Weintest Elsass, adieu

Fruchtbetont, frisch und duftig munden sie, wenn sie in Edelstahltanks gekeltert wurden. Aber schmecken Spitzenlagen vom Weißburgunder wirklich so, wie die Lobpreisungen verheißen? Der mm-Test liefert überraschende Ergebnisse.
Von Rüdiger Albert

Wenn der Vollmond sein bleiches Licht über die herbstlichen Hügel ergießt, kommt Bewegung in den Wiener Weingarten von Rainer Christ. Mit einer Schar guter Freunde zieht der Winzer, bewaffnet mit Schere und Füllkorb, durch die Rebenreihen - zur Weinlese.

Objekt ihrer gespenstischen Begierde sind reife Weißburgundertrauben. "Weil der Vollmond ihnen überflüssiges Wasser entzieht, ernten wir sie zu dieser doch höchst ungewöhnlichen Stunde", sagt Rainer Christ.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein Tropfen "mit überdurchschnittlicher Qualität", so das Urteil im mm-Test, dem zu wahrer Größe lediglich noch die "harmonische Zuordnung von Frucht, Alkohol und Säure fehlt".

Auch ohne Mitternachtsmystik und Vollmondanbetung avancieren immer mehr Weißweine aus der traditionellen Rebsorte Weißburgunder zu Verkaufsschlagern. Und erobern mittlerweile auch die Tafeln der Topgastronomie im Sturm.

Zu danken ist dieser Erfolg den vielfältigen Eigenschaften dieses Rebensafts. Schier unglaublich, welch unterschiedliche Weine Winzer aus Österreich, Italien, Frankreich und Deutschland von dieser Rebsorte abfüllen. Stuart Pigott, der englische Weinkritiker, lobt: "Für alle, die den Riesling als zu säurereich empfinden, liefert der Weißburgunder Weine mit mehr Körper und einer ausgeprägt fruchtigen Note."

Fruchtbetont, frisch und duftig munden sie, wenn sie in Edelstahltanks gekeltert wurden. Durch den Ausbau in kleinen Eichenfässern, den so genannten Barriques, bekommen sie Fülle, Länge, Alterungspotenzial und Finesse.

Festtagsstimmung, Fanfarenschall, euphorisches Lob bei Weinnasen und Genießern. Aber schmecken Spitzenlagen vom Weißburgunder wirklich so, wie die Lobpreisungen verheißen?

manager magazin bat renommierte Winzer um Kostproben: Der Testwein sollte trocken sein und aus den Jahrgängen 2000 (ausgebaut im Barrique) und 2001 (ausgebaut in Edelstahl oder in großen Holzfässern) stammen. Zur Blindverkostung von 44 Weinen fanden sich in der neuen Vinothek des "Hotel Bergström" (Inhaber: Henning J. Claassen) im niedersächsischen Lüneburg sieben ausgewiesene Fachleute ein.

Deutsche Erzeugnisse liegen vorn

Und siehe, die besten Ergebnisse brachten Weißburgunder deutscher und österreichischer Winzer, ausgebaut in Barriques. Exzellente Begleiter zum Essen füllen die Weinbauern Heger, Salwey, Johner und Ehmoser ab.

Ihre Kreszenzen sind komplex und vielschichtig, zuweilen voluminös, aber niemals wuchtig. Und: Sie erfreuen zwar durch gute Frucht, nicht aber mit ihrem - oftmals deftig hohen - Preis.

Hervorragende Terrassenweine, zumeist ausgebaut in Edelstahltanks, kommen von den Weingütern Stiegelmar, Schneider, vom Heidesheimer Hof und von Dönnhoff, Fürst, der Cantina Terlan und Bergdolt. Bekömmliche Tropfen mit erstaunlicher Fülle und feiner Säure, die frisch die Kehle hinunterfließen.

Die Juroren empfehlen gleich 27 der 44 verkosteten Weine vorbehaltlos. Außer in Deutschland und Österreich - diese Überraschung brachte der Test - genießt der Weißburgunder auch bei Winzern aus Südtirol wieder hohes Ansehen. Den besten Weißburgunder zwischen Etsch und Eisack kredenzt Elena Walch: Ihr "2001 Kastelaz" ist ein "filigraner Weißburgunder mit florealer Aromatik auf der Zunge", notiert ein mm-Weinschmecker.

Zunächst in Deutschland und Österreich und nun auch in Südtirol hat eine neue Generation von Winzern begriffen, dass nur mit hochwertigen Weinen dem Wettbewerb weltweit begegnet werden kann.

Dafür steht gerade der trockene Weißburgunder, der keinen Vergleich mit großen Weißweinen aus Übersee oder dem französischen Burgund scheuen muss. So das eindeutige Ergebnis der mm-Verkostung. Die allerdings auch eine herbe Überraschung an den Tag brachte: ein desaströses Versagen der Weißburgunder aus dem Elsass.

"Kenner, die für einen guten Weißwein auch einen Euro mehr ausgeben wollen, finden bei den Elsässer Weinen ein breites Angebot", verkündet vollmundig der elsässische Weinwirtschaftsverband CIVA.

Doch die bittere Wahrheit sieht so aus: Mit Ausnahme von Paul Blanck ("2001 Pinot Blanc": 13 Punkte, "guter Durchschnitt") füllen Elsässer Winzer im günstigsten Fall Getränke ab, die das Etikett Touristenbrause verdienen.

Download: 27 Weißburgunder, die ihr Geld wert sind Interview: Experte Pigott über neue Weißwein-Trends


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