USA Slow Economy

Jahrelang glaubten die Amerikaner an ein immerwährendes Wirtschaftswunder. Nun ist klar: Die goldenen Neunziger kommen nicht wieder. Die US-Ökonomie tritt in eine heikle Phase.

Prolog: "If some is good, more is better"

Guess what! Jim Schroer liebt diese Phrase, die jede Unklarheit beseitigen soll. Guess what - na, rate mal! Einwände sind zwecklos, Widerspruch sowieso.

In ausladender Pose sitzt der Vertriebschef von Chrysler in seinem Büro in Auburn Hills (Michigan), trinkt Cola aus der Plastikflasche. Ein schwarzer Ledersessel, prallvoll mit Selbstbewusstsein und Optimismus.

Frage: Ist Amerikas Wirtschaft auf dem Weg in die Rezession?

"No. Unsere Wirtschaft ist stark. Guess what! Wir allein investieren in den nächsten fünf Jahren 30 Milliarden Dollar. