diese Sparten abgestoßen werden, desto besser - tief in der Krise wird sich kaum noch ein Käufer finden.

Da bei der Deflation neben den Preisen auch die Absatzmengen zurückgehen, kann es sogar notwendig werden, in den Kerngeschäften Kapazitäten stillzulegen oder Fabriken an Niedriglohnstandorte zu verlagern.

Gesunden Unternehmen eröffnen sich allerdings auch Chancen. Je tiefer die Krise, desto mehr Firmenteile stehen zum Verkauf - freie Auswahl für Finanzstarke. Gerade in der Deflation können sich Akquisitionen auszahlen: Wer Marktmacht erlangt, hat mehr Spielraum, die Preise hochzuhalten.

Alle Kräfte bündeln

Fazit: Alle Kräfte bündeln

Die deutsche Wirtschaft droht in eine beispiellos schwierige Situation abzurutschen. "Jetzt ist Teamgeist gefragt", mahnt BCG-Berater Stelter. Die Krise erfordere schnelle, klare Entscheidungen des Topmanagements.

Auf Hilfe von außen dürfen die Unternehmenslenker nicht setzen. Auch wenn es in Europa noch einige dynamische Gegenden gibt: Mit einem Exportboom ist nicht zu rechnen.

Japan steckt schon seit Jahren in der Deflation, den USA droht ein ähnliches Schicksal. Den Euro gegenüber Dollar und Yen zu schwächen und somit die Nachfrage aus dem Ausland zu beleben, fällt als Ausweg aus.

Auch der Staat kann nicht als Problemlöser antreten. Sinkende Preise setzen die ohnehin angespannten öffentlichen Budgets noch weiter unter Druck. Die Steuereinnahmen brechen weg, die Ausgaben steigen real.

Und anders als früher steht das Netzwerk der Deutschland AG nicht mehr für Auffangaktionen bereit. In der Krise kämpft jeder um das eigene Überleben. So wie im Fall der Mannheimer Versicherung, der ersten spektakulären Pleite in der Assekuranz in Deutschland seit dem Krieg. Bisher wurden solche Fälle dezent durch Übernahmen gelöst.

Panik im einstigen Wirtschaftswunderland? Noch nicht. Aber die Lage kann rasch sehr ungemütlich werden.


Abwärtsspirale: Dynamik der Deflationskrise

Auslöser: Eine Kursblase auf den Aktien- und Immobilienmärkten platzt. Ein dramatischer Kursverfall vernichtet Vermögen.

Überkapazitäten: Während des Booms haben Unternehmen ihre Kapazitäten aufgebläht. Nun liefern sie sich einen Wettbewerb im Unterbieten - die Preise fallen.

Schulden: Im Boom wurden bedenkenlos Kredite aufgenommen. Schulden, die in der Deflation real an Wert gewinnen und die Gesundung behindern.

Kredite: Die Banken geraten in Schwierigkeiten und schränken die Kreditvergabe ein. Geld gibt es nur noch gegen hohe Risikoaufschläge. Die Realzinsen steigen.

Konsum: Aus Angst vor der Zukunft und weil bald alles noch billiger wird, schränken sich die Bürger ein. Firmen investieren kaum noch. Die Krise nährt die Krise.

Staat: Die Finanzminister verlieren Spielraum: Einnahmen schwinden, Ausgaben explodieren.

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