Sonntag, 18. August 2019

Hall of Fame 2003 - Laudatio Johannes Rau über Heinz-Horst Deichmann

"Ein ungewöhnlicher Mann, aus vielen Gründen. Nicht nur, weil er ein bekennender Christ ist. Auch deshalb, weil er ja dem Gewinn nicht abhold ist."

"Sie haben mich eingeladen, um etwas zu Heinz-Horst Deichmann zu sagen. Und da ist es wohl nur eine ganz milde Umschreibung, wenn man sagt, das ist ein ganz ungewöhnlicher, ein ganz außergewöhnlicher Mann.

Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Zuletzt waren wir im März dieses Jahres gemeinsam in Indien. Indien hat ein exzellentes Protokoll, aber selbst dem unterlaufen kleine Fehler. Als wir in der so genannten Receiving Line standen und der indische Protokollchef dem Staatspräsidenten die Namen der jeweils Vorgestellten zuflüsterte, sagte er "Dr. Deichmann Schuhe".

 Heinz-Horst Deichmann studierte zunächst Medizin und Theologie. 1956 übernahm er den elterlichen Schuhmacherbetrieb in Essen und formte aus ihm Europas größte Schuhhandelskette. Sein Leitsatz: "Das Unternehmen muss den Menschen dienen." Deichmann finanziert weltweit sozial-karitative Projekte, sammelt Ehrendoktortitel wie andere Schuhlöffel. Seit 1999 leitet sein Sohn Heinrich das Unternehmen.
DPA
Heinz-Horst Deichmann studierte zunächst Medizin und Theologie. 1956 übernahm er den elterlichen Schuhmacherbetrieb in Essen und formte aus ihm Europas größte Schuhhandelskette. Sein Leitsatz: "Das Unternehmen muss den Menschen dienen." Deichmann finanziert weltweit sozial-karitative Projekte, sammelt Ehrendoktortitel wie andere Schuhlöffel. Seit 1999 leitet sein Sohn Heinrich das Unternehmen.
Das war am Abend eines Tages. Am Morgen dieses Tages hatten wir, ein wenig übernächtigt, zwischen 8 Uhr und 9 Uhr in einem Raum des Hotels zusammengesessen und Dr. Deichmann hatte uns etwas erzählt von dem, was er in Indien tut. Nicht nur als Unternehmer und Produzent, sondern in Stiftungen, die seinem Lebenskonzept folgen, und von dem das wichtigste heißt: Wort und Tat.

Deichmann ist deshalb ein ungewöhnlicher Unternehmer, weil er nicht die Betriebswirtschaft, nicht Jurisprudenz, nicht eine Handelslehre hinter sich gebracht hat, sondern eine ungewöhnliche Kombination von Studienfächern. Eine, bei der man denkt, die könnte man öfter brauchen: Medizin und Theologie.

Er kommt aus Essen-Borbeck. Sein Vater hatte ein Schuhgeschäft. Er selbst hat promoviert in der Medizin, hat zusätzlich Theologie studiert - und hat noch zu Füßen des großen Schweizer Theologen Karl Barth gesessen.

Karl Barth hat einmal gesagt, "man darf es nicht ausschließen, dass Gott auch einmal durch den Mund eines Bischofs zu uns spricht." Nun könnte es sein, wenn Karl Barth hier stünde und die Laudatio hielte, dass er sagte, es könnte sein, dass Gott einmal durch den Mund eines Unternehmers zu uns spricht. Und ob das dann stimmte, das würden wir wahrscheinlich daran feststellen, ob Wort und Tat übereinstimmen.

Und da bin ich dann wieder bei diesem ungewöhnlichen Mann, bei dessen rundem Geburtstag Liederzettel auslagen und wir nach der Geburtstagsfeier miteinander gesungen haben. Das war sehr eindrucksvoll, wie die Chefs von Rewe und Aldi, die Konkurrenten und die Partner, christliches Liedgut zu realisieren versucht haben.

Ein ungewöhnlicher Mann aus vielen Gründen. Nicht nur deshalb, weil er ein bekennender Christ ist. Nicht nur deshalb, weil er die soziale Marktwirtschaft nicht nur für eine Wirtschaftsordnung hält, sondern für eine Werteordnung. Auch deshalb, weil er ja dem Gewinn nicht abhold ist, wie die Geschäftszahlen der letzten fünf Jahrzehnte zeigen.

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