Strafverfahren Kalte Wut

Aggressiv wie nie zuvor verfolgt die Justiz Deutschlands Wirtschaftselite. Jüngstes Beispiel: Im Fall Mannesmann hat das Landgericht Düsseldorf nun die Untreue-Klage gegen alle sechs Beschuldigten zugelassen. Mit ihrer Maßlosigkeit haben viele Manager das Misstrauen provoziert. Aber sind sie deshalb auch vor dem Gesetz schuldig?

In der Filiale der Deutschen Bank  an Düsseldorfs Königsallee stellen sich die Mitarbeiter auf hohen Besuch ein. Konzernchef Josef Ackermann (55) ist avisiert, und zwar für einen möglicherweise längeren Aufenthalt. Ein großzügiges Büro haben sie ihm hergerichtet; im Vorzimmer arbeitet bereits eine Sekretärin.

Die Deutsche Bank ist vorbereitet. Auf den Ernstfall.

Der könnte im Herbst eintreten, falls dann dem mächtigsten deutschen Banker vor der 14. Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf der Prozess gemacht wird.

Der Vorwurf: Untreue. Als Präsidiumsmitglied des ehemaligen Mannesmann-Aufsichtsrats habe Ackermann mit dafür gesorgt, dass Mannesmann-Manager nach der Übernahme des Traditionskonzerns durch Vodafone  rechtswidrig abkassierten, insgesamt rund 40 Millionen Euro.

Zwei Tage pro Woche müsste Ackermann wohl auf der Anklagebank ausharren - und das vermutlich über mehrere Monate. Notgedrungen würde er in dieser Zeit die Geschäfte von Düsseldorf statt von der Frankfurter Taunusanlage aus führen - so sieht es der Plan A der Deutsch-Banker vor.

Der Fall Ackermann, so einmalig er ist, zeigt beispielhaft, was Deutschlands Manager umtreibt. Aggressiv wie nie zuvor geht die Justiz gegen das Spitzenpersonal der Wirtschaft vor. Waren früher meist irregeleitete Mittelständler oder einzelne Unternehmer in Rechtshändel verwickelt, jagen die Staatsanwälte heute vermehrt die Vorstände großer Aktiengesellschaften.

Vorbei die Zeiten, in denen die Häscher früh einlenkten gegen eine diskret verhandelte Geldbuße. Der geräuschvolle Prozess ist nun ihr Ziel.

Sitzen in den Topetagen tatsächlich nur noch Topkriminelle, oder werden die Manager zu Unrecht verfolgt? Wie sollen Justiz und Unternehmen künftig miteinander umgehen? Und: Wie viel Spielraum bleibt noch für das freie Wirtschaften?

Die Haltbarkeit von Unternehmensentscheidungen, so scheint es, liegt neuerdings im Ermessen von Justizbeamten. Im Fall Mannesmann nehmen Staatsanwälte - zweifellos unverschämte, aber übliche - Prämien zum Anlass, um der erodierten Managermoral mit dem Strafgesetzbuch wieder Geltung zu verschaffen. Woanders rufen - fraglos riskante, gleichwohl alltägliche - Firmenkredite die Strafverfolger auf den Plan.

Keiner weiß mehr, was strafbar ist

Keiner weiß mehr, was strafbar ist

Kaum ein Manager weiß noch, was strafbar ist. Die Rechtssicherheit, einst strahlender Standortvorteil Deutschlands, droht schweren Schaden zu nehmen. Die Wirtschaftselite fühlt sich kriminalisiert. Keiner ist gegen Ermittlungen gefeit.

Neben Ackermann sind in der Causa Mannesmann unter anderem der ehemalige Vorstandsvorsitzende Klaus Esser sowie die früheren Aufseher Joachim Funk und Klaus Zwickel angeklagt.

