spezial Internet Kims digitale Welt

In einem Hamburger Vorort ist das virtuelle Zeitalter bereits angebrochen. Ein Bericht aus einem total vernetzten Haushalt.

Am Telephon hat er noch gesagt, daß er gar nicht verstünde, was an seinem Lebensstil oder Haus so besonders, so zukunftsweisend sein sollte. Digital? Vernetzt? Wie im Jahr 2002? Lebt denn heute nicht schon fast jeder so?

Auf den ersten Blick wirkt das Haus von Kim Matsumoto ziemlich bieder und so gar nicht futuristisch. Ein stinknormales Reihenhaus, eines wie zig andere in einem gutbürgerlichen Hamburger Vorort. Hier erfaßt keine Videoüberwachungskamera den Besucher. Das Gartentor öffnet sich nicht wie von Geisterhand. Keine computerisierte Stimme ertönt über eine Gegensprechanlage. Die Haustür, die eigentlich die Küchentür ist, öffnet der Hausherr selbst, kein Roboter.

Sitzt man erst in der Küche, am rustikalen Holztisch, sucht man vergeblich nach einer Schaltzentrale, die Kühlschrank, Herd und Kaffeemaschine steuert. High-Tech kulminiert hier in Form des Mikrowellenofens.

Eigentlich hatte Matsumoto recht. Von außen, und zunächst auch von innen, scheint hier das 21. Jahrhundert genausowenig stattzufinden wie bei jedem durchschnittlichen Mitteleuropäer. Aber der Schein trügt. Auf den zweiten Blick wird klar – dieses Backsteinhaus in der Rolandstraße in Wedel tickt.

Ein elektronisches Nervensystem zieht sich durch jeden Hohlraum und Kabelschacht, jeden Winkel und jede Ecke. Hinter Sockelleisten zwängen sich kaum sichtbar Kabel und Steckverbindungen durch jedes Zimmer. Zwei Server und sechs Rechner sorgen auf zwei Etagen und im Keller für die totale Vernetzung; digitale Datenströme fließen treppauf, treppab und in die Außenwelt. In der Besenkammer drängeln sich keine Putzeimer, Schrubber und Staubsauger, sondern Monitore, Drucker, mehr Kabel und Stecker – und ein einsames Bügelbrett.

Sieht so etwa ein Allerwelts-Einfamilienhaus in Deutschland aus? Kaum. Ein Besuch bei Matsumoto ist wie eine Reise ins 21. Jahrhundert, auch wenn er sein Haus und sein Leben ganz "normal und zeitgemäß" findet.

Der 33jährige Programmierer praktiziert heute schon einen digitalen Lifestyle. Gemeinsam mit einer Handvoll Freunden wohnt er hier, aber der seit neun Jahren selbständige Unternehmer arbeitet auch in dem Elektronenhaus. Das "Roländer Häuschen", wie er selbst sagt, ist ein unendlicher Kosmos, der so weit reicht wie die Drähte des weltweiten Datennetzes: Es ist der größte Supermarkt der Welt, ein Musikstudio, ein mittelständisches Unternehmen, ein Reisebüro, eine Bank, ein Informationskiosk.

Hier gibt es keinen Unterschied zwischen online und offline. Digital ist die Freizeit, digital ist der Job, rund um die Uhr und unabhängig von der Geographie. Das Haus und seine Systeme sind der Dreh- und Angelpunkt Matsumotos und seiner drei Mitbewohner. Ein Unikum, vielleicht aber auch ein Fenster in die digitale Zukunft.

Die Kommandozentrale des Computernetzwerks steht in einem schmalen Arbeitszimmer, gleich neben der Küche. Unter einer maßgeschneiderten Holzplatte brummen drei Computer, um die sich viel Kabelsalat windet. Auf und neben dem Tisch regiert die Elektronik: drei Großbildschirme mit Multimedialautsprechern, Notebook und Scanner, PalmPilots und digitale Kameras.

Von hier setzt sich das unsichtbare Netz in den Keller fort. Unter der Wendeltreppe, neben dem Tischfußballgerät, surrt ein Server. Zwei Türen weiter, an der elektronikfreien Bar vorbei, befindet sich Matsumotos Tonstudio. Hier sammelt der Hobbymusiker so konventionelle Geräte wie Gitarre, Synthesizer und Schlagzeug. Das wahre Herzstück ist der Musikserver.

340 CD sind auf diesem Rechner abgespeichert – von Acid Jazz bis Weather Girls. Bei der Sammlung handelt es sich nicht um eine Allerweltskollektion von der Stange, sondern größtenteils um selbstgebastelte Kompilationen. Matsumoto hat viele seiner Freunde mit seinem Cyber-Fieber angesteckt und zum Kauf eines CD-Brenners überredet. Nun stellen sie Scheiben mit ihren Lieblingsstücken zusammen und überspielen sie auf seinen Musikserver. "Wenn wir wollen, könnten wir 300 Stunden lang nonstop Musik hören", sagt Matsumoto so dahin, als drehe es sich hierbei um die größte Selbstverständlichkeit, die 08/15-Stereoausrüstung.

