Gründer Pioniere mit Diplom

Die Hochschulen haben den Gründer entdeckt. 20 Entrepreneurship-Lehrstühle werden in den kommenden Monaten entstehen. Ehrgeiziges Ziel des jungen Fachs: Die Studenten sollen Unternehmergeist entwickeln.
Von Silke Gronwald

Ein Photo kann täuschen, Illusionen schaffen, die Realität verzerren. Ärgerlich. Vor allem wenn sich Reiseveranstalter in ihren Prospekten der Trugbilder bedienen; wenn das geräumig wirkende Hotelzimmer in Wirklichkeit nur eine Kammer ist.

Gerhard Bonnet (32) und Stefan Steuerwald (30) wollen das Vorspiegeln von Tatsachen künftig erschweren. Die beiden Jungunternehmer haben eine digitale Panoramakamera entwickelt, die 360-Grad-Aufnahmen schießt.

Spielt man die Photos auf den Computer, kann sich der Betrachter per Mausklick nach allen Seiten umschauen – vom Boden bis zur Decke, von links nach rechts. Da bleibt keine dunkle Zimmerecke mehr verborgen.

Die Geschäftsidee ist ungewöhnlich genug. Seltenheitswert hat auch der Ort, an dem das junge High-Tech-Unternehmen blüht: am Physik-Lehrstuhl der Universität Kaiserslautern. Unter dem schützenden Dach der Alma mater testeten die beiden Doktoranden ihre Idee, bauten im Uni-Labor einen Prototyp und akquirierten erste Kunden. 1998 gründeten sie ihre Firma Spheron VR.

Bislang gab es nur einen Gründerlehrstuhl

Für das dringend benötigte betriebswirtschaftliche und juristische Knowhow besuchten Gerhard Bonnet und Stefan Steuerwald nach dem Abschluß ihres Studiums das Existenzgründertraining "Extra". "Eine große Hilfe. Aber noch besser wäre gewesen, wir hätten uns das Wissen bereits im Studium aneignen können – und nicht erst in letzter Sekunde", sagt Steuerwald.

Doch als Steuerwald und Bonnet studierten, gab es keine fest ins Curriculum eingebundenen Vorlesungen und Seminare zum Thema Existenzgründung. Weder als Wahl- noch als Prüfungsfach konnten die beiden Physiker das Studiengebiet belegen – an keiner staatlichen Hochschule. Entrepreneurship als eigenständiges Studienfach lehrte bislang einzig und allein die private European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel.

Dieser Mißstand wird nun behoben. Die staatlichen Universitäten haben den Gründer entdeckt. Allein in diesem Jahr entstehen – verteilt über das gesamte Bundesgebiet – rund 20 Existenzgründer-Lehrstühle. Von der altehrwürdigen Humboldt Universität Berlin über die Technische Hochschule Karlsruhe und die kleine Fachhochschule Gelsenkirchen bis hin zur Fernuniversität Hagen.

Ehrgeiziges Ziel der Hochschulen: Sie wollen die Unternehmerschmieden des nächsten Jahrtausends sein, die SAPs und Mobilcoms von morgen hervorbringen.

Das Studienfach mit dem wohlklingenden Namen Entrepreneurship steht Hörern aller Fachbereiche offen – den Ingenieuren, den Biologen und auch den Geisteswissenschaftlern. Zielgruppe sind all diejenigen, die später im Job auf eigenen Füßen stehen wollen. Das sind Firmengründer, aber auch Berater oder Venture-Capital-Finanzierer: Berufsgruppen, für die es bislang keine Ausbildung gab.

Das zähe Ringen für das Neue

Das zähe Ringen für das Neue

Damit nicht genug. Das neue Studienfach nutzt genauso künftigen Managern im Konzern. Schließlich müssen auch sie zunehmend unternehmerisch denken und handeln.

Die Ausbildung im Fach Entrepreneurship setzt da an, wo die klassische Betriebswirtschaftslehre noch gar nicht anfängt: bei der Vision von einem neuen Unternehmen. Die Studenten entwickeln eine Geschäftsidee, sie erstellen Business-Pläne, lösen spezielle Managementprobleme und erforschen die Erfolgsfaktoren von Existenzgründungen.

Vor allem aber, so das Ideal der Hochschulen, soll das Fach den Studierenden Mut machen, es soll Eigeninitiative, Verantwortungsbereitschaft und Pioniergeist stärken – Eigenschaften, die Politik und Wirtschaft heute lauthals von Akademikern einfordern, sollen an den Lehrstühlen vermittelt und gefördert werden.

Und das ist nötig. Trotz der vielbeschriebenen Gründerwelle zieht es den Großteil der Diplomanden noch immer zu einem risikolosen Angestelltendasein hin. Eine Studie des zentralen Hochschul-Informations-Systems belegt: Lediglich 2 Prozent aller Absolventen hatten vier Jahre nach dem Examen den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Dagegen hoffen zwei Drittel auf eine Anstellung im öffentlichen Dienst.

