Editorial Noch dreister

Es ist schon wahr: Dass die Steuerbürger nicht auf die Barrikaden steigen, kann nur noch mit dem Umstand erklärt werden, dass sie gänzlich unorganisiert sind.
Von Wolfgang Kaden

Noch nie war die Empörung über das Abkassieren der Obrigkeit so groß wie derzeit. Aber anders als Bauern, Fabrikarbeiter oder Piloten sind die Steuerzahler eben nicht in einem schlagkräftigen Verband zusammengeschlossen. Und so werden sie alle einzeln ausgenommen, nahezu wehrlos der Staatsgewalt ausgeliefert.

Wie Hans Eichels Inkassotruppe mit den Bürgern umspringt, das haben die Redakteure Jonas Hetzer und Dietmar Palan recherchiert. Sie beschreiben einen Steuerstaat, in dem die Grundrechte nur noch begrenzt gelten; in dem es für die Eintreiber des Fiskus praktisch keine Privatsphäre mehr gibt.

Nun, mit den Gesetzesvorhaben der Koalition, dürfte der Zugriff auf die Konten und Depots der Bürger noch dreister ausfallen. Fortan wird der Wertzuwachs bei Aktien generell besteuert. Ein Schlag gegen die Aktienkultur in diesem Land, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für staatliche Fahnder und Prüfer.

Immerhin, einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es inzwischen: die geplante Abgeltungssteuer von 25 Prozent für Zinserträge. Käme sie, dann hätte die Regierung sich erstmals seit dem 22. September zu einer vernünftigen Entscheidung durchgerungen.

Seit jeher war die Besteuerung der Zinserträge zum persönlichen Einkommensteuersatz ein Ärgernis. Die Abgabe erschwert nachhaltig die private Vorsorge fürs Alter: Wer in den oberen Regionen der Progression liegt (und das gilt schon für viele Durchschnittsverdiener), dem bleibt nach Abzug der Steuer und der Geldentwertung kaum noch etwas von den Zinsen.

Finanzminister aller Parteifarben haben diese konfiskatorische Abgabe verteidigt. Was Wunder: Den Politikern (wie den Beamten) mangelt es an jedwedem Bewusstsein für eigenverantwortliche Vorsorge. Beide Berufsgruppen werden schließlich im Alter durch den Staat versorgt, ohne selbst einen Cent angespart zu haben.

Geschlossen fordern die Fachleute seit Jahren, auf eine moderate Abgeltungssteuer umzuschalten. Weil die Abgabe automatisch von den Banken einbehalten wird, bringt sie am Ende mehr in die Staatskasse - ohne dass die Steuerfahnder aktiv werden müssen.

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manager magazin versteht sich in erster Linie als ein Blatt, das kritisch-analytische Beiträge über Unternehmen schreibt. Doch zum unternehmerischen Handeln gehört auch das wirtschaftspolitische Umfeld; hier liefern wir in unserer Rubrik "Trends" Orientierung. Für zwei Beiträge in diesem Heftteil - einen über Ostdeutschland, einen über den Reformstau - erhielt jetzt manager-magazin-Redakteur Dr. Henrik Müller den Georg von Holtzbrinck Preis für Wirtschaftspublizistik. Wir haben uns mit dem Kollegen sehr über die Auszeichnung gefreut.

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