300 Stunden und mehr, und das im ganzen Haus, denn der Musikserver ist mit den Rechnern und ihren Multimedialautsprechern in den oberen Etagen verbunden. Einzig die Stereoanlage im Wohnzimmer hat Matsumotos Frau Paola für sakrosankt erklärt. Ein angehängter Monitor in fadem Computerbeige war der Architekturstudentin dann doch zu unästhetisch.

Seine Freunde hielten ihn für etwas "abgefahren", sagt Matsumoto. Aber eigentlich finden sie seinen digitalen Lifestyle ganz cool. So wunderten sie sich bei einer Fete auch kaum über die im Kühlschrank montierte Videokamera. Die nahm bei jedem Bierholen das Gesicht des Durstigen auf und spielte es auf eine Videoleinwand in der Küche im Erdgeschoß.

Die Küche, das Erdgeschoß, ja das komplette Haus existiert in zwei Dimensionen. Einmal in der Realwelt und ein zweites Mal im Cyberspace. Mit seiner digitalen Kamera hat Matsumoto Innen- und Außenaufnahmen seines Hauses gemacht und auf seine Internet-Homepage gezogen. Damit Paolas Eltern, die in Mexiko leben, via Internet-Anschluß und Web sehen können, wie die Tochter im fernen Deutschland wohnt.

Die "Roländer Homepage", auf der bikontinental gesurft wird, ist wie ein globales Dorf. Matsumoto hat sie gebastelt, um sich und seinen Mitbewohnern das Leben zu erleichtern. Hier finden sich alle relevanten Informationen, die zu suchen einem sonst den Alltag vergällen kann.

Ein Link auf der Homepage führt auf einen übersichtlichen Gebührenvergleich der deutschen Telephonanbieter. Andere Links holen die Fahrpläne der Hamburger Verkehrsvereine und der Deutschen Bahn auf den Bildschirm. Und mit Landkarten wird in diesem Haus schon lange nicht mehr hantiert, sondern es wird geklickt: auf Links zu Web-Sites mit Stadtplänen im gesamten Bundesgebiet. Auch das aktuelle Fernsehprogramm ist lediglich einen Mausklick entfernt, das gleiche gilt für das lückenlose Hamburger Kino- und Kulturprogramm.

Für den Internet-Unbedarften ist all das ein ziemlich futuristisches Programm, für die Bewohner an der Rolandstraße der ganz normale Informationsfluß. "Es vereinfacht mir das Leben", sagt Matsumoto, und er demonstriert mit Nachdruck gleich noch das Link zur "Roländer Quake-Site", wo sich Web-Sites für Computerspiele befinden, und das Musik-Link, das ihn auf Web-Sites von Anbietern der Musikbranche transportiert.

Klar, daß in einem solchen Haushalt E-commerce Gemeinplatz ist. Reisen werden hier seit Jahren über das Netz gebucht. Plant Matsumoto einen Urlaub in der Karibik, kundschaftet er sein Reiseziel zuerst virtuell aus: "Das Reisebüro kann mir viel erzählen über Hotels oder Wohnungen – im Web kann ich mich selbst überzeugen."

Ob Flugscheine oder Bankgeschäfte, Bücher oder CD, Hard- oder Software – der Roländer Haushalt sucht und bucht, vergleicht und bezahlt über das Internet. Ohne Information und Power aus dem Netz kaufen sie heute nicht mehr viel mehr als ihre Kleider und Lebensmittel.

Matsumoto & Co. sind Traumkunden – und die Alptraumkunden von morgen. Mit ihren verkabelten Haushalten stellen sie den Herstellern das billigste Vertriebsnetz, sind fast permanent online und kaufwillig.

Aber die surfenden Kunden können den Anbietern das Leben auch schwermachen. Sie sind informiert, mit Vergleichssoftware ausgerüstet und wechselbereit. Sie wollen ihre Ware hier und jetzt. Wenn ein Computer woanders billiger und schneller zu kaufen ist, wissen sie es.

Konsumenten wie Matsumoto haben weder Lust noch Zeit, in den neonbeleuchteten Irrgärten der Metros und Media-Märkte der Welt nach dem unauffindbaren Abfalleimer oder Laserdrucker zu suchen. Mit anderen Worten: Kunden wie Matsumoto sind autark. Sie verkörpern den Kundentypus der Zukunft. "Consumer control" nennt sich das in den USA.

Mit der Kontrolle ist es im Moment noch so eine Sache. Matsumoto wäre bereit, voll und ganz einzutauchen in das E-commerce-Universum da draußen. Aber der Cyberspace ist noch unvollendet. Brüche entstehen da schon bei so profanen Dingen wie der Bestellung von Chopsuey. Die lokalen China-Restaurants sind nämlich nicht online. Da muß man dann doch zum Hörer greifen, um zu ordern.