Im Fall Babcock, der die Begleitumstände des spektakulären Konkurses untersucht, wird nicht nur gegen Ex-Babcock-Chef Klaus Lederer ermittelt, sondern auch gegen Tui-Anführer Michael Frenzel, dessen Vorstandskollegen Rainer Feuerhake und den früheren WestLB-Chef Friedel Neuber.

Die gescheiterten Chefs von Deutscher Telekom  (Ron Sommer) und Berliner Bankgesellschaft  (Wolfgang Rupf) sind ins Blickfeld der Staatsanwälte geraten. Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer hat Ärger mit der Justiz, weil er sich abfällig über Leo Kirchs Kreditwürdigkeit geäußert hat.

Angeklagt: Josef Ackermann, Deutsche-Bank-Chef

Angeklagt: Josef Ackermann, Deutsche-Bank-Chef

Foto: DDP
Angeklagt: Klaus Zwickel, Ex-Mannesmann-Aufseher

Angeklagt: Klaus Zwickel, Ex-Mannesmann-Aufseher

Foto: REUTERS
Beschuldigt: Ron Sommer, Ex-Telekom-Chef

Beschuldigt: Ron Sommer, Ex-Telekom-Chef

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Angeklagt: Klaus Esser, Ex-Mannesmann-Chef

Angeklagt: Klaus Esser, Ex-Mannesmann-Chef

Foto: AP


Im Blickfeld des Staatsanwalts I:
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Dass die Staatsanwälte mit Inbrunst gegen die Unternehmensführer vorgehen, ist in vielen Fällen berechtigt. Die Wirtschaft darf kein rechtsfreier Raum sein, sonst würden Scharlatane wie Bodo Schnabel (Comroad ) oder Manfred Schmider (Flowtex) wohl noch immer ihren virtuellen Geschäften nachgehen - und mit Aufträgen protzen, die nur auf dem Papier existieren.

Mitunter ist die Schuldfrage allerdings weniger eindeutig. Die Beschuldigten bestreiten ohnehin in allen Fällen, sich strafbar gemacht zu haben - geschenkt. Tatsächlich aber reduziert sich in Wirtschaftsverfahren vieles aufs Bewerten und Interpretieren.

Besonders heikel wird es, wenn Staatsanwälte mit dem so genannten Untreue-Paragrafen hantieren. Der behandelt Verfehlungen im Umgang mit fremdem Vermögen und ist in etwa so konturenscharf wie Babybrei.

Das weiß inzwischen auch Dietmar Hopp, der Mitbegründer des Softwareriesen SAP .

Der hatte im Sommer vergangenen Jahres über seine gemeinnützige Stiftung eine Bürgschaft ausgereicht. Obwohl die Stiftung für die Ehrenschuld eine jährliche Provision bekommen sollte und obwohl Hopp bei Fälligkeit mit seinem Privatvermögen eingesprungen wäre, vermutete der Mannheimer Oberstaatsanwalt Hubert Jobski Untreue.

Später Sieg des Menschenverstands

Später Sieg des Menschenverstands

Der vage Verdacht reichte, um Hopps Wohnung und Büro von Beamten des Landeskriminalamts durchstöbern zu lassen. Auch bei Hopps Steuerberater wühlten die Ermittler.

Ein "Willkürakt", schäumte Hopp. In seiner kalten Wut warb der verfolgte Sponsor in doppelseitigen Zeitungsannoncen um "Solidarität". Anfang Juli musste Jobski das Verfahren einstellen, der Verdacht hatte sich nicht erhärtet. Ein später Sieg des Menschenverstands.

Geht es noch grotesker? Bitte schön.

Gegen einen Thyssen-Aufsichtsrat ermittelten die Behörden, weil er einem Dritten Insiderwissen über die Fusion von Thyssen und Krupp  mitgeteilt haben soll. Der Dritte war seine Frau. Im vergangenen Jahr wurde die Affäre Bettgeflüster schließlich beendet, nach heftigem Streit über die grundgesetzlich gesicherte Schutzzone von Ehe und Familie.

