Hall of Fame 2003 - Laudatio Johannes Rau über Heinz-Horst Deichmann

"Ein ungewöhnlicher Mann, aus vielen Gründen. Nicht nur, weil er ein bekennender Christ ist. Auch deshalb, weil er ja dem Gewinn nicht abhold ist."

"Sie haben mich eingeladen, um etwas zu Heinz-Horst Deichmann zu sagen. Und da ist es wohl nur eine ganz milde Umschreibung, wenn man sagt, das ist ein ganz ungewöhnlicher, ein ganz außergewöhnlicher Mann.

Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Zuletzt waren wir im März dieses Jahres gemeinsam in Indien. Indien hat ein exzellentes Protokoll, aber selbst dem unterlaufen kleine Fehler. Als wir in der so genannten Receiving Line standen und der indische Protokollchef dem Staatspräsidenten die Namen der jeweils Vorgestellten zuflüsterte, sagte er "Dr. Deichmann Schuhe".

Das war am Abend eines Tages. Am Morgen dieses Tages hatten wir, ein wenig übernächtigt, zwischen 8 Uhr und 9 Uhr in einem Raum des Hotels zusammengesessen und Dr. Deichmann hatte uns etwas erzählt von dem, was er in Indien tut. Nicht nur als Unternehmer und Produzent, sondern in Stiftungen, die seinem Lebenskonzept folgen, und von dem das wichtigste heißt: Wort und Tat.

Deichmann ist deshalb ein ungewöhnlicher Unternehmer, weil er nicht die Betriebswirtschaft, nicht Jurisprudenz, nicht eine Handelslehre hinter sich gebracht hat, sondern eine ungewöhnliche Kombination von Studienfächern. Eine, bei der man denkt, die könnte man öfter brauchen: Medizin und Theologie.

Er kommt aus Essen-Borbeck. Sein Vater hatte ein Schuhgeschäft. Er selbst hat promoviert in der Medizin, hat zusätzlich Theologie studiert - und hat noch zu Füßen des großen Schweizer Theologen Karl Barth gesessen.

Karl Barth hat einmal gesagt, "man darf es nicht ausschließen, dass Gott auch einmal durch den Mund eines Bischofs zu uns spricht." Nun könnte es sein, wenn Karl Barth hier stünde und die Laudatio hielte, dass er sagte, es könnte sein, dass Gott einmal durch den Mund eines Unternehmers zu uns spricht. Und ob das dann stimmte, das würden wir wahrscheinlich daran feststellen, ob Wort und Tat übereinstimmen.

Und da bin ich dann wieder bei diesem ungewöhnlichen Mann, bei dessen rundem Geburtstag Liederzettel auslagen und wir nach der Geburtstagsfeier miteinander gesungen haben. Das war sehr eindrucksvoll, wie die Chefs von Rewe und Aldi, die Konkurrenten und die Partner, christliches Liedgut zu realisieren versucht haben.

Ein ungewöhnlicher Mann aus vielen Gründen. Nicht nur deshalb, weil er ein bekennender Christ ist. Nicht nur deshalb, weil er die soziale Marktwirtschaft nicht nur für eine Wirtschaftsordnung hält, sondern für eine Werteordnung. Auch deshalb, weil er ja dem Gewinn nicht abhold ist, wie die Geschäftszahlen der letzten fünf Jahrzehnte zeigen.

80 Millionen Paar verkaufter Schuhe

1900 Geschäfte, 80 Millionen Paar verkaufter Schuhe im Jahr: So wie uns in Deutschland das Wort Deichmann in jeder großen oder mittleren Stadt begegnet, so begegnet uns der Name Deichmanns oder seiner Stiftungen in Indien und in Tansania, in Israel, in Essen, in Bethel und in vielen Orten auf der Welt.

Ich selber, der ich 20 Jahre Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war - manche sagen, zu lange, ich fand's an sich ganz gut -, ich selber habe es gelegentlich erlebt, wenn da ein Mensch zwischen die Maschen zu fallen drohte. Wenn kein Bundessozialhilfegesetz und keine andere Rechtsverordnung half, und man etwas brauchte, etwa den ersten Bus, den ersten Krankenwagen für Leipzig nach dem Fall der Mauer im November 1989. Dass dann der Anruf bei Deichmann hilfreich war: "Können Sie nicht helfen?"

Diesen Mann bewegt der geschäftliche Erfolg, diesen Mann bewegt, dass das nicht nutzlos sein darf, was man wirtschaftlich unternimmt. Dass aber der Nutzen nicht darin besteht, dass man sich selber bekräftigt.

Und darum ist für mich Heinz-Horst Deichmann einer der ungewöhnlichsten Unternehmer, weil er das in einer Schärfe und Deutlichkeit tut und sagt, wie ich sie selten erlebt habe, wie sie den einen oder anderen auch befremdet.

Aber das ist nun mal eine Sache, die zusammenhängt mit dem Evangelium, dem er sich verpflichtet fühlt. Dass man auch anstößig sein muss, wenn man Anstöße geben will. Dass man deutlich sagen muss, die Wirtschaft ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um der Wirtschaft willen.

Das steht in seinen Kunden- und in seinen Mitarbeiterzeitschriften, und das realisiert er seit langem auf vielfache Weise - mit den Gesundheitskuren für eigene Mitarbeiter in der Schweiz, mit einer sozialen Ausstattung seiner Beschäftigten, wie es sie wohl selten gibt. Vielleicht ein wenig patriarchalisch anmutend, aber solche Patriarchen sind mir lieber als Leute, die keinen Vater haben.

Ich wünsche Ihnen, lieber Heinz-Horst Deichmann, dass Sie die Freude am Werk behalten und dass man bei Ihnen weiterhin spürt, dass Sie ein außergewöhnlicher Unternehmer sind, der bereit ist zu handeln und der dieses Handeln auf eine Weise verantwortet, wie ich mir das von vielen Menschen wünschte."

Johannes Rau, Bundespräsident

* Johannes Rau ist der höchste Vertreter des deutschen Staates. Seine Laudatio auf Heinz-Horst Deichmann ist hier in Auszügen wiedergegeben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.