Maßkonfektion Perfekte Passform

Wer den Gang zum Herrenausstatter scheut, kann künftig beim virtuellen Schneider per Mausklick Größe, Schnitt und Stoff für Sakko, Hose und Anzug auswählen. Und bekommt das (fast) maßgeschneiderte Outfit.

Geduld beim Einkaufen ist nicht meine Stärke", bekennt unumwunden Infineon-Chef Ulrich Schumacher. Und bedankt sich sogleich artig bei seinem Münchener Leibkonfektionär für "gute Auswahl, kompetente Beratung und schnellen Service".

Ihm gleich tun es Generalbundesanwalt Kay Nehm ("erstklassige Stoffqualitäten"), Berater Ralf Kalmbach von Mercer Management Consulting ("nur beste Erfahrungen") oder Hendrik Brandis, Partner bei Earlybird Venture Capital ("gute Performance"). Sogar ein leibhaftiger Künstler ist unter den Lobsängern, der Kölner Wilde Stefan Szczesny. Er preist diesen "Glücksfall für die Mode" auf Grund von "Qualität, Stil, Klasse und Individualität".

Adressat solch hochtönender Hymnen ist ein eher unscheinbarer, wiewohl ansehnlich restaurierter Gewerbehof mit weiß getünchten Ziegelbauten an der Münchener Leopoldstraße, im Norden der Stadt gegenüber dem "Holiday Inn" gelegen.

Hier residieren in lichten Geschäftsräumen Marcus Eickhoff und Jürgen Reschop, beide 39 Jahre alt. Die Inhaber des Bekleidungsunternehmens Maile bieten einer stetig wachsenden Männerkundschaft Outfit der besonderen Art.

Maßkonfektion. Sakkos, Hosen, Anzüge, Accessoires - nicht maßgeschneidert zwar, aber eben auch nicht von der Stange. Hergestellt nach individuellen Maßen und persönlicher Auswahl von Stoffen, zusammengestellt am PC, bestellt per E-Mail.

In diesem Konzept sahen Eickhoff und Reschop vor sieben Jahren eine gute Geschäftsidee. Mittlerweile betreuen die beiden - keineswegs Schneider, sondern gelernte Betriebswirte - mit 10 Mitarbeitern rund 12.000 Kunden in ganz Deutschland; zwischen 30 und 40 Anzüge gehen pro Jahr gar in die Vereinigten Staaten.

Mittlerweile - die Individualisierung schreitet voran - sind eine ganze Reihe Textilunternehmen auf die Maßkonfektion gekommen. Kaufhäuser wie C&A, Karstadt und Peek & Cloppenburg lassen den Kunden per Laser vermessen.

Allerdings: Der Maile-Anspruch, Konfektion in Herrenausstatter-Qualität nach persönlichen Vorlieben überall liefern zu können, gilt in der Branche bislang als einzigartig. "Wir waren es einfach leid, wegen jeder Hose in einen Laden laufen und Zeit vergeuden zu müssen", erzählt Eickhoff, der über Textil-Einzelhandel promoviert hat. "Und wir haben uns überlegt, dass es doch toll wäre, wenn jemand unsere Maße hätte und wir nur noch anrufen oder mailen müssten: graue Hose bitte."

Anzug per Computer

Anzug per Computer

So haben sie mit Stofflieferanten und Schneidereibetrieben verhandelt, haben eine EDV zur Datensammlung und Bestellung gebastelt, Kataloge entworfen und ein System entwickelt, mit dessen Hilfe jedermann seine persönlichen Konfektionsgrößen ermitteln kann. So er denn die Fähigkeit besitzt, mit einem Maßband umzugehen.

Wer das schafft, der findet unter www.maile.de  die ganze Auswahl: das Jackett zweireihig oder einreihig, mit zwei, drei oder vier Knöpfen, Hosen mit und ohne Bundfalten, mit und ohne Umschlag, umsäumte Innentaschen, durchknöpfbare Ärmelschlitze, vielleicht noch einen eingestickten Namen oder gar ein Wappen - ein Anklicken macht's möglich.

Ebenso die Stoffauswahl: ob Glencheck oder Flanell, Nadelstreifen oder Leinen, Mohair oder Wintercotton, sogar Kaschmir ist kein Problem. Die Lieferanten sind neben dem Belgier Scabal auch die italienischen Spitzenweber Cerruti und Zegna.

Nach drei bis vier Wochen bekommt der Kunde die bestellten Stücke zugesandt. Für die Hose liegt der Preis bei 240 Euro, für das Sakko bei 450 Euro und für den Anzug bei 600 Euro. Der kann aber auch durchaus - je nach Stoff und Machart - um 1000 Euro kosten. Immerhin 50 Arbeitsstunden stecken in so einem Unikat, gegenüber 10 Stunden bei der Stangenware.

Zum Ausprobieren gibt es das Programm TryMaile. Interessierte, die auf Nummer sicher gehen möchten, können ein Paket mit Probierstücken in ihrer Konfektionsgröße bestellen, um daran kleinere Abweichungen von der Normgröße zu ermitteln. Die entsprechend markierten Stücke gehen dann zurück an das Unternehmen, das die Daten speichert.

Zielgruppe der Mail-Order-Maßkonfektionäre sind zum einen die Vielbeschäftigten, die weder Lust noch Zeit für langwierige Wahl- und Probierprozeduren haben. Und es sind zum anderen, so Eickhoff, "Leute, die gut aussehen oder etwas Ausgefallenes möchten. Wer liefert denen denn sonst ein rotes Baumwollsakko mit rotem Innenfutter?"

In Stilfragen hat es Eickhoff ebenfalls mit einer weitgehend aufgeklärten Klientel zu tun. Seine Kundschaft, darunter Vorstände aus sämtlichen Münchener Dax-Unternehmen, weiß, dass zum runden Schädel kein extragroßes Revers passt und keine enge Hosenweite zu großen Füßen. Und selbstverständlich auch, dass der Cordanzug nicht in die Vorstandssitzung der HypoVereinsbank gehört.

Nur einmal gab es ein echtes Stilproblem. Da wollte der geschäftsführende Gesellschafter einer Bank zu einem festlichen Anlass einen zweireihigen Smoking und obendrein partout noch eine Weste haben.

"Das war ein solcher Fauxpas", sagt Eickhoff, "dass wir gesagt haben: Um Gottes willen, das liefern wir nicht aus."

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