Hall of Fame 2003 - Laudatio Henning Schulte-Noelle über Giuseppe Vita

"Herr Vita ist ein notorischer Optimist. Und das hat Schering gut getan. Vor allem in den Jahren nach der Wiedervereinigung."

"Die Italiener schätzen die Deutschen, aber sie lieben sie nicht. Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie schätzen sie nicht. Dass sich der erste Teil dieses Bonmots, vielleicht ist es ja auch nur ein Klischee, überwinden lässt, hat Michael Schumacher bewiesen. Seit seiner ersten Weltmeisterschaft für Ferrari lieben ihn die Italiener mindestens wie Sophia Loren.

Um mit dem zweiten Teil dieses Ondits aufzuräumen, dafür haben wir uns hier versammelt. Viele Deutsche schätzen die Italiener sehr und Sie, Herr Vita, ganz besonders. Die Wertschätzung ist so ausgeprägt, dass Sie heute in die Hall of Fame erhoben werden. Wir feiern den Manager und den Unternehmer Vita für eine vorbildliche unternehmerische Lebensleistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Wie fing das alles an? Eigentlich mit einer klaren Zielverfehlung. Denn nach seiner medizinischen Ausbildung in Italien zum Facharzt für Radiologie wollte Herr Vita seinem Bruder nach New York folgen. Jedenfalls war das die feste Absicht, die ihn 1962 zunächst als medizinischen Assistenten an das Röntgeninstitut der Universität Mainz gehen ließ.

Doch Schering mischte sich mit einem offenbar interessanten Angebot ein. So landete er 1964 in Berlin, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Kontrastmittel in der klinischen Forschung bei Schering.

Ein Jahr später war er bereits Geschäftsführer der Konzerntochter in Mailand. Der Auftrag war, in Italien Schering wieder aufzubauen, nachdem die Firma nach dem Krieg enteignet worden war. Keine leichte Aufgabe. Denn bekannt geworden durch die Pille, war Schering in einem der katholischsten aller Länder im Geist dem Teufel ein Verbündeter.

Herr Vita schaffte es, aus dem Nichts ein florierendes Pharmaunternehmen aufzubauen.

So etwas empfiehlt für Höheres. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn in die Zentrale zu locken, gab er 1987 endlich nach. Wiederum bewährte er sich glänzend, sodass 1989, als es darum ging, dem Aufsichtsrat einen Nachfolger für Horst Witzel vorzuschlagen, den damaligen Vorstandsvorsitzenden, wohl irgendjemand zur richtigen Zeit in der richtigen Runde fragte, warum nicht Vita, und damit auf breite Zustimmung stieß.

So wurde er wenige Monate vor dem Ende der Teilung Berlins Chef des einzigen international wirklich bekannten Unternehmens der heutigen Hauptstadt. In diesem Moment erhoben Sie, lieber Herr Vita, Ihre Stimme. Und warben in Italien, in Europa insgesamt und auch vor Amerikanern für ein einiges Deutschland. Sie kannten dieses Land und waren sich nicht zu schade, zurückhaltend im Ton, aber eindringlich in der Sache, Ängste vor einem teutonischen Hegemoniestreben zu zerstreuen.

Vita und der Mauerfall

Dass Herr Vita den Mauerfall nie vergessen wird, dafür sorgten nicht nur die Geschichtsbücher, sondern auch die deutsche Polizei. In der Nacht der Nächte fuhr er mit seiner Familie an die nun offene Grenze, um mit den Berlinern zu feiern, und parkte das Auto, na ja, auf italienisch. Was in Deutschland, Geschichte hin, friedliche Revolution her, nun mal nicht hingenommen werden kann. Er fing sich also ein 20-Mark-Knöllchen ein, datiert 10. November 1989, denn Mitternacht war schon vorüber.

Und das Beste ist, angezeigt hatte ihn ein Schering-Lkw-Fahrer, der ordnungsgemäß seine Ware abliefern wollte. Und dieser Lkw-Fahrer staunte nicht schlecht, als Herr Vita ihm spontan zu seiner Gewissenhaftigkeit gratulierte.

Herr Vita ist ein notorischer Optimist. Und das hat Schering gut getan. Vor allem in den Jahren nach der Wiedervereinigung.

Die Frage stellte sich immer dringender, ob Kapitalbasis, Finanzkraft und Managementressourcen auf Dauer ausreichen würden, um dem Druck veränderter Anforderungen an den Weltmarkt standzuhalten. Die Antwort auf diese Schicksalsfrage war die konsequente Konzentration auf Pharma und die Trennung von allen übrigen Geschäftsbereichen.

Schering bekleidet heute als hochspezialisierter Pharmaanbieter weltweit führende Marktpositionen.

Wo das unternehmerische Lebenswerk so überzeugend für sich selbst spricht, braucht man zur Person eigentlich nicht viel zu sagen. Was ihn persönlich charakterisiert, ist seine Zurückhaltung und Bescheidenheit, sein leiser Humor, seine ruhige Gelassenheit, sein Mangel an jeglicher Eitelkeit und nicht zuletzt die Abstrahlung eines offensichtlich glücklichen Familienlebens.

Wer bei Herrn Vita Schwachpunkte sucht, der hat es schwer. Vor dem Hintergrund einer gerade laufenden öffentlichen Diskussion müsste er sich allenfalls einmal fragen lassen, ob er vor zwei Jahren einfach so aus dem Vorstandsvorsitz auf den Stuhl des Aufsichtsratsvorsitzenden hätte wechseln dürfen.

Mein persönlicher Rat an Sie, lieber Herr Vita: Leben Sie einfach mit diesem Makel. Sie teilen ihn mit den meisten Laureaten in der Hall of Fame, die einmal große Publikumsgesellschaften geführt haben."

Henning Schulte-Noelle

* Henning Schulte-Noelle ist oberster Kontrolleur der Allianz und ehemaliger Schering-Aufsichtsrat. Seine Laudatio auf Giuseppe Vita ist hier in Auszügen wiedergegeben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.