Montag, 17. Juni 2019

Maßkonfektion Perfekte Passform

2. Teil: Anzug per Computer

Anzug per Computer

So haben sie mit Stofflieferanten und Schneidereibetrieben verhandelt, haben eine EDV zur Datensammlung und Bestellung gebastelt, Kataloge entworfen und ein System entwickelt, mit dessen Hilfe jedermann seine persönlichen Konfektionsgrößen ermitteln kann. So er denn die Fähigkeit besitzt, mit einem Maßband umzugehen.

 Persönliche Anprobe möglich: In einer ehemaligen Manufaktur betreiben die gelernten Betriebswirte Reschop und Eickhoff den Münchener Internet-Maßkonfektionär Maile.
Horst Klöver
Persönliche Anprobe möglich: In einer ehemaligen Manufaktur betreiben die gelernten Betriebswirte Reschop und Eickhoff den Münchener Internet-Maßkonfektionär Maile.
Wer das schafft, der findet unter www.maile.de die ganze Auswahl: das Jackett zweireihig oder einreihig, mit zwei, drei oder vier Knöpfen, Hosen mit und ohne Bundfalten, mit und ohne Umschlag, umsäumte Innentaschen, durchknöpfbare Ärmelschlitze, vielleicht noch einen eingestickten Namen oder gar ein Wappen - ein Anklicken macht's möglich.

Ebenso die Stoffauswahl: ob Glencheck oder Flanell, Nadelstreifen oder Leinen, Mohair oder Wintercotton, sogar Kaschmir ist kein Problem. Die Lieferanten sind neben dem Belgier Scabal auch die italienischen Spitzenweber Cerruti und Zegna.

Nach drei bis vier Wochen bekommt der Kunde die bestellten Stücke zugesandt. Für die Hose liegt der Preis bei 240 Euro, für das Sakko bei 450 Euro und für den Anzug bei 600 Euro. Der kann aber auch durchaus - je nach Stoff und Machart - um 1000 Euro kosten. Immerhin 50 Arbeitsstunden stecken in so einem Unikat, gegenüber 10 Stunden bei der Stangenware.

Zum Ausprobieren gibt es das Programm TryMaile. Interessierte, die auf Nummer sicher gehen möchten, können ein Paket mit Probierstücken in ihrer Konfektionsgröße bestellen, um daran kleinere Abweichungen von der Normgröße zu ermitteln. Die entsprechend markierten Stücke gehen dann zurück an das Unternehmen, das die Daten speichert.

 Schneidernde Betriebswirte: Die Maile-Inhaber Jürgen Reschop (v. l.) und Marcus Eickhoff
Horst Klöver
Schneidernde Betriebswirte: Die Maile-Inhaber Jürgen Reschop (v. l.) und Marcus Eickhoff
Zielgruppe der Mail-Order-Maßkonfektionäre sind zum einen die Vielbeschäftigten, die weder Lust noch Zeit für langwierige Wahl- und Probierprozeduren haben. Und es sind zum anderen, so Eickhoff, "Leute, die gut aussehen oder etwas Ausgefallenes möchten. Wer liefert denen denn sonst ein rotes Baumwollsakko mit rotem Innenfutter?"

In Stilfragen hat es Eickhoff ebenfalls mit einer weitgehend aufgeklärten Klientel zu tun. Seine Kundschaft, darunter Vorstände aus sämtlichen Münchener Dax-Unternehmen, weiß, dass zum runden Schädel kein extragroßes Revers passt und keine enge Hosenweite zu großen Füßen. Und selbstverständlich auch, dass der Cordanzug nicht in die Vorstandssitzung der HypoVereinsbank gehört.

Nur einmal gab es ein echtes Stilproblem. Da wollte der geschäftsführende Gesellschafter einer Bank zu einem festlichen Anlass einen zweireihigen Smoking und obendrein partout noch eine Weste haben.

"Das war ein solcher Fauxpas", sagt Eickhoff, "dass wir gesagt haben: Um Gottes willen, das liefern wir nicht aus."


Seite 2 von 2

© manager magazin 4/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung