Interview Klassiker für den Einsteiger

Was macht eine gute Uhr aus? Worauf muss der Käufer achten? Wohin geht der Trend? Händler Hellmut Wempe gibt Antworten.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm:

Besitzen Sie eine Uhr, die über die Generationen weitergereicht wird, eine Art Familienerbstück?

Wempe: Ich habe von meinem Vater eine Uhr geerbt, eine Jaeger-LeCoultre, die mir misslicherweise vor vielen Jahren verloren gegangen ist. Darüber bin ich heute noch traurig. Früher besaß die Familie eine Sammlung von Uhren, die wir aber 1947 nach Amerika verkauft haben als Startkapital, um nach dem Krieg wieder anfangen zu können. Jetzt sind wir dabei, ein kleines Museum mit alten Stücken aufzubauen.

mm: Ihr Unternehmen, eines der größten Handelshäuser für feine Uhren, wird 125 Jahre alt. Wie schafft ein Unternehmen dieser Branche eine solche Lebensdauer?

Wempe: Es ist furchtbar einfach, wenn es sich um ein Familienunternehmen handelt, in dem sich die Beteiligten einig sind und in dem der jeweilige Erblasser dafür sorgt, dass die Firma nicht in viele Linien zerfleddert.

mm: Sie unterhalten 26 Geschäfte und fassen, wie man hört, weitere Standorte ins Auge, vermutlich auch in osteuropäischen Metropolen. Das Geschäft mit der Luxusuhr läuft?

Wempe: Lassen wir die letzten Monate mal beiseite, dann übt die mechanische Uhr mit einem Werk aus hunderten von Einzelteilen, mit vielen Komplikationen, Datenanzeigen, Mondstellungen und immer währendem Kalender eine enorme Faszination aus ...

Jaeger-Lecoultre - Reverso Grande Taille, Rotgold, Handaufzug, vergriffen

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A. Lange & Söhne - 1815 Side Step, Platin, Handaufzug, Saphirglasboden, nur noch wenige Exemplare

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Nomos - Tangente, Edelstahl, Handaufzug, nur noch wenige Exemplare

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IWC - Fliegeruhr, Edelstahl, Automatik, vergriffen

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Spielereien für Sammler

Die Liebe zum Produkt geht verloren

Breitling - Old Navitimer, Edelstahl, Automatik, Chronograph, limitiert auf 125 Stück

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Chopard - Happy Wempe, Edelstahl mit schwarzen und weißen Diamanten, Quarzwerk, vergriffen

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Patek Philippe - W 125, Jahreskalener mit Fensteranzeige und Mondphase, Platin, Automatik, vergriffen

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Cartier - Tank Americaine, Weißold mit grauen und weißen Diamanten, Quarzwerk, limitiert auf 50 Stück

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Wempe - Das Unternehmen

mm: ... für die es im Zeitalter digitaler Zeitmessung kaum einen rationalen Grund gibt.



Limitierte Wempe-Jubiläums-Edition I:
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Wempe: Wir hatten vor 30 Jahren eine große Sorge, als die Quarzuhr sich mehr und mehr durchsetzte und Ostasien in der Fertigung immer wichtiger wurde: Wo geht das hin mit der mechanischen Uhr? In dieser Situation haben glücklicherweise die maßgeblichen Firmen große Anstrengungen unternommen. Mit dem Erfolg, dass die traditionelle Technik sich wieder durchgesetzt hat. Auch wenn eine mechanische Uhr nie so genau geht wie eine Quarzuhr. Wir haben es bei der Uhr immer mit sehr vielen Gefühlen zu tun - der Liebe, der Freundschaft, der Zusammengehörigkeit, manchmal auch des schlechten Gewissens. Und die drückt man am ehesten mit Kleinodien der Handwerkskunst aus.

mm: Mittlerweile scheinen auch Kriege und Börsenkatastrophen dem Geschäft mit der guten Uhr wenig anhaben zu können?

Wempe: Sicher, wir haben ein ganz schwieriges Jahr hinter uns. Aber es gibt immer Menschen, die sich Preziosen leisten können. Und es gibt auch einen internationalen Ausgleich: Wenn einige Länder mal nicht so funktionieren, dann springt eine andere Region ein oder umgekehrt.



mm: Was macht in Ihren Augen den Wert einer Uhr aus?

Wempe: Allem voran die Feinheit und das Detail ihres Werks. Dass es aus einer Manufaktur stammt, dass es in kleiner Serie gebaut wird, dass es eine ganz eigene Konstruktionsart besitzt.

mm: Was darf, was muss so eine Uhr kosten?

Wempe: Eine mechanische Uhr im Stahlgehäuse sollte zweieinhalbtausend Euro kosten, da fängt es an. Wobei der Käufer einer Stahluhr ja die gleiche Qualität kauft wie der Kunde einer Golduhr. Gold ist gut, wenn man ein paar tausend Euro mehr hat, aber die Stahluhr läuft ja mit dem gleichen Werk.

mm: Wie genau sollte eine mechanische Uhr gehen, welche Abweichung ist gerade noch erlaubt?

Wempe: Wir sagen, dass wir bis zu 15 Sekunden in der Woche tolerieren. Und auch eine halbe Minute ist schon ein ordentliches Ergebnis. Letztendlich hängt das auch vom Träger ab - wenn die Uhr ständig getragen wird, ist das der Idealfall. Dann spielt die persönliche Gestik noch eine Rolle: Wenn jemand still am Schreibtisch sitzt oder sportlich aktiv ist, dann erbringt das jeweils ganz andere Gangergebnisse.

mm: Welche Komplikationen schätzen Sie an einer mechanischen Uhr, welche halten Sie für bloße Spielerei?

Wempe: Die Automatik, die dem Träger das Aufziehen erspart, halte ich für eine sehr erfreuliche Einrichtung. Obwohl ich weiß, dass für viele das morgendliche Aufziehen ein Ritual ist ...

mm: ... ein Anachronismus wie der Heizer auf der E-Lok?

Wempe: Da gibt es Zeitgenossen, die überhaupt nicht davon abzubringen sind, die wollen sich jeden Morgen an ihrer Uhr erfreuen. Ich halte aber auch einen Chronografen, eine Stoppeinrichtung, für außerordentlich sinnvoll. Obwohl 80 Prozent dieser Uhren heute nur noch wegen ihres sehr männlichen Aussehens gekauft werden. Die Gangreserve ist für Leute interessant, die ihre Uhr nicht ständig tragen. Für jemanden, der viel reist, halte ich eine Zweizeitenuhr für zweckmäßig.

mm: Was ist für Sie überflüssige Spielerei?

Wempe: Wir haben Armbanduhren, die den Stundentakt mit einem Schlagwerk erklingen lassen. Der immer währende Kalender erscheint doch ein bisschen weltfremd: Wir verkaufen heute Uhren, die zeigen exakt die Zeit inklusive Schaltjahr bis zum Jahr 2100. Das ist auf die Spitze getriebenes Handwerk.

mm: Teure Spielzeuge für Freunde physikalischer Geräte und Liebhaber des Mechanischen?

Wempe: Diese Uhren werden mehrheitlich gar nicht getragen, sondern wandern direkt in Spezialschränke der Sammler. Die besitzen Möbel, in die bis zu 60 Uhren hineinpassen, jede in einem einzelnen Fach, in dem sie ständig bewegt werden, sodass sich Mondphase, Datum, was auch immer, nie verstellen. Die Uhren werden hier aufbewahrt, als ob sie getragen würden - bei konstanter Temperatur, nur sicherer.



mm: Gibt es Verirrungen, die Sie manchmal bei teuren mechanischen Uhren auch ärgern?

Wempe: Na ja, wissen Sie, ich habe Respekt vor dem Kunden, dessen Liebe zur Feinmechanik mitunter so weit geht, dass er sich sogar mit abstrusen technischen Komplikationen begeistert auseinander setzt, damit spielt und sich daran freut.

mm: Inwiefern taugt eine teure Uhr für den Kapitalanleger? Wie sollte er in diesem Fall vorgehen?