Wie sollte es auch anders sein? Die meisten Dozenten an bundesdeutschen Hochschulen haben den angestellten Manager im Blick – Unternehmertum, Durchsetzungskraft und Kreativität kommen in den Lehrplänen nicht vor. "Mit allem hat man sich in den akademischen Hallen beschäftigt, von der Metaphysik bis hin zur Byzantinistik, nur der Existenzgründer war kein Studienobjekt von Interesse", klagt Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.

Einer, der dieses Problem früh erkannt hat, ist Betriebswirtschaftsprofessor Heinz Klandt. An seiner früheren Universität Dortmund hatte er über Jahre hinweg für einen Gründerlehrstuhl gekämpft. Vergebens. Das interne Ränkespiel in der Professorenschaft erstickte jegliche Initiative. So zauderte Klandt nicht lange, als ihn die European Business School nach Oestrich-Winkel berief. Unter seiner Regie entstand dort vor einem Jahr der erste deutsche Lehrstuhl für Entrepreneurship.

Klandt ist ein Mann der Praxis. Er war sieben Jahre als selbständiger Unternehmensberater tätig und setzt in seinen Vorlesungen auf handlungsorientierte Methoden. "Wer glaubt, es sei damit getan, die bestehenden BWL-Lehrpläne einfach auf junge Unternehmen zurechtzutrimmen, der denkt zu kurz", sagt Klandt. Seine Schützlinge müssen ein konkretes Geschäftsmodell entwickeln, von der Kapitalbeschaffung bis hin zur Marketingstrategie und Konkurrenzanalyse. Mit einem speziellen Computerprogramm können die Phasen der Firmengründung realitätsnah simuliert werden.

Das neue Fach ist beliebt

Das neue Fach ist bei den Studenten beliebt

Egal, welches Firmenkonzept die Studierenden auch entwerfen – einen Importhandel für kalifornische Weine oder ein kleines Softwarehaus –, für alle gilt der gleiche Grundsatz: Jeder muß seinen Business-Plan vor Branchenkennern und Venture-Spezialisten verteidigen. Klandt lädt regelmäßig erfahrene Praktiker ein, die die Konzepte prüfen und auf Schwachstellen hinweisen.

Das neue Fach ist beliebt; knapp 180 Studierende sind eingeschrieben. Und auf der EBS-Wahlfachhitliste kletterte die moderne Lehrform von null auf Platz zwei. "Die Atmosphäre ist toll, viele Kommilitonen fiebern schon im ersten Semester nach der besten Geschäftsidee", sagt Nicolaus Rupp (22), EBS-Student im vierten Semester. Rupp hat sich anstecken lassen und sich mit einer Softwareberatung selbständig gemacht.

"Die jungen Gründer", so meint Klandt, "brauchen vor allem eine gefestigte Persönlichkeit." Wie kann man die trainieren? In Case Studies versetzen sich Klandts Studenten in die Rolle von Unternehmern, sie lernen, Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen, mit Unsicherheit umzugehen und Personalverantwortung zu tragen.

Die Anregungen für diese Lehrmethoden, gibt Klandt zu, hat er sich "vor allem aus dem Ausland geholt". Denn jenseits der deutschen Landesgrenzen, in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und selbst in Osteuropa, ist die universitäre Förderung junger Gründer wesentlich weiter als hierzulande.

In den USA entstanden die ersten Entrepreneurship-Lehrstühle bereits in den 60er Jahren, mittlerweile sind es rund 200. Die Professuren sind in der Regel nicht auf Lebenszeit, sondern nur für begrenzte Dauer vergeben und werden ständig auf ihren Erfolg hin kontrolliert. Die Rektoren überprüfen unter anderem, wie viele Studenten sich selbständig machen, wie sich die Unternehmen entwickeln und wie viele Start-ups an die Börse gehen.

Innovative Konzepte aus dem Ausland

Innovative Konzepte aus dem Ausland

Spannende Vorbilder gibt es im Ausland zuhauf, und ständig kommen neue hinzu. Hagen Gleisner von der Fachhochschule Osnabrück hat eines gefunden, das ihn auf Anhieb begeisterte: den Studiengang "Small Business & Retail Management" an der niederländischen Hogeschool. Wenn alles so läuft wie geplant, wird Gleisner das Konzept in den nächsten Semestern auf seine Fachhochschule übertragen.

Was Gleisner kopieren will, gedeiht seit zwei Jahren in Enschede. Die Universität dort hat die akademische Ausbildung quasi auf den Kopf gestellt. Die Studenten sind im Hauptberuf Unternehmer, jeder muß seine eigene Firma gründen oder einen kleinen Familienbetrieb übernehmen. Aufgabe der Professoren ist es, Managementhilfe zu geben und regelmäßig die Performance zu bewerten.

Studiert wird bei freier Zeiteinteilung nebenher – im Selbststudium, in Blockseminaren und im Einzelunterricht mit einem Mentor. Ein ausgeklügeltes Punktesystem ermittelt den Studienerfolg. Jedes Jahr muß eine Mindestpunktzahl erreicht werden.

