Interview Peinliche Pannen beim Outfit

Warum die klassische Kleiderordnung nicht mehr zeitgemäß ist und worauf Manager bei ihrem Geschäftsanzug besonders achten sollten, verrät Strellson-Chef Reiner Pichler im Gespräch mit manager-magazin.de.
Von Hanno Pittner

mm:

Herr Pichler, wenn Sie morgens vor dem Kleiderschrank stehen und die Garderobe für den Tag zusammenstellen, nach welchen Kriterien suchen Sie sich dann Ihr Outfit aus - nach Lust und Laune oder nach Dienstplan?

Pichler: Beides trifft zu: Wenn etwa eine Geschäftsreise auf der Agenda steht, suche ich etwas Anderes aus, als wenn ich den Tag im Büro verbringe. Die Wahl fürs Büro ist pure Lust und Laune.

mm: Tragen Sie nur Produkte Ihres Hauses, oder darf es schon mal teure Maßarbeit aus Italien sein?

Pichler: Ausschließlich Produkte unseres Hauses, weil ...

mm: ... sie nichts kosten?

Pichler: Weil wir der Überzeugung sind, dass wir die richtige Business-Mode schneidern. Außerdem teste ich täglich unsere Produkte, um zu beurteilen, ob sie auch bis ins Detail stimmen.

mm: Trügt unser Eindruck, dass Männermode heute mehr als früher ein öffentlich diskutiertes Thema ist?

Was besonders daneben ist

Der falsche Verkleidungsversuch

Pichler: Das Verständnis für Herrenmode hat sicherlich zugenommen. Es ist eine Generation von Männern herangewachsen, die sich auch für Mode- und Stilfragen interessiert. Die sich ihre Kleidung selbst aussucht und nicht allein das anzieht, was Ehefrau oder Freundin ausgewählt haben.



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mm: Seit Jahren beschwören Modedesigner das Ende der schwarzen Welle beim Business-Outfit. Die Kunden aber greifen immer noch zum dunklen Tuch. Ärgert Sie das?

Pichler: Ich sehe das nicht so eng. Zum einen sieht jeder Mann im dunklen Anzug einfach seriöser aus. Und viele müssen in ihrem Job seriös auftreten, und mit einem schwarzen Anzug kann man dann nicht viel falsch machen. Außerdem kommt der hellhäutige Europäer im dunklen Tuch besser zur Geltung. Heller Typ und heller Anzug passen oft nicht zusammen.



mm: Die Farbe Schwarz dominiert weiterhin?

Pichler: Es gibt eine Änderung - wenn auch nur in Nuancen. Wie dunkelgraue und dunkelblaue Anzüge vom schwarzen Tuch abgelöst worden sind, ist jetzt dunkelbraun die Farbe der Saison. Erfüllt denselben Zweck: Ein dunkelbrauner Anzug wirkt seriös und lässt seinen Träger vorteilhaft aussehen.

mm: Wie ist es generell mit dem Outfit von Managern und Unternehmern bestellt?

Pichler: Pauschal lässt sich das nicht beantworten, denn das hängt von den einzelnen Ländern und auch von den einzelnen Branchen ab. Es gibt Dress codes, und die müssen respektiert werden - der gern zitierten Modefreiheit zum Trotz. Nehmen Sie den "casual friday", der aus Amerika kam und sich nicht mal dort durchgesetzt hat. Es geht einfach nicht, dass in Zürich ein Vorstand der Crédit Suisse im Polohemd ins Büro kommt. Genauso komisch wäre es, wenn sich in London bei einer Werbeagentur ein Art Director im Maßanzug und Krawatte vorstellen würde. Das passt nicht zusammen.

mm: Welche Verstöße gegen die Kleiderordnung kommen am häufigsten vor?

Pichler: Eine Kleiderordnung im strengen Sinne wie "nur Lackschuhe zum Smoking" ist nicht mehr zeitgemäß. Niemand kann sich mehr hinter einem verstaubten Modekanon verstecken. Heute soll Bekleidung die Persönlichkeit unterstreichen und nicht als Schutzschild vor sich her getragen werden. Das heißt: Viele Manager kleiden sich nicht so, wie sie wirklich sind, sondern wie sie gern gesehen werden möchten. Das wirkt peinlich.

mm: Wenn Ihnen die Kleiderordnung nicht mehr gefällt - was fällt Ihnen zu Stilfehlern beim Manager-Outfit ein?