Wempe: Diese Form der Anlage - bitte in Anführungszeichen - wird bevorzugt von Menschen, die nicht in Aktien gehen, die sich nicht an Schiffen beteiligen, von denen man weiß, an welchem Tag, in welchem Ozean sie untergehen, sondern die sich etwas Ästhetisches suchen. Und hier gilt: Uhren, die vor 20 oder 25 Jahren gekauft wurden, werden heute zum zehnfachen Preis angeboten.

mm: Sollte der Anleger diese Uhren dann tragen oder besser in den Schrank tun?

Wempe: Je komplizierter eine Uhr ist, desto weniger eignet sie sich etwa zum Golfspielen. Wir wissen, dass viele dieser Uhren kaum getragen werden, allenfalls mal an einem besonderen Abend. Uhren mit mittleren Komplikationen hingegen soll und kann man jeden Tag tragen.

mm: Gibt es einen Uhrentypus, den der Händler Hellmut Wempe neben dem bestehenden Angebot der renommierten Manufakturen vermisst?

Wempe: Mein großer Wunsch ist die klassische Uhr, die ihren Zweck erfüllt, ohne raffinierte Extras, ohne ausgetüftelte Meisterleistungen der Feinmechanik, aber dennoch Qualität und das Aussehen der großen Marke hat - zu einem Preis, mit dem ich auch Einsteiger ansprechen kann.



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mm: Wie wird sich das Uhrenangebot im Bereich der edlen und kostbaren Stücke künftig entwickeln?

Wempe: Das hängt nicht zuletzt vom Markt ab. Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Trittbrettfahrer, die an der erfreulichen Entwicklung der mechanischen Uhr teilhaben möchten. Darunter etliche, die mit falschen Versprechungen Talmi-Uhren an den Mann zu bringen versuchen.

mm: Hören wir hier Marktkritik vom Marktführer?

Wempe: Schauen Sie, unsere Branche, klein und fein, immer noch sehr handwerklich betont, ist in das Blickfeld des großen Geldes geraten. Und das große Geld, das sich früher für Massenmärkte und Massenprodukte interessierte, hat dort die Rendite auf 0,25 Prozent des Umsatzes und weniger heruntergebracht. Und versucht nun sein Heil auf unserem gehobenen, aber ungleich schwierigeren Markt.

mm: Was ist so schlimm an neuem Geld für die Uhrmacherei?

Wempe: Ich fürchte, es geht vor allem die Liebe zum Produkt verloren. Wo in der Manufaktur noch der Uhrmacher das Sagen hatte, bestimmen im Konzern nun die Betriebswirte. Die stellen erst mal aufwändige Marktbefragungen an, wie groß, wie klein, wie dick, wie dünn die Uhr denn sein darf. Das Ergebnis sind seelenlose Zeitmesser.



Wempe: Das Unternehmen

Der Aufstieg: Die Geschichte der Firma begann am 5. Mai 1878 in Elsfleth an der Weser: Hier eröffnete der gelernte Uhrmacher Gerhard D. Wempe ein Uhren- und Schmuckgeschäft. Das Unternehmen florierte, weitere Filialen folgten, und 1907 wurde die erste Niederlassung in Hamburg eingeweiht.

Nach dem Tod des Firmengründers übernahm Sohn Herbert 1921 die Geschäftsleitung. Der Wiederaufbau des Unternehmens nach dem Krieg und die internationale Expansion sind vor allem Verdienst von Hellmut Wempe, dem Enkel des Gründers, der 1951 in das Familienunternehmen eintrat und zwölf Jahre später die Geschäftsführung übernahm.

Die Wempe KG heute: Das Unternehmen hat weltweit 26 Niederlassungen, davon 20 in Deutschland. Wempe beschäftigt 521 Mitarbeiter und machte im Jahr 2001 einen Umsatz von 186,4 Millionen Euro. Neben dem Handel mit Uhren und der Anfertigung von Schmuck spielen Wartung und Reparatur von Zeitmessern in der hauseigenen Werkstatt - mit 31 Uhrmachern - eine immer wichtigere Rolle. Seit 1994 wird das Unternehmen von Hellmut Wempe und Tochter Kim-Eva als persönlich haftenden Gesellschaftern geführt.

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