Golfen für Einsteiger Günstig zum Green

Viele möchten Golf spielen, fürchten aber hohe Kosten, großen Zeitaufwand, bürokratische Hindernisse. Jetzt gibt es ein neues Starter-Modell, das rank und schlank daherkommt. Aber taugt es etwas? Ein Erfahrungsbericht.

Fracksausen, Platzangst, Ballscheu? Nicht die Spur. Was soll schon dabei sein, eine 46 Gramm leichte weiße Kugel von 43 Millimetern Durchmesser über eine grüne Wiese zu treiben und in ein 10,8 Zentimeter messendes Erdloch zu versenken?

Wenn selbst 60- und 70-Jährige locker und scheinbar mühelos bei dem legeren Ballspiel durch weite Auen tollen, dann wirst du auch ganz fix den Dreh finden, denkt der Eleve.

Also frohgemut den Arm gehoben und die Anmeldung abgegeben. Golfen lernen in zehn Stunden an zwei Tagen zum Preis von 250 Euro, lautet die Werbeverheißung des Reiseriesen Tui, dessen Angebot den Autor reizt.

Wie eine ganze Reihe weiterer Veranstalter verspricht der Tourismuskonzern den rund 4,2 Millionen Golf-Interessierten im Land einen von Fachleuten völlig neu entwickelten Einstieg in den Statussport: keine Bange vor zu viel Zeitaufwand, vor hohen Kosten.

Die Strategen der Tui wollen herausgefunden haben, dass 1,2 Millionen sogar sofort anfangen würden, wenn nicht so viele Trainerstunden bis zur Platzerlaubnis fällig wären. Ein ungeheures Potenzial, gemessen an den derzeit rund 430.000 organisierten Golfern hier zu Lande. Es verspricht all denen ein schönes Zubrot, die den einen Wunsch erfüllen können: günstig zum Green.

Aber funktioniert das auch? Ist es möglich, in zehn Stunden zu lernen, wofür es bisher 30 bis 50 Stunden braucht? Der Golf-Einsteiger findet sich wieder unter blauem Maienhimmel über grünen Eifelhängen auf halber Strecke zwischen Gerolstein (das mit dem Wasser) und Bitburg (das mit dem Bier). Wie die schöne Fee im Märchen empfängt ihn Stephanie Kinnen, Managerin und Tochter des Inhabers vom Golfplatz Lietzenhof. Den Lehrer - oder Pro, wie man hier sagt - hat sie gleich mitgebracht: Horst Goerke, weißhaarig, hager, Züge wie der Modemann Armani, Gehabe wie ein Animationstrainer.

"Golf ist die Kombination von Anatomie und Physik", verkündet Goerke den vier blutigen Anfängern, die sich zu diesem Kurs am Klubhaus um ihn versammeln. "Aber meinen Schülern sage ich immer: Hey, Golf soll Spaß machen. Okay?"

Dann lässt er seine Schüler die Köcher, Bags geheißen, mit je einem halben Satz, also sechs Schlägern, aufnehmen. Und ab geht es auf die Driving Range zum Pitchen. Die Aufgabe: den Ball mit einem 7er-Eisen, eine Art verlängerter Schuhlöffel, vom Fairway Richtung Green zu schlagen, möglichst nahe ans Loch.

Hört sich einfach an. Aber, ach, der Neu-Golfer versucht - vom Himmel hoch - mit gewaltig ausgeholten Schwüngen den Ball zu treffen. Und haut stattdessen Löcher ins Grün oder fette Rasenstücke in die Luft. War da nicht eben noch von Spaß die Rede?

Welch eine Verrenkung

Einsatz für Goerke. Die Handhaltung am Schläger und die Fußstellung korrigiert, den Rücken weiter gebeugt und, sagt er, auch im Schlag den Blick auf den Ball gerichtet. Welch eine Verrenkung - du bist doch kein Fakir. Aber nach drei, vier weiteren Versuchen und dem Beherzigen der Belehrung gelingen plötzlich die Schläge. Die Bälle rollen sanft auf dem Kurzrasen aus, gar nicht so weit vom Ziel. Märchenhaft.

Und gleich zur nächsten Lektion, dem Einlochen, auf Golfisch "putten". Das sei wie das Murmelspiel aus Kindertagen, das Ziel angepeilt und mit genau dosierter, möglichst geringer Kraft den Ball bewegt, lehrt Goerke.

"Nicht aus dem Handgelenk schlagen", mahnt er, als die Kugeln wie Blitze übers Grün hinausschießen, "einfach die Arme pendeln lassen, denkt an das Murmelspiel, hey."

Nicht nur Technik und Regeln, auch Etikette soll sein. Auf gar keinen Fall einem anderen durch die Rollbahn des Balls laufen, werden die Schüler zurechtgewiesen; auch nicht reden, während der andere sich auf einen Schlag konzentriert. Deshalb sind - welch schöne Sitte - Handys auf dem Golfplatz verboten.