Was mittlerweile zum Massenphänomen ausgeartet ist, fing klein an. Die Untreue-Klausel zum Beispiel war lange Zeit auf den einfachen Angestellten wie den Briefzusteller gemünzt.

Im Parteispendenskandal der 80er Jahre mussten erstmals prominente Wirtschaftsführer wie der ehemalige Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch und der frühere Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs auf die Sünderbank.

Seitdem kennen Staatsanwälte keine Scheu mehr vor großen Namen und komplexen Konzernen.

Beschuldigt: Rainer Feuerhake, Tui-Vorstand

Beschuldigt: Rainer Feuerhake, Tui-Vorstand

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Entlastet: Dietmar Hopp, SAP-Großaktionär

Entlastet: Dietmar Hopp, SAP-Großaktionär

Foto: DDP
Beschuldigt: Klaus Lederer, Ex-Babcock-Chef

Beschuldigt: Klaus Lederer, Ex-Babcock-Chef

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Angeklagt: Joachim Funk, Ex-Mannesmann-Aufseher

Angeklagt: Joachim Funk, Ex-Mannesmann-Aufseher

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Im Blickfeld des Staatsanwalts II:
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Die Justizminister der Länder haben die Ermittlungsbehörden nach und nach aufgerüstet. Staatsanwaltschaften, auf Wirtschaftsdelikte spezialisiert, sind mittlerweile über das ganze Land verteilt. Wirtschaftsreferenten, Bilanzfachleute und Computerexperten assistieren den Strafverfolgern; Beamte von LKA oder BKA helfen, die Steuerfahnder sind meist ohnehin dabei.

Eine juristische Maschine ist auf Touren gekommen, die schwer zu drosseln ist. Zumal sie oft mit fremdem Antrieb läuft.

Die Staatsanwälte sind verpflichtet, jeder Anzeige nachzugehen. Advokaten wie der Stuttgarter Mark Binz haben sich darauf verlegt, raffgierige Manager bloßzustellen. Auch im Fall Mannesmann setzte der "Chefankläger der verlorenen Moral" ("Rheinischer Merkur") die Justizbehörden auf die Spur.

Privatermittler versorgen die Staatsanwälte ebenfalls mit Material. Hans-Joachim Selenz, einst im Streit geschiedener Manager des Tui-Vorläufers Preussag, hat es in der Detektivdisziplin zur Perfektion gebracht. In der Babcock-Affäre ("der größte Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte") stellte er mehrere Strafanzeigen und mobilisierte Publizisten, Politiker, ja sogar die US-Börsenaufsicht.

Die Ermittler im Waidmannsfieber

Die Ermittler im Waidmannsfieber

Auf einer eigenen Homepage (www.hans-joachim-selenz.de)  informiert er über den neuesten Recherchestand, nimmt "sachdienliche Hinweise gern entgegen". Die brisantesten Stellen seines elektronischen Pamphlets eskortiert ein blinkender Streifenwagen.

Beeiden wird es keiner, aber fraglos treibt auch die Ermittler das Waidmannsfieber in die Chefetagen. "Vom roten Teppich" wolle er die Manager holen, gibt ein bayerischer Oberstaatsanwalt zu Protokoll. Die würden sich "mit der Aura des Unfehlbaren" umgeben - und doch häufig fehlen.

Man versteht einander nicht. Die Lebenslagen von Topmanagern und Staatsanwälten sind heute so deckungsgleich wie die von Fußballprofis und Linienrichtern.

Was Wunder, dass den sechs Ermittlern jene luxuriöse Wohnwelt völlig fremdartig erschien, in die sie am 18. Februar gegen 9.45 Uhr eingedrungen waren. Die Beamten durchsuchten das Haus des in der Babcock-Affäre beschuldigten Klaus Lederer im Düsseldorfer Villenviertel Wittlaer - und bestaunten den Esstisch mit zwölf Stühlen, den Whirlpool und weiteren Einrichtungsluxus.

