Audi Panther im Schafspelz

Der Audi RS 6 bietet perfektes Understatement: 450 PS unter der Haube einer voll alltagstauglichen Limousine. Rennpilot Ulrich Galladé testete für manager magazin und fuhr den ultrasportlichen Boliden am Nürburgring.

Nach noch nicht einmal 20 Minuten weiß Ulrich Galladé (48) Bescheid. In dieser kurzen Zeit hat der Unternehmer (familieneigener Autozulieferer) den allradgetriebenen Audi RS 6 über den Fleckenasphalt kleiner Eifelsträßchen gehetzt.

Auf der ausgebauten Bundesstraße an der Döttinger Höhe hat er mit atemberaubendem Tempo ein paar Vorserien-Wagen von BMW und General Motors überholt, die nach Testfahrten auf der Rennstrecke der Nürburgring-Nordschleife friedlich ihren Werkstätten entgegenzuckeln.

An den Kreuzungen und Einmündungen auf dem Weg hat Galladé den äußerlich so brav wirkenden Audi aus dem Stand beschleunigt, dass den übrigen Insassen die Spucke wegblieb. Trockene Bemerkung des Testfahrers: "Ein starker Punch".

Vor jeder abschüssigen Serpentine im Hatzenbach-Tal hat er gebremst, bis das ABS ins Stottern kam. Die enorme, doch stets kontrollierbare Verzögerung kommentiert Ulrich Galladé im Technikerjargon: "Beeindruckende Energievernichtung."

Hinter den Kurven hat der Wittener Unternehmer den Achtzylinder immer wieder bis an die Drehzahlgrenze von 6200 Umdrehungen hochgetrieben, sich jedes Mal am "kernigen Sound" erfreut, der vom Motorraum ins Cockpit dringt, und am enormen Drehmoment von 560 Newtonmetern.

Kraftpaket: Elegantes Design gepaart mit extrem viel Leistung

Kraftpaket: Elegantes Design gepaart mit extrem viel Leistung

: Aufgeräumt, solide und ohne Hichtech-Schnickschnack präsentiert sich der Innenraum des RS 6.

: Aufgeräumt, solide und ohne Hichtech-Schnickschnack präsentiert sich der Innenraum des RS 6.

Foto: Stefan Enders
Mächtiges Herzstück: Der 4,2 Liter V8-Biturbo-Motor mit 450 PS aus 4172 ccm

Mächtiges Herzstück: Der 4,2 Liter V8-Biturbo-Motor mit 450 PS aus 4172 ccm

Edle Schale: Der ultrasportliche Audi RS 6

Edle Schale: Der ultrasportliche Audi RS 6


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Das liefert die von zwei Abgas-Turbinen aufgeladene V8-Maschine beim Tritt aufs Gaspedal nahezu ohne jene Ansprechverzögerung, die im Bleifußjargon despektierlich "Turboloch" heißt.

Auf dem Parkplatz vor dem Fahrerlager der Nürburgring-Grand-Prix-Strecke dreht Ulrich Galladé nochmal kurz an der Stereoanlage, spielt mit der elektrisch verstellbaren Stütze für die Lendenwirbelsäule in der Rücklehne des Fahrersitzes, dann steht sein Urteil über den Audi RS 6 fest: "Rundum ein prima Auto, das habe ich von Anfang an gespürt."

"Alternative zum Familienkombi"

"Alternative zum Familienkombi"

Ulrich Galladé kann es sich leisten, so schnell Bewertungen über einen Testwagen abzugeben. Der Ingenieur, 1999 Gewinner des manager-magazin-Wettbewerbs "Entrepreneur des Jahres", hat nur Autos im Kopf: Seit 30 Jahren fährt er Rennen, derzeit vor allem Langstreckenwettbewerbe in der Porsche-Supercup-Klasse.

Vor zweieinhalb Jahren hat Galladé ein Technologiezentrum am Nürburgring eröffnet. Seine Spezialisten entwickeln dort neue Materialien und Verarbeitungsverfahren. Die Produkte kann das Rennteam dann sogleich auf der Piste erproben.

Mit einem Appell an die Sorgfaltspflicht lässt Galladé sich zu einer zweiten Testrunde mit dem schnellen Audi überreden. Bei dieser Tour fällt dem Rennpiloten besonders die straffe, "kompakte" (Galladé) Federung auf: Der RS 6, räsonniert er, "versucht einen Kompromiss zwischen Familienkutsche und Sportwagen - mit größerem Aufwand für die Sportlichkeit".

