Interview "Die Branche hat überzogen"

Karl Fickel, ehemals einer der ersten Fondsmanager am Neuen Markt, geht mit seinem Gewerbe hart ins Gericht.
Von Ulric Papendick und Jonas Hetzer

mm:

Während des Börsenbooms haben die Fondsgesellschaften immer neue Branchen- und Themenfonds aufgelegt, häufig zum Schaden der Anleger. Jetzt werfen die Investmenthäuser fragwürdige Garantieprodukte auf den Markt. Ist die Branche unfähig, aus ihren Fehlern zu lernen?

Fickel: Natürlich hat die Branche überzogen, wenn sie immer speziellere Produkte entwickelt hat. Aber Sie können der Fondsindustrie nicht alle Schuld zuschieben. Jeder ist ein Stück weit Täter und Getriebener. Auch die Anleger. Die haben ihrer Bank mit Kündigung gedroht, wenn sie nicht den neuesten InternetFonds kaufen konnten. Jetzt wollen eben alle etwas Sicheres.

mm: Das hört sich an nach: Schuld sind immer die anderen. Als Sie Fondsmanager am Neuen Markt waren, haben Sie noch für Wachstumsaktien getrommelt, als die Kurse längst purzelten.

Fickel: Selbstverständlich haben auch die Fondsmanager Schuld an der Entwicklung. Aber hätte ich die Anleger auffordern sollen, ihr Geld aus dem Fonds abzuziehen? Letztlich war ich Angestellter in einem Wirtschaftsunternehmen. Immerhin habe ich frühzeitig gewarnt, in dem damaligen Tempo könne es nicht weitergehen.

mm: Die Fondsgesellschaften tun sich mit dieser kurzatmigen Strategie keinen Gefallen. Die viel gerühmte Aktienkultur in Deutschland liegt am Boden.

Fickel: Ich kann verstehen, wenn viele Anleger nichts mehr mit Aktien zu tun haben wollen. Es wird lange dauern, bis das Vertrauen zurückkehrt. Das liegt aber auch daran, dass einige Firmen ihre Investoren regelrecht belogen haben.

mm: Und wo ist die deutsche Fondsbranche jetzt, wenn es darum geht, die Rechte der Anleger zu verteidigen? Warum klopfen Sie den Unternehmen nicht viel stärker auf die Finger, auch öffentlich, so wie es US-Investoren tun?

Fickel: Vielleicht wäre eine Art Schutzvereinigung institutioneller Investoren keine schlechte Idee. Wenn sich mehrere Fondshäuser zusammenschließen, könnten die sicherlich einiges bewirken.

mm: Zum Beispiel?

Fickel: Die Selbstbedienung mit Aktienoptionen aufdecken. Insiderverkäufe ankreiden. Verhindern, dass Minderheitsaktionäre bei Übernahmen ausgetrickst werden. Verrechnungskonten zwischen Tochterfirmen eines Konzerns hinterfragen.

mm: Wenn es so viele Themen gibt, warum machen die Fondsmanager dann, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht endlich den Mund auf?

Fickel: In Vier-Augen-Gesprächen mit den Unternehmen werden diese Dinge schon lange angesprochen. Für eine konzertierte Aktion braucht man aber klare Regeln, sonst wird man uns vorwerfen, unsere Stellung als Großinvestoren zu missbrauchen. Zum anderen müssten die Fondshäuser auch wirklich an einem Strang ziehen. Sonst verkauft einer schnell noch die Aktien eines Unternehmens, von dem er weiß, dass es demnächst öffentlich kritisiert wird.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.