Als die Sondertruppe "BOB" (das Kürzel steht für Babcock) hinterher Kontoverbindungen und Kreditkartennummern auflistete, die sie bei Lederer und seiner Frau Patricia gefunden hatte, ja da dürften den öffentlich Besoldeten ihre Gehaltszettel wie Ausweise von Armut vorgekommen sein.

Beschuldigt: Friedel Neuber, Ex-Babcock-Aufseher

Beschuldigt: Friedel Neuber, Ex-Babcock-Aufseher

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Beschuldigt: Wolfgang Rupf, Ex-Bankgesellschaft-Chef

Beschuldigt: Wolfgang Rupf, Ex-Bankgesellschaft-Chef

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Beschuldigt: Michael Frenzel, Tui-Chef

Beschuldigt: Michael Frenzel, Tui-Chef

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Beschuldigt: Rolf-E. Breuer, Ex-Deutsche-Bank-Chef

Beschuldigt: Rolf-E. Breuer, Ex-Deutsche-Bank-Chef

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Im Blickfeld des Staatsanwalts III:
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Nicht nur der Neid der Ermittler mag ein Ansporn sein, auch von außen werden die Fahnder gedrängt, unerbittlich gegen Manager vorzugehen. Von einem wie Jochen Sanio etwa, dem ruppigen Chef der Bankenüberwachung BaFin.

Zudem macht die Dienstaufsicht Druck. Dauern Ermittlungen länger als fünf Jahre, "bekomme ich Ärger", sagt der Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Bernhard Englisch. Unerledigte Altakten stellt der Babcock-Chefermittler deshalb ganz vorn ins Regal, zur ständigen Mahnung.

Ihm soll nicht das Gleiche passieren wie dem ehemaligen Kollegen Johannes Pütz. Dem hatten die Justizbehörden vorgeworfen, in der Korruptionsaffäre um Topmanager des Veba-Konzerns schlampig gearbeitet zu haben; einige Verfahren waren verjährt. Zwischenzeitlich wurde gegen den einstigen Starermittler sogar ermittelt - wegen Rechtsbeugung.

Oft entwickeln die Verfahren eine eigene Dynamik, die den Anklägern einen würdevollen Rückzug verbaut. Jahrelanges Sammeln und Sichten, Aktenreihen von 100 Ordnern und mehr - ein solches Mammutverfahren (wegen geringer Schuld) einzustellen sei "eine psychologische Zumutung", findet der Strafverteidiger Sven Thomas und lächelt gequält.

Der Düsseldorfer Advokat arbeitet seit 15 Jahren für die Mächtigen der Republik. Er weiß genau: Die Einstellung eines Verfahrens, womöglich nach Jahren, hilft den Mandanten wenig; der Schaden ist schon früher eingetreten.

Die Straf-Arbeiten der Staatsanwälte

Die Straf-Arbeiten der Staatsanwälte

Kaum haben sie begonnen, avancieren strafrechtliche Ermittlungen häufig zum gigantischen Medienereignis. Fast jede größere Durchsuchung bei Wirtschaftsführern beleuchten Scheinwerfer der TV-Sender; Verdunkelungsgefahr ausgeschlossen.

Anschließend peinigen die Strafverfolger die Manager bisweilen mit rüden Methoden. Trickreich gehen sie vor, könnte man auch sagen.

Die Beschuldigten müssen oft lange warten, bis sie Akten einsehen können, weil die Staatsanwälte noch nicht wissen, was sie den Managern genau vorhalten. Bestechlichkeit, Käuflichkeit, Verschwörung: Im Fall Mannesmann änderten sich die Vorwürfe gegen Esser & Co. nahezu alle paar Monate.

Wohnungen durchforsten die Ermittler gern "nach dem Staubsaugerprinzip" (ein Strafverteidiger). Sie ziehen so viel Material wie möglich ein, unabhängig vom konkreten Vergehen - vielleicht können ja die Kollegen Steuerfahnder die Unterlagen gebrauchen. Beim eiligen Zusammenklauben werden auch schon mal Aktentaschen der eigenen Beamten beschlagnahmt.

Wer darauf setzt, dem Staatsanwalt früh seine Sicht der Dinge darlegen zu können, hofft oft vergebens. Viele Ermittler vernehmen Topmanager erst zum Ende ihrer Recherchen. Sie wollen sich nicht beirren lassen: "Im Gespräch", erzählt ein Strafverfolger, "machen die doch alle immer einen blendenden Eindruck."

Egon Müller(64): Der Saarbrücker Strafverteidiger ist seit über 30 Jahren im Geschäft. Er vertritt derzeit Ex-Aufseher Funk in der Affäre Mannesmann. Seine größten Fälle: Herstatt, Flick und Rheinmetall.

Egon Müller(64): Der Saarbrücker Strafverteidiger ist seit über 30 Jahren im Geschäft. Er vertritt derzeit Ex-Aufseher Funk in der Affäre Mannesmann. Seine größten Fälle: Herstatt, Flick und Rheinmetall.

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Sven Thomas (55): Der Düsseldorfer betreut den ehemaligen Mannesmann-Chef Esser und den früheren Babcock-Kontrolleur Neuber. Auch Florian Haffa zählt zu seinen Mandanten.

Sven Thomas (55): Der Düsseldorfer betreut den ehemaligen Mannesmann-Chef Esser und den früheren Babcock-Kontrolleur Neuber. Auch Florian Haffa zählt zu seinen Mandanten.

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Eberhard Kempf (60): Der Frankfurter leistet Deutsche-Bank-Chef Ackermann sowie Ex-Babcock-Chef Lederer juristischen Beistand. Er verteidigte früher auch Kernkraftgegner und Hausbesetzer.

Eberhard Kempf (60): Der Frankfurter leistet Deutsche-Bank-Chef Ackermann sowie Ex-Babcock-Chef Lederer juristischen Beistand. Er verteidigte früher auch Kernkraftgegner und Hausbesetzer.

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Gegenstimmen: Die Anwälte der Topmanager
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Damit aus einem kleinen ein großer, schlagzeilenreicher Fall wird, muss der Kreis der Beschuldigten möglichst weit gezogen werden. Das passende Delikt: Komplott.

Hinter diesem bedrohlichen Schlagwort verbirgt sich die Annahme, Vorstände und Aufsichtsräte hätten sich zum Schaden des Unternehmens verschworen. Die Hypothese wirkt bisweilen arg konstruiert.

Im Fall Mannesmann etwa stützt sich Oberstaatsanwalt Hans-Reinhard Henke vor allem auf einen internen Vermerk vom 31. Januar 2000: Mit wenigen Zeilen bestätigt Chefaufseher Funk seinem Manager Esser, dass dieser nach seinem Ausscheiden ein lebenslanges Recht auf Dienstwagen, Fahrer, Büro und Sekretärin hat - eine bei vielen Konzernen übliche Regelung. Die Ankläger indes deuten das Schreiben als entscheidenden Beleg für eine geheime Absprache zwischen Funk und Esser zum gegenseitigen unrechtmäßigen Abkassieren.

Die Straf-Arbeiten der Staatsanwälte zerren an den Nerven der Beschuldigten, kosten Arbeitszeit und Geld. Deutsch-Banker Ackermann beschäftigt gleich drei Juristen: neben Haussyndikus Reinhard Marsch-Barner den Frankfurter Starverteidiger Eberhard Kempf und den Münchener Strafrechtsprofessor Klaus Volk.

Gelegentlich bringen die Ermittlungen die Betroffenen sogar um ihren Job, bevor überhaupt Anklage erhoben wurde.

Wenn Strafverfahren die Karriere kosten

Wenn Strafverfahren die Karriere kosten

Francisco Guadamillas Cortés ist solches widerfahren.