Das kommt Ulrich Galladé entgegen: Der Chef von rund 500 Mitarbeitern legt - zusätzlich zu den Langstreckenrennen - rund 60.000 Kilometer hinter dem Steuer seiner Dienstwagen zurück. "Jede Minute", um die er die langen Wege verkürzen kann, ist ihm "ein Gewinn".

Dennoch achtet Ulrich Galladé auch auf Komfort. Bei den meisten anderen Autos hat der 1,96-Meter-Mann Schwierigkeiten, eine bequeme Sitzposition zu finden. Nicht so im Audi RS 6: Hier lassen sich die Sportsitze auch auf seine Körpergröße einstellen. "Nur der Seitenhalt müsste besser sein", bemerkt Galladé nach einer mit quietschenden Reifen bewältigten Haarnadelkurve.

Die Avant-Ausführung des RS 6, so die Bilanz, wäre "jederzeit eine Alternative zum Familienkombi der Galladés". Kritik übt der Rennpilot nur an einem Punkt: "Bei knapp zwei Tonnen Leergewicht dürfte der Wagen ruhig 50 PS mehr haben."

Leistung ist und bleibt somit ein relativer Begriff - besonders bei den Spitzenmodellen sportlicher Serienautos.

mm-Fazit - Qualität und Leistung

manager-magazin-Fazit: Essenz aus Qualität und Leistung

Der RS 6 ist eine Meisterleistung automobiler Ingenieurkunst. Die lässt sich Audi teuer bezahlen.

Nur wenige Autos geben so wenig Anlass zu Kritik wie der Audi RS 6: Das Topmodell übertrifft alle Erwartungen und Ansprüche, die sich billigerweise an die Modelle der "oberen Mittelklasse" stellen lassen, wie dieses leider ganz und gar nicht billige Marktsegment im Branchenjargon heißt.

Über 90.000 Euro kostet die Sport-Limousine mit einigen Extras: mehr als viele Modelle der Mercedes-S-Klasse oder der BMW-7er-Reihe.

Doch der Vergleich hinkt: Ein RS 6 setzt allenfalls subtil auf Prestige. Stattdessen bietet er eine konzentrierte Essenz aus Qualität und Höchstleistung.

Seine schier unerschöpflichen Kraftreserven katapultieren, sobald etwa ein zuvor herrschendes Tempolimit aufgehoben wird, den unscheinbaren Audi so mühelos an jeder Autobahnkolonne vorbei, als könnten Nachbrennerdüsen oder ein Raketentriebwerk zugeschaltet werden.

Dennoch fühlen sich auch ängstliche Beifahrer keinen Moment lang unsicher: Der Vierrad-Antrieb hält den RS 6 stabil, auch in schlüpfrigen Situationen; das perfekt abgestimmte Fahrwerk sorgt für Solidität und zugleich für Komfort.

Bemängeln lassen sich nur Lappalien: Die Sitze sind zwar bequem, aber umständlich zu bedienen. Und die Einparkhilfe gibt zu spät Alarm, manchmal gar nicht.

Aber wer ein Assistenzsystem braucht, um einen Audi zu rangieren, der ist im Cockpit des 450-PS-Boliden ohnedies fehl am Platz.


Technik: Fünfsitzige, allradgetriebene Limousine; V8-Biturbo-Motor mit 331 kW/450 PS aus 4172 ccm, Fünf-Stufen-Automatik.

Fahrwerte: Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 4,7 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h (elektronisch begrenzt).

Verbrauch: 14,6 Liter auf 100 km (EU-Norm); mm-Testverbrauch 15,6 Liter.

Grundpreis: 86.500 Euro.

Serienausstattung (Auswahl): Klimaautomatik, Leder-Basisausstattung, ESP, Xenonscheinwerfer, Reifendruck-Kontrollsystem, Sitzheizung vorn/hinten, elektrisch verstellbare Recaro-Sportsitze.

Sonderausstattung (Auswahl): Gelochte Bremsscheiben (850 Euro), Sport-Abgasanlage (1000 Euro), Navigator (1940 Euro), Exklusiv-Lederausstattung (2550 Euro), 19-Zoll-Aluräder (1600 Euro), elektrisch verstellbares Lenkrad (390 Euro), Holz-Exklusivlenkrad (730 Euro).

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