Pichler: Eine Menge. Nehmen wir uns nur mal das Thema Schuhe vor. Wenn ich mir etwa in der Flughafen-Lounge die Geschäftsreisenden richtig betrachte, fällt auf: Viele tragen gut geschnittene und auch teure Jacketts, aber an den Schuhen haben sie mächtig gespart. Verknautschte 50-Euro-Treter zu Anzügen, die locker das Zehnfache kosten. Außerdem bemerke ich, dass sich viele nicht jahreszeitgemäß kleiden. Also im Sommer bei 25 Grad im Schatten im Shetland-Tweed-Sakko schwitzen und im Winter versäumen, einen Mantel anzuziehen - und bei null Grad fröstelnd auf der Gangway stehen.

mm: Zur textilen Grundausstattung jedes Geschäftsreisenden zählt seit Jahren der dunkelblaue Blazer ...

Pichler: ... der auch in jeder Modekollektion seinen unumstößlichen Stammplatz hat.



mm: Was macht ihn so unverzichtbar?

Pichler: Zunächst ist der Blazer ein sehr bequemes und praktisches Kleidungsstück. Wenn ich auf Reisen gehe und mich nicht mit viel Gepäck belasten will, nehme ich immer einen mit, weil er vielseitig zu verwenden ist. Beim Geschäftstermin trage ich zum Blazer Hemd, Krawatte und eine graue Wollhose. Am Abend, wenn ich etwas lockerer auftreten will, kombiniere ich den Blazer mit einer Baumwoll- oder Cordhose und einem Oxford-Hemd. In allen Fällen bin ich immer gut angezogen.

mm: Beim Griff zum Blazer kann der Manager also nichts verkehrt machen?

Pichler: Lediglich bei der Wahl der Knöpfe sollte er Vorsicht walten lassen. Dicke Goldknöpfe mit maritimen Motiven halte ich nicht für besonders geschmackvoll - außer der Mensch ist Reeder oder Schiffskapitän.

mm: Das Outfit wird immer öfter als Ausdruck von Macht und Status angesehen. Welche Fehler sind dabei zu vermeiden?

Pichler: Wenn sich etwa ein Vorstandsassistent Maßanzüge schneidern lässt, um wie sein Chef auftreten zu können, sieht das schon sehr komisch aus und ist lächerlich. Solche Fälle aber gibt es. Allgemein gilt: Der Versuch, sich zu verkleiden, geht meistens schief.

mm: Wie viel Individualität verträgt die Berufskleidung des Managers?

Pichler: Er muss nicht immer im üblichen Dienst-Flanell herumlaufen. Wenn er stattdessen Cord oder Baumwolle wählt, hebt sich allein schon durch die andere Struktur des Stoffs sein Anzug wohltuend von der gängigen Business-Uniform ab.

mm: Ist das alles?

Pichler: Nein, auch durch die Wahl des Hemdes, der Krawatte, der Manschettenknöpfe kann er sein Outfit variieren. Oder er verzichtet auf Oberhemd und Krawatte, nimmt dafür einen legeren Rollkragenpullover und dokumentiert damit Individualität.

mm: Wann sind bei der Geschäftskleidung die Grenzen des guten Geschmacks erreicht?

Pichler: Sobald zu viel Farbe ins Spiel kommt, wird es kritisch. Ein rotes oder grünes Jackett finde ich nicht richtig. Ebenso wenig eine bunte Weste. Auch mit den Accessoires ...

mm: ... oftmals ein Quell der Peinlichkeiten ...

Pichler: ...sollte der Manager sparsam umgehen. Krawattennadeln, Siegelringe, Armketten, klotzige Manschettenknöpfe - alles verzichtbar.

mm: Was zeichnet Ihrer Meinung nach wahre Eleganz aus?

Pichler: Eleganz ist nur für den Opernball von Bedeutung. Männer sollten nicht elegant, sondern gut aussehen. Und das erreichen sie am besten, wenn sie einen Bekleidungsstil finden, der zu ihrer Persönlichkeit, ihrem Aussehen, aber auch zu ihrem Alter passt.

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