Fotografie Wundersame Bilder aus der Industrie

Von jeher haben Lichtbildner - weithin unbeachtet - ihr Augenmerk auf die Welt der Maschinen, der Börsen, der Chefetagen gerichtet. Jetzt, mit dem Ende der klassischen Industrie, ziehen ihre Produkte in die Kunstpaläste ein und werden am Markt hoch gehandelt.

Es ist, als hätte es die beiden von einem anderen Stern in unsere bunte Spaßkultur verweht.

Ein Ehepaar seit 1961, reisen sie durch die Welt, wenn es sein muss auch im VW-Bus mit Nachtlager. Ausschließlich an Orte, um die jeder andere einen Bogen macht: Herten in Westfalen, Thionville in Lothringen, Eisenhüttenstadt in Brandenburg. Zu abgetakelten Kohlengruben in Wales und ausgebrannten Stahlwerken in den USA. Um dort - aber bitte nur bei bedecktem Himmel, ohne jeden Anflug von Sonnenschein - Fotos zu machen. Von Fabrikhallen, Fördertürmen, Hochöfen, Kühlbauten, Mietskasernen.

"In den ersten Jahren", berichtete die Ehefrau unlängst in einem Interview, "fuhr auch unser kleiner Sohn noch mit. Der spielte immer in Kohlenhaufen und wurde abends von älteren Damen in der Küche gebadet."

Ein Lebens- und Arbeitswandel, der dem Gespann Hilla und Bernd Becher zu Weltruhm verhalf. Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien von tristen Industriedenkmälern, mit wissenschaftlicher Akribie zu seriellen Typologien arrangiert, werden in Los Angeles ausgestellt und in New York, Paris und Stockholm. Sie wurden auf der Biennale in Venedig gezeigt. Und in diesem Sommer - wieder einmal - auf der Weltleistungsschau der Künste, der Kasseler Documenta.

Mehr noch: Wie kaum jemand sonst haben die beiden zu einer Erscheinung beigetragen, die dieser Tage Kunstszene und -markt umtreibt - eine Hochkonjunktur von fotografischen Bildern aus der Welt des Wirtschaftens und der Warenproduktion.

So werden die Becher-Schüler Struth, Ruff und Gursky - in den USA bereits unter dem Markentitel "Struffsky" zusammengefasst - zu Höchstpreisen gehandelt. Das Auktionshaus Christie's erzielte im Februar in London für das stilisierte Großfoto einer Prada-Auslage von Andreas Gursky den Sensationspreis von 701.055 Euro. Vor fünf Jahren waren Gursky-Arbeiten noch für 20.000 Mark zu haben.

Bei so viel Zuspruch entdeckt auch die Wirtschaft mit wechselnder Anteilnahme die ästhetisch überformten Abbilder ihrer selbst. So stiftete die "Volkswagen art foundation" in diesem Jahr erstmals einen Preis für Industriefotografie. Die Ausstellung ist nach dem renommierten Nachkriegslichtbildner Peter Keetman benannt. Alljährlich wird es eine Ehrung geben - Preisgeld 25.000 Euro.

Zugleich kommen die großen alten Meister des Industriefotos zu neuen Ehren, zumal am Kunstmarkt. Ein Abzug der "Ford-Werke, Detroit", 1927 aufgenommen von Charles Sheeler, zählt mit einem Preis von 607.000 Dollar (1999) zu den teuersten Fotoarbeiten überhaupt. Nicht schlecht für eine Fabrikansicht auf Fotopapier.

Und Objekte der Verehrung von Bromsilber-Ikonen gibt es genügend.

Von Beginn an richteten Fotografen das Augenmerk - neben entlegenen Abenteuerlandschaften und entkleideten Halbweltdamen - immer auch auf die Triumphe des Fabrikationsfortschritts. Sie dokumentierten den Bau des weltgrößten Raddampfers und den märchenhaften Londoner Kristallpalast, erste Schaustätte der Industriekultur. Oder, wie Andrew Joseph Russell 1869 für die Union Pacific Railroad, das Aufeinandertreffen zweier Dampfrösser in der Wüste von Utah - historische Verbindung der Ostküste mit der Westküste Nordamerikas kraft Schienenmaschine. Mit Handshake und Champagner.

Eine neue Generation von Fotografen

Zuweilen half die Fotografie dem sozialen Fortschritt nach. Etwa wenn es den Fotografen Lewis Wickes Hine, berühmt für seine Bilder vom Bau des Empire State Buildings in New York, in die Fabriken zog, in denen Kinder die Arbeit verrichteten. Seine Aufnahmenserie von 1908 bereitete den Weg für ein Verbot der Schinderei. Hines Bildband "Man at Work" von 1932, der den Menschen an der Maschine feiert, gehört zu den Inkunabeln der Industriefotografie.

Einer der ersten, der die eigentümliche Ästhetik der Maschinenwelt entdeckte, war Hines Schüler Paul Strand. "Sie sind brutal direkt, sauber und ohne Betrügerei", lobte ein Kollege den klaren Stil der Strand-Bilder. Sie tauchen die Zentren der Wirtschaftsmacht USA in ein nie gesehenes Licht. Wie etwa jene Momentaufnahme der Wall Street von 1915, die Börsianer auf dem Weg zur Arbeit zeigt - Männer im gleißenden Morgensonnenschein vor einem düsteren Bürobau mit langen Schatten.

Mit Strand und seinen Mitstreitern Stieglitz, Steichen und Sheeler bahnt sich in den 1920er Jahren die Straight Photography ihren Weg, geprägt von einer distanzierten Haltung zum Gegenstand. In Deutschland sind es August Sander und Albert Renger-Patzsch, die diesen Pfad - unter dem Rubrum der neuen Sachlichkeit - beschreiten.

Der eine schafft ein Porträt-Panoptikum der Akteure, vom Arbeitslosen bis zum Industriellen. Der andere zeigt in präzisen, fein austarierten und kühl ausgeleuchteten Aufnahmen technische Produkte, Maschinen, Fabrikanlagen und Werkslandschaften.

Die klassische Industriekultur ist auf der Scheitelhöhe zwischen größter Kraft und tiefster Krise angelangt. Und Renger-Patzsch formuliert ihre Ästhetik: "Dem starren Liniengefüge moderner Technik, dem luftigen Gitterwerke der Krane und Brücken, der Dynamik 1000-pferdiger Maschinen im Bilde gerecht zu werden, ist wohl nur der Fotografie möglich."

Mit dieser Haltung verschafft sich der "Buchhalter mit Kamera" ("Stuttgarter Zeitung") die Anerkennung und emphatisches Lob so unterschiedlicher Geister wie Thomas Mann ("ein Meister, ein Sucher und Finder voller Entdeckerlust des Auges") und Kurt Tucholsky ("dogmenlose Kunst, scheinbar ganz und gar ohne Voraussetzungen"). Der "Stahlgewitter"-Autor Ernst Jünger schreibt Essays für die letzten zwei Bildbände des Lichtbildners, erschienen 1962 und 1966, im Jahr von Renger-Patzsch' Tod.

Da war bereits eine neue Generation von Fotografen, angefeuert vom deutschen Wirtschaftswunder, in die Fabriken aufgebrochen. Der Krefelder Hein Engelskirchen etwa in das Chemiewerk Bayer-Uerdingen, aus dem er 1965 präzise Panoramen lieferte, aufgenommen auf Farbmaterial. Und der Wuppertaler Peter Keetman 1953 für eine Woche in das Wolfsburger Volkswagenwerk.

Hier fertigt das Mitglied der Avantgarde-Vereinigung "Fotoform" abstrakt wirkende Nahaufnahmen von Schrauben, Kotflügeln und Stoßstangen, auf denen Licht und Schatten bizarre Ornamente bilden, auch wenn der Betrachter die Objekte kaum noch in ihrer Funktion erkennt.

Die Keetman-Fotos verschwanden vorläufig in der Versenkung. Alle Welt wollte in den Wirtschaftswunderjahren aus dem Leben gegriffene Fotografie sehen und keine Formexperimente mehr. Auch wenn der Fotograf ein Glaubensbekenntnis zur Lichtbildnerei in goldene Worte goss - gültig bis zum heutigen Tag.

"Was die Fotografie mir erschließt", hatte Keetman voller Pathos formuliert, "sind Gesetze und Schönheiten. Je tiefer ich fotografierend in die Materie eindringe, umso größere Welten tun sich auf."

Fotogalerist Rudolf Kicken: Der Run aufs Lichtbild


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