Design-Spezial Goldene Worte für gute Formen

Längst habe die hiesige Formgebung den "Geruch von schwerem Maschinenöl" abgelegt, lobte Bundespräsident Rau, als er unlängst erstmals den Deutschen Designpreis vergab. Die hier vorgestellten Objekte bestätigen dies - auch wenn sie am Markt nicht immer erfolgreich sind.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

Aerodynamisch konsequent optimiert", tönt das Hohelied auf den Sieger. Mit einer Aluminium-Leichtbaukarosserie versehen, präsentiert Audi das "One-Box"-Konzept in "kompakter, mutiger und unverwechselbarer Form".

Die goldenen Worte kommen aus berufenem Munde. Von Winfried Scheuer, seines Zeichens Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste zu Stuttgart. Sie gelten einem Automobil, das durch ebenso schlichte wie noble, an Art déco erinnernde Formen besticht. Und deshalb das deutsche summa cum laude für Gestaltung erhielt.

Der Praxistest fiel freilich anders aus. Knapp zwei Jahre nach der Markteinführung hat der Hersteller den Wagen zum Auslaufmodell gekürt: Der Audi A2 aus Ingolstadt, ein Wunderwerk der Ingenieurkunst - für die Kassenwarte des Konzerns ein Flop.

"Hässlichkeit verkauft sich schlecht", die berühmte Formel des Designklassikers Raymond Loewy, muss nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass formale Schönheit prompt von wirtschaftlichem Erfolg gekrönt wird. Diese traurige Erfahrung mussten die zehn Form-Freunde, die in diesem Jahr erstmals den "Designpreis der Bundesrepublik Deutschland" als höchste deutsche Gestaltungsauszeichnung vergaben, gleich zweimal machen.

Mit dem neu eingerichteten Preis würdigt der "Rat für Formgebung" im Auftrag des Wirtschaftsministers herausragende Gestaltungen bei Gebrauchsgütern mit 19 Anerkennungen. Bedingung: Sie müssen zuvor bereits auf Landesebene ausgezeichnet worden sein.

Spannbreite: vom Möbel ("Eo"-Leuchtschranksystem) bis zum Schnellstzug (ICE 3), von der Website (www.neweconomy-duden.de ) bis zur Solar-Dachpfanne ("Terra Piatta"), vom Wegweisersystem für Gebäude ("Quintessenz") bis zum mobilen Glaskasten-Büro ("Constructiv Pila Office"). Dies alles zum Gegenbeweis des Vorurteils, so Bundespräsident Johannes Rau in seiner Laudatio, "dass deutscher Formgebung der Geruch von schwerem Maschinenöl anhaftet, von funktionaler Perfektion in langweiliger Verpackung".

Ein bisschen Maschinenöl darf es schon sein. Gleich vier Auszeichnungen gingen an Gefährte aus deutschen Autohäusern. Neben dem A2 erhielt auch das aktuelle Modell des A4 von Audi eine Anerkennung ("erfolgreichste Baureihe des Ingolstädter Unternehmens"). Sodann die jüngste Version des Turbo 911 von Porsche ("einmaliges Phänomen im Automobildesign"). Aber auch jener Bastard von BMW, der unter der Bezeichnung C1 als überdachter Motorroller gern Auto spielen möchte und dabei alle Leichtigkeit des südländischen Kultgefährts einbüßt.

"Die Jury", heißt es etwas beklommen, "lobte vor allem das durchdachte Fahrzeugkonzept und den neuen formalen Weg, der mit der Entwicklung dieses Zweirads beschritten wurde."

Da war aber sein Schicksal schon entschieden: Auslaufmodell.

Gewinner des Deutschen Designpreises

Lichtspiele für den Wohnsalon

Von dem Stuttgarter Professor Wulf Schneider stammt der Entwurf für das Interlübke-Containersystem "Eo". In den beliebig arrangierbaren Milchglaswürfeln von 73 Zentimetern Kantenlänge lässt sich dank blauer, roter und grüner Leuchtdioden per Fernbedienung Licht in jeder gewünschten Farbe zaubern, bevorzugte Töne lassen sich abspeichern. Die Jury des Rates für Formgebung lobte auch die "saubere Verarbeitung".

Das Interlübke-Containersystem "Eo"

Das Interlübke-Containersystem "Eo"

Foto: Ingmar Kurth/Rat für Formgebung 2002
Wulf Schneider

Wulf Schneider


Schlanke Leuchten für alle Fälle

Kai Byok, der in Rellingen bei Hamburg die Firma KB Form betreibt, entwarf das Leuchtensystem "Squadra Sistema 50/70". Das Licht kommt aus quadratischen Hohlleisten aus farblos eloxiertem Aluminium, die an Edelstahlseile aufgehängt sind. Die Jury pries die hochvariable Lichtidee: "Elegant, wertig, unaufdringlich und konsequent als System gestaltet, ohne den Deckenbereich mit voluminösen Leuchtkörpern zu dominieren."

Kai Byok

Kai Byok

Das Leuchtsystem "Squadra Sistema 50/70"

Das Leuchtsystem "Squadra Sistema 50/70"

Foto: INGMAR KURTH/RAT FÜR FORMGEBUNG 2002


Bürositz zum Liegen

Matthias Seiler aus Lörrach entwickelte für die Waldshuter Sedus Stoll AG den Bürodrehstuhl "Sedus open up". Eine neu erdachte Mechanik sowie die speziell auf die Rückenbewegung abgestimmte Aufhängung der Lehne erlaube es, die Arbeit auch im Liegen zu verrichten - ideal als Platz für den Computernutzer, der über Stunden an den Monitor gefesselt ist. Die Jury feierte vor allem die "transparente und leichte Anmutung".

Der Bürodrehstuhl "Sedus open up"

Der Bürodrehstuhl "Sedus open up"

Foto: INGMAR KURTH/RAT FÜR FORMGEBUNG 2002
Mathias Seiler

Mathias Seiler

Weitere Preisträger

Netzauftritt für ein Wörterbuch

Regine Thienhaus aus dem Büro Hamburg der JKPW Gesellschaft für Kommunikationsdesign baute die Website für den "neweconomy-duden" (www.neweconomy-duden.de ) aus dem Hamburger Trendbüro. Dort wird versucht, die Begriffe der neuen Wirtschaft unter die Internet-Leute zu bringen - mit einer höchst beweglichen Ästhetik, ähnlich der Dynamik des dargestellten Gegenstands. Die Jury lobte "die klare Designsprache und die jugendliche Anmutung des Gesamtauftritts."

Die Website für den "neweconomy-duden"

Die Website für den "neweconomy-duden"

Foto: INGMAR KURTH/RAT FÜR FORMGEBUNG 2002
Regine Thienhaus

Regine Thienhaus


Stützen für Fassaden aus Glas

Hubert Elmer aus Innsbruck erfand für die Dorma-Glas GmbH im nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen das Beschlagsystem "Manet Contruct". Es hilft den Architekten, die Glas am Bau bevorzugen, Naturkräfte wie Wind und Temperaturschwankungen durch eine neuartige Abfederung auszugleichen. Die Jury bescheinigte "höchst funktionale Qualität."

Hubert Elmer

Hubert Elmer

Das Beschlagsystem "Manet Construct"

Das Beschlagsystem "Manet Construct"

Foto: INGMAR KURTH/RAT FÜR FORMGEBUNG 2002
Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.