Die Hochschule in Enschede betrachtet ihre Studenten als Kunden und geht gezielt auf deren Bedürfnisse ein; sie stellt kostenlos Büros zur Verfügung, die komplett mit Fax, Computer, Telephon, Internet-Anschluß und Möbeln eingerichtet sind. Jeweils acht Studenten teilen sich ein Büro.

Noch können Studierende in Deutschland von solch innovativen Konzepten nur träumen. Selbst jene 20 Unis und Fachhochschulen, die jetzt über die Einrichtung von Gründerlehrstühlen nachdenken, sind sich unsicher über den richtigen Weg. Und manche verhakeln sich gar in zeit- und nervenfressenden Grundsatzdebatten.

Die Diskussionen beginnen schon bei der Suche nach der richtigen Lehrmethode. Wie lassen sich Pioniergeist und Gründerehrgeiz wecken? Wie können Tugenden wie Eigeninitiative, Kreativität und Risikobereitschaft vermittelt werden?

Über eines ist sich die Professorenschaft einig: Herkömmliche Vorlesungen und Seminare sind passé. Neue didaktische Formen wie Projekte, Exkursionen und Planspiele müssen ausprobiert werden, und vor allem brauchen Studenten und Dozenten einen engen Bezug zur Wirtschaft.

"Wer es mit den Gründern wirklich ernst meint, der darf hinter Praxisnähe nicht gleich Unwissenschaftlichkeit vermuten", warnt Professor Heiner Müller-Merbach, der das Existenzgründertraining "Extra" in Kaiserslautern betreut.

Mut zu einem Paradigmenwechsel in der akademischen Ausbildung verlangen die Reformer unter den Professoren – doch genau daran hapert es oftmals. Die Traditionalisten wollen erst mal die Frage nach der fachlichen Qualifikation der neuen Hochschullehrer diskutieren: Muß es der klassische Universitätsprofessor sein – habilitiert, mit lupenreiner akademischer Karriere und möglichst langer Publikationsliste? Oder muß es jemand sein, der selbst schon ein Unternehmen gegründet hat, der das Gefühl kennt, nachts wachzuliegen, weil er nicht weiß, ob er die Miete für den nächsten Monat zahlen kann?

Von allen guten Gründergeistern verlassen

Von allen guten Gründergeistern verlassen

In Dortmund streiten die Professoren seit 1991 über diese Frage. Mehrere potentielle Kandidaten sind abgesprungen, unter anderem auch Professor Klandt. Inzwischen, so scheint es, ist die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät von allen guten Gründergeistern verlassen. Die Fronten haben sich so verhärtet, daß die Professur wohl gar nicht mehr besetzt wird. Eine vertane Chance, in jeder Hinsicht. Sogar das nötige Startkapital für den Lehrstuhl hatten sich die Dortmunder schon gesichert.

Ohne das Engagement staatlicher Geldgeber und privater Sponsoren gäbe es wohl bis heute keine Entrepreneurship-Ausbildung. Allein die Deutsche Ausgleichsbank finanziert sieben Lehrstühle, das Bundesministerium für Bildung und Forschung beteiligt sich an einem, und immer häufiger treten auch Unternehmen wie die Deutsche Bank, die DG-Bank oder die örtlichen Sparkassen als Sponsoren auf.

Studenten lernen von erfahrenen Praktikern

Am spendabelsten zeigte sich die SAP. Das Softwareunternehmen finanziert insgesamt vier Professuren. Einer der Nutznießer ist die Technische Hochschule Karlsruhe.

Dekan Professor Siegfried Berninghaus richtete den Lehrstuhl zum laufenden Sommersemester ein, und er nutzte dabei konsequent die Spielräume des Hochschulrahmengesetzes: Am Entrepreneurship-Lehrstuhl sollen erfahrene Praktiker unterrichten – Unternehmensberater, Existenzgründer und Manager.

An der Technischen Hochschule Karlsruhe sitzen die Start-up-Studenten bei den Ingenieuren. Eine Ausnahme. In der Regel wollen die Universitäten die Entrepreneurship-Lehrstühle bei den Wirtschaftswissenschaftlern ansiedeln.

Den Hochschülern ist der Standort im Zweifelsfall egal. Hauptsache sie treffen in den Seminaren auf Kommilitonen aus anderen Fachbereichen. Denn, so zeigen zahlreiche Untersuchungen, interdisziplinär zusammengesetzte Teams sind bei der Existenzgründung überdurchschnittlich erfolgreich.

Bei aller Vorfreude: Den Entrepreneur mit Diplom und Erfolgsgarantie wird es wohl nie geben. Genausowenig wie die Hochschulen aus jedem Studenten einen Bill Gates machen können.

Aber zehn pro Jahr würden ja schon reichen.

Entrepreneurship-Lehrstühle an deutschen Hochschulen Wie Schülerfirmen das Interesse am Gründen wecken Verhandlungstraining für Gründer

Mehr lesen über Verwandte Artikel