Angesichts von so viel Rückständigkeit hat sich Matsumotos Mitbewohner Thomas Warnick stundenlang vor seinen glimmernden Computermonitor gehockt und selbst eine Bestellsoftware geschrieben. Er scannte sämtliche ins Haus geflatterten Speisekarten ein – vom Chinesen bis zum Hähnchengrill – und untermalte das Ganze mit Musik.

Von allen Rechnern im Haus lassen sich nun Gerichte auswählen und über das interne Netzwerk an Warnick schicken. Er gibt die Sammelbestellung schließlich an das China-Restaurant durch – telephonisch. Oder es wird einfach Italienisch gegessen. Verschiedene Hamburger Pizzaketten haben die Zeichen der Zeit erkannt und Online-Bestellservices eingerichtet.

Warnick und Matsumoto verbringen nicht nur viel Zeit ihres Privatlebens im Cyberspace, sie arbeiten auch dort. Das mit Hardware vollgepackte Büro neben der Küche ist das physische Headquarter ihrer Firma Engine, ihre Dienste vermarkten sie vor allem virtuell – über www.engine.de .

Die beiden Programmierer installieren Computernetzwerke, erstellen Software wie Dokumentenverwaltungs- oder Abrechnungsprogramme und schließen Kunden an das Internet an. Die Auftraggeber reichen vom kleinen Computerhändler mit ein paar Angestellten bis hin zum Hauptzollamt Hamburg, wo rund 400 Mitarbeiter vernetzt werden.

Ihre Kunden sitzen nicht nur in Deutschland. Auf Teneriffa, Matsumotos "alter Heimat", hat Engine eine Art Zweigstelle eingerichtet. Hier hat Matsumoto als Teenager vier Jahre lang in einem Surf-Center gearbeitet, vom Web-Surfen träumte er damals noch nicht einmal.

Heute leistet Matsumoto auf den Kanaren Internet-Entwicklungshilfe – während des Urlaubs. Angefangen hat es mit der Web-Site, die er für seine Freunde und ihr Surf-Center im Windparadies El Médano bastelte. Die generieren mittlerweile ein Viertel ihrer Kundschaft über das Netz.

Nun will der halbe Ort nachziehen. So bringt Matsumoto einen Großteil seiner Ferien damit zu, unter www.el-medano.com  Autoverleiher, Immobilienhändler und Reisebüros ins Internet-Zeitalter zu katapultieren. Als nächste sind eine deutschsprachige Zeitung, eine Tauchschule und ein Hotel dran – keiner will den neuen ultrakurzen Draht zum Kunden verpassen.

Selbst zwischen Strand, Wellen und der web-willigen spanischen Touristikbranche reißt Matsumotos virtuelle Verbindung nach Deutschland nicht ab. In Badehose und per Notebook wählt er sich von Teneriffa aus in die Netzwerke seiner Kunden in Deutschland ein und führt Wartungen durch. "90 Prozent der Netze kann ich online verwalten", sagt Matsumoto. "Und die Kunden merken nicht, daß ich mir die Sonne auf den Bauch scheinen lasse."

Der raum- und zeitbefreite Unternehmer hat sich dank Internet fast so etwas wie die Infrastruktur eines Konzerns zu eigen gemacht. Er und sein Partner Warnick können überall und immer arbeiten. Alles was sie brauchen, sind ein Web-Anschluß und ein Rechner. Die Jungs von Engine werden dabei von zwei Freunden unterstützt, die genauso Einzelkämpfer sind wie sie.

Da ist der 32jährige Christian Wöhrle, der mit seiner Firma Netzpl@n komplette Kommunikationslösungen konzipiert, vom Telephon- bis zum Datennetzwerk. Der gleichaltrige Multimediaspezialist Olaf Breckwoldt von NRG network verpaßt den Kunden, die sich das globale Schaufenster des World Wide Web zunutze machen wollen, einen visuellen Internet-Auftritt.

Vier Mann, drei Miniunternehmen. So klein kann im Internet-Zeitalter ein Firmenverbund sein – der Auftritt ist der eines Mittelständlers. So etwas ist nicht das ausgeklügelte Projekt quadratäugiger Computergurus. Die vier Norddeutschen operieren nicht mit teuren High-Tech-Wunderwaffen, sondern mit dem, was heute Standard ist: ein paar Rechnern, einem Netzwerk, einem Web-Anschluß. Ihre Konferenzen vereinbaren sie per Email, abhalten tun sie diese oft – ganz schön Low-Tech – am Küchentisch.

Verständlich, daß Matsumoto seinen Lifestyle bei sowenig Hardwareaufwand wenig außergewöhnlich findet. Aber auf all jene, die noch darüber sinnen, ob sie denn nun einen AOL-Anschluß im Wohnzimmer installieren möchten, wirkt das Leben an der Rolandstraße ein wenig wie ein Science-fiction-Film. Eben doch 21. Jahrhundert.

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