Sonntag, 8. Dezember 2019

Gazprom Inniges Verhältnis

Wie Gazprom mit deutschen Geschäftspartnern poussiert

Eifersucht ist im Spiel, ein Hauch von Polygamie vielleicht auch.

Friedrich Späth, Chef der Essener Ruhrgas AG, hatte Ende vergangenen Jahres seine frisch erworbene Gazprom-Beteiligung (2,5 Prozent für rund eine Milliarde Mark) als "bisher größtes Einzelengagement eines deutschen Unternehmens in Rußland" gepriesen. Dann kam der Konter aus Kassel.

Im April schloß Herbert Detharding, Vorstandsvorsitzender der BASF-Tochter Wintershall, mit Gazprom einen milliardenschweren Kooperationsvertrag zur Öl- und Gasförderung. Er vergaß nicht zu betonen, daß es sich um das "bislang größte deutsch-russische Wirtschaftsabkommen" handele.

Eins zu Eins.

Seit jeher ist das Verhältnis der beiden deutschen Gasverteiler von Mißgunst geprägt und Eifersüchteleien gegenüber Gazprom, mit rund 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr Deutschlands bedeutendster Gaslieferant.

Die Gazprom-Liaison mit Wintershall ist inniger, die Beziehung zu Ruhrgas älter.

Von 1973 an lieferten die Russen Gas im Wert von rund 50 Milliarden Mark an die Ruhrgas, die lange Jahre eine Quasi-Monopolstellung in Deutschland innehatte. Als die Mauer fiel, entzweiten sich die Partner. Die Russen wollten ins lukrative Endkundengeschäft und den einstigen sozialistischen Bruder, die heutige Verbundnetz Gas AG (VNG) in Leipzig, übernehmen. Die Ruhrgas hatte sich dort allerdings bereits mit 35 Prozent eingekauft.

Gazprom verbündete sich daraufhin mit dem Ruhrgas-Wettbewerber Wintershall, der damals begonnen hatte, über ein eigenes Pipelinenetz Gas zu verkaufen. Bis heute hat das Duo 12 Prozent Marktanteil erkämpft. Auf Druck des Bundeskartellamts durften sich Wintershall (mit 15 Prozent) und Gazprom (5 Prozent) zudem – als Gegengewicht zur Ruhrgas – an VNG beteiligen.

Im vergangenen Jahr schließlich entspannte sich die Lage: Die Gazprom-Verträge mit Ruhrgas wurden bis zum Jahr 2020 verlängert. Die Essener verpflichteten sich, ihr Netz für die russische Expansion nach Westeuropa zu öffnen.

Auch die Beziehung zu VNG, in Moskau lange als Ruhrgas-Anhängsel diskriminiert, ist mittlerweile herzlicher. Das liegt vor allem am Geschäftserfolg der Ostdeutschen. Seit der Wende hat sich der Erdgasverbrauch in den neuen Ländern verdoppelt.

"Früher galten wir als arme Schlucker", sagt VNG-Chef Klaus-Ewald Holst, "diese Zeiten sind vorbei." Im kommenden Jahr will Holst die erste Dividende ausschütten.

Dann kann sich VNG-Aktionär Gazprom über ein paar Devisen mehr freuen.


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