Der Bankmanager leitete die Privatkundenfiliale des US-Investmenthauses J. P. Morgan  für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ein feiner Posten mit hohem Ansehen und - in guten Zeiten - hohem Einkommen.

Seine Vergangenheit wurde Cortés zum Verhängnis. Er war einst Chef der Immobilien- und Beteiligungsgesellschaft SPAG  in Mörfelden-Walldorf. Und die steht im Verdacht, von der Russenmafia zum Geldwaschen missbraucht worden zu sein. Als BKA-Fahnder im Mai auch bei J. P. Morgan anrückten, feuerte ihn sein neuer Arbeitgeber - wegen Rufschädigung.

Dieter Vogel kostete ein Strafverfahren ebenfalls die Karriere. Mitte der 90er Jahre ermittelten Staatsanwälte gegen den früheren Thyssen-Manager und etliche seiner Kollegen. Der Vorwurf: Die Führungskräfte des Industriekonzerns hätten bei der Abwicklung einer DDR-Firma Millionen veruntreut. Die Akte wurde Ende 1998 nach Zahlung einer Geldbuße geschlossen.

Zu spät für Vogel. Das langwierige Verfahren hatte ihn jeder Chance beraubt, Chef des frisch fusionierten Stahlriesen ThyssenKrupp zu werden.

Übereifrige Staatsanwälte, die, wie im Fall Mannesmann, mit einem "Scherbengericht über die Führungsqualität der deutschen Wirtschaft" drohen; verunsicherte Wirtschaftsführer, die fortan jedes halbwegs riskante Geschäft mit Gutachten strafrechtlich absichern lassen oder es gar nicht erst wagen. Gibt es einen Ausweg aus der Rechtsfalle?

Friedel Balsam: Mit Luftgeschäften betrog der Sportbodenhersteller Banken - acht Jahre Haft.

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Jürgen Schneider: Wegen schweren Betrugs wurden dem Bauunternehmer sechs Jahre und neun Monate aufgebrummt.

Jürgen Schneider: Wegen schweren Betrugs wurden dem Bauunternehmer sechs Jahre und neun Monate aufgebrummt.

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Roland Ernst: Der Immobilienunternehmer wurde zunächst zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil im Juni größtenteils aufgehoben hat, muss nun neu verhandelt werden.

Roland Ernst: Der Immobilienunternehmer wurde zunächst zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil im Juni größtenteils aufgehoben hat, muss nun neu verhandelt werden.

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Manfred Schmider: Mindestens neun Jahre (das genaue Strafmaß steht noch nicht fest) wird der Ex-Flowtex-Chef wohl einsitzen, wegen Betrügereien mit erfundenen Bohrgeräten.

Manfred Schmider: Mindestens neun Jahre (das genaue Strafmaß steht noch nicht fest) wird der Ex-Flowtex-Chef wohl einsitzen, wegen Betrügereien mit erfundenen Bohrgeräten.

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Thomas und Florian Haffa: Die EMTV-Brüder erhielten eine Geldstrafe wegen Bilanzfälschung - und legten Revision ein.

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Bodo Schnabel: Sieben Jahre verbüßt der Comroad-Gründer, unter anderem wegen Kursbetrugs.

Bodo Schnabel: Sieben Jahre verbüßt der Comroad-Gründer, unter anderem wegen Kursbetrugs.

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Großer Wahn und kleine Reue:
Eine Auswahl von verurteilten Blendern und Täuschern

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Klar, die Manager sind auch selbst schuld an der Misere. Mit ihrer Maßlosigkeit und Scheinmoral haben sie eine gesellschaftliche Vertrauenskrise ausgelöst und den Eingriff des Staates provoziert.

Dennoch stellt sich die Frage, ob anstelle der Strafjustiz nicht vielmehr die Aktionäre weiter gehende Kontrollbefugnisse erhalten sollten. Die es ihnen zum Beispiel ermöglichen, Vergütungsexzesse mit einem Veto in der Hauptversammlung zu stoppen.

"Das Strafrecht muss Ultima Ratio sein", sagt Ralph Wollburg von der Düsseldorfer Anwaltskanzlei Freshfields, stellvertretend für viele seiner Kollegen. "Es darf keine unternehmerischen Ermessensentscheidungen sanktionieren."

Die Fälle Mannesmann und Babcock

Fazit

Bevor die Staatsanwälte ein Verfahren starten, sollten sie genauer prüfen, ob wirklich ein so genannter Anfangsverdacht besteht, fordert der Saarbrücker Strafrechtler Egon Müller. Auf jeden Fall, so Müller, sollte der Verdacht "schriftlich begründet" werden. Bislang sind die Ermittler niemandem groß Rechenschaft schuldig, wenn sie mit ihren Recherchen beginnen.

Obendrein braucht der Untreue-Paragraf dringend ein neues Gesicht. Damit Staatsanwälte und Manager Cleverness besser von Kriminalität abgrenzen können, müsste der Gesetzgeber die Untreue viel genauer definieren, verlangen Juristen.

Für die akuten Rechtsprobleme der Deutschen Bank kämen all diese Initiativen zu spät. Die Firma vertraut lieber ihrem Plan A. Aber was, wenn Ackermann im Gerichtssaal keine gute Figur macht? Was, wenn das Image der Bank unter der Prozess-Publicity leidet?

Dann greift eben Plan B.

B wie Breuer. Falls Ackermann bis zum Abschluss des Verfahrens beurlaubt wird, soll der 65-jährige Aufsichtsratsvorsitzende noch einmal an die Spitze des Kreditinstituts rücken.


Der Fall Mannesmann

Die Angeklagten: Der ehemalige Mannesmann-Chef Klaus Esser sowie unter anderem Joachim Funk (Essers Vorgänger), Josef Ackermann (Deutsche Bank) und Klaus Zwickel (IG Metall) als Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums des Unternehmens.

Die Vorwürfe: Untreue im besonders schweren Fall und Beihilfe. Esser und Funk sollen bei der Übernahme durch Vodafone unrechtmäßig diverse Prämien kassiert haben. Ackermann und Zwickel hätten die Geldtransfers als rechtswidrig erkannt und trotzdem abgesegnet. Vorstand und Aufsichtsrat hätten mithin verschwörerisch zusammengewirkt.

Der Stand des Verfahrens: Falls das Düsseldorfer Landgericht das Hauptverfahren eröffnet, beginnt der Prozess frühestens im Herbst. Bereits entschieden ist (in erster Instanz) eine Klage Essers: Das Land Nordrhein-Westfalen muss 10.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, weil die Ermittler mit ihrer Pressepolitik Essers Persönlichkeitsrechte in gravierender Weise verletzt hätten.


Der Fall Babcock

Die Beschuldigten: Ex-Babcock-Chef Klaus Lederer sowie vier weitere Babcock-Manager, Tui-Chef Michael Frenzel und Finanzvorstand Rainer Feuerhake, der frühere WestLB-Chef Friedel Neuber.

Die Vorwürfe: Insolvenzverschleppung und Untreue sowie Beihilfe. Der Mitte 2002 zusammengebrochene Babcock-Konzern soll schon im Jahr 2001 zahlungsunfähig gewesen sein. Von der früheren Babcock-Tochter HDW, einer Schiffswerft, soll via internen Finanzausgleich (so genanntes Cash-Clearing) illegal Geld in die Babcock-Kassen geflossen sein. Frenzel, Feuerhake und Neuber sollen als Anteilseigner oder Aufsichtsräte von Babcock/HDW diese Vorgänge gedeckt, wenn nicht sogar veranlasst haben.

Der Stand des Verfahrens: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ist mitten in der Ermittlungsphase. Voraussichtliche Dauer: mindestens ein Jahr. Dann werden die Strafverfolger entscheiden, ob und gegen wen sie Anklage erheben.

Durchsucht: Was die Ermittler im Fall Babcock alles fanden


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