Nach einer halben Stunde am Loch geht es an die Königsdisziplin: den Abschlag. Es gilt, den Ball, aufgesetzt auf einen Gummistutzen, so weit wie möglich vom Start in Richtung Ziel zu befördern.

Driver heißt das Gerät, mit dem wir das schaffen sollen. Nicht nur die Form ist ungewöhnlich. Auch die Position des Spielers zum Ball und sein Schwung müssen sich verändern. Aber, verdammte Physik, vermaledeite Anatomie, wie kriegt man das hin?

Vor dir eine abschüssige Wiese mit 50-Meter-Markierungen, die irgendwo am Horizont enden. Den Ball scharf ins Auge gefasst, mit großer Geste weit ausgeholt und dann mit Kawumm zugeschlagen. Die linke Hand durchzuckt ein Schmerz. Der Blick nach einem in die Ferne fliegenden Ball geht ins Leere. Die verhexte Kugel kollert über den Rasen, gerade mal drei Meter weit.

"Sie stehen aber auch wie eine deutsche Eiche", bemerkt der Lehrer spitz. "Darf ich?" Und Goerke nimmt Maß an seinem Golf-Eleven. Mit beiden Händen rückt er dessen Hüfthaltung zurecht, weist Armen und Händen den Weg, biegt an den Beinen herum, bis auch das Becken nach- und die rechte Ferse ihre Bodenhaftung aufgibt. Nach der Bewegungsübung gelingen die Schläge, landet der Ball irgendwo zwischen 100 und 150 Metern. Demut und Dankbarkeit beschleichen den Lehrling.

Doch für hehre Gefühle bleibt keine Zeit. Zwei Stunden nach Betreten der Anlage geht es - unvorstellbar in herkömmlichen Golfkursen - bereits auf den Platz, erste Berührung mit der rauen Wirklichkeit.

Begierig auf die Erprobung des Gelernten, hasten Schüler und Lehrer zum Abschlag von Loch zehn. Für Herren misst die Bahn 182 Meter, ein Par drei, was so viel heißt wie: Profis brauchen im Schnitt drei Schläge zum Ziel. Drei Schläge, oh Mann.

Wenn Grassoden fliegen

Wir versuchen das erst gar nicht, sondern lernen die Grundbegriffe des Platzdesigns. Und die Spielregeln: Was tun, wenn der Ball im "Aus" ist? Wie verfahren, wenn ein Ball verloren geht? Und dass es keine unspielbaren Bälle gibt: Bernhard Langer, erzählt Goerke, habe es sogar geschafft, einen Ball aus einer Baumkrone herauszuhauen: einfach hochgeklettert und zugeschlagen.

Grund für derlei Didaktik gibt es genug. Ein Ball landet auf Nimmerwiedersehen in einer Schlehenhecke, ein zweiter rauscht knapp über die Köpfe eines arglos den Platz querenden Golferpaars hinweg. Das Spiel birgt auch Gefahren, mahnt Goerke. Beim Golfen gebe es mehr Verletzungen als beim Boxen. Seine Ehefrau, erzählt er, habe sich ohne äußere Einwirkung eine Rippe gebrochen, einfach zu heftig abgeschlagen. Anatomie und Physik.

Der zweite Schul-Tag: Schultergelenke und Oberschenkel schmerzen, Regenwolken hängen über dem Platz. Ein paar Lockerungsübungen auf der Driving Range, dann geht es los. Je zwei Schüler, ausgerüstet mit halbem Schlägersatz und Scorecard, in der die Anzahl der Schläge pro Loch notiert werden, machen sich auf den Weg: Eine Neun-Loch-Runde, zu spielen in zwei Stunden, zwischen lauter Könnern, die das Treiben der Neulinge mal wohlwollend, mal voller Mitleid beäugen.

Beim ersten Loch sind gleich 390 Meter welliges Hügelland zu überwinden. Das Grün samt Fahne liegt vier Profischläge weit hinter Bäumen verborgen. Batzenweise fliegen die Grassoden, reihenweise fegen die Bälle ins Buschwerk. Der Autor braucht 15 Schläge, sein Partner 12. Ätzend blamabel.

Doch siehe, beim zweiten Loch, nach ein paar Tipps und Hilfen von Golf-Zauberer Goerke - "die Knie beugen, den Hintern hoch, hey" - sieht die Welt schon anders aus. Nach sechs und sieben Schlägen haben die beiden Anfänger die 340 Meter überwunden und ihre Bälle im Loch. Und nach zwei Stunden tatsächlich den Parcours absolviert. Sicher, an den Händen hat der Autor Schwielen, die Arme sind schwer wie Gewichte. Durch das Hirn aber wabern - Freude, schöner Götterfunke - die Endorphine.

Nachmittags nur noch Kleinkram: Schläge aus dem Bunker etwa, jenen sandgefüllten Gruben, die als Hindernis die Bahn verbauen. Und am Ende ein Zeugnis, das für 144 Euro den Erwerb einer Plastikkarte erlaubt: den Zutritt zu rund 80 Plätzen in Deutschland. Dazu ein paar gewählte Abschiedsworte von Horst Goerke. Anatomie und Physik.

Vielleicht hätte er sagen sollen: "Golfen ist die ideale Kombination, hey, um Gefühl und Körperkalkulation zu schulen, ein Fest der Sinne unter freiem Himmel. Nicht so geisttötend wie Joggen, nicht so bumm, bumm wie Tennis. Okay?"

Golfisch für Einsteiger

Glossar: Golfisch für Einsteiger

Abschlag heißt das kurz gemähte Rasenstück am Anfang eines jeden der 9 oder 18 Löcher eines Platzes (für Damen rot, für Herren gelb markiert). Abschlag meint zugleich aber auch den ersten Schlag auf einer Bahn.

Bunker nennt man eine mit Sand gefüllte Senke auf der Bahn.

Driving Range ist die Übungsanlage für lange Schläge.

Etikette fasst die Verhaltensregeln zusammen, die einen reibungslosen Spielverlauf, die Sicherheit der Spieler und den schonenden Umgang mit der Anlage gewährleisten.

Eisen heißen die Schläger für kurze und mittellange Distanzen.

Fairway nennt man die gemähte Spielbahn zwischen Abschlag und dem kurz rasierten Grün rings um das Loch.

Handicap bezeichnet die Spielstärke. Gemessen wird sie durch die Gesamtzahl der Schläge im Vergleich zur Vorgabe aller Bahnen. Der Einsteiger beginnt bei Handicap 54.

Loch meint einmal das von einer Fahne markierte Ziel, zum anderen aber auch die gesamte Bahn.

Par, die Abkürzung für Professional Average Result, meint die Durchschnittszahl der Schläge, die ein Profi für eine Bahn braucht. Sie dient als Berechnungsgrundlage für Spielergebnis und Handicap.

Platzreife meint die Berechtigung zum selbstständigen Spielen auf dem Golfplatz - ein Begriff, den es nur bei den ordnungsvernarrten Deutschen gibt.

Pro ist die Kurzform von Professional - Golfprofi und Lehrer.

Rough nennt man das hohe Gras links und rechts des Fairways.

Scorecard ist die Zählkarte, auf der die Schlagzahl für eine Bahn notiert wird.

Tee ist der kleine Stift, auf dem der Ball zum Abschlag liegt.

Fünf wohlfeile Golf-Offerten

Service: Fünf wohlfeile Golf-Offerten

Tui Golfer Spaß und Tui Golf Card versprechen: Nach dem Einstiegskurs mit zehn Stunden für 250 Euro kann der Spieler für zusätzliche 144 Euro ohne Platzerlaubnis-Prüfung den Golfer-Pass erwerben. Mit diesem Ausweis darf er zwei Jahre auf rund 80 Partneranlagen spielen. Internet: www.tui-golf.de ; Telefon: 0 18 05/88 44 65 31.


Der Tchibo-Einstieg umfasst zehn Trainerstunden und die Platzerlaubnis-Prüfung auf den fünf Plätzen des mecklenburgischen Golf & Country Clubs Fleesensee. Inklusive fünf Übernachtungen im SAS-Resort oder Ferienappartement und vielen kleinen Extras zahlt der Gast 859 Euro. Für 499 Euro kann er dort für ein Jahr Mitglied werden. Internet: www.tchibo.de ; Telefon: 0 18 05/00 58 49.


Die Vereinigung clubfreier Golfspieler, kurz VcG, ermöglicht für einen Jahresbeitrag von 220 Euro den Erwerb einer so genannten Green Card. Dieser Pass, den der Spieler nach Vorbereitungskurs und Prüfung bekommt, erlaubt (gegen Greenfee) den Zugang zu rund 600 VcG-affinen Anlagen. Internet: www.vcg.de ; Telefon: 06 11/34 10 40.


Das IGC 2000 (International Golf Clubconcept) bietet Kurse ab 199 Euro an. Gegen eine Aufnahmegebühr von 150 Euro, einen jährlichen Klubbeitrag von 100 Euro und monatliche Spielgebühr von 60 Euro, in der Greenfee-Gebühren enthalten sind, darf sich der Golfer auf rund 100 Partneranlagen auslaufen. Internet: www.igc2000.de ; Telefon: 01 80/50 190 50.


Einen ebenso knappen wie zielgenauen Einstieg in Techniken und Regelwerk bietet das exzellent (und nachvollziehbar) illustrierte Lehrbuch des diplomierten Pros Robert Hamster: "Golf. Die ersten Lektionen", BLV Verlag, 144 Seiten, 15,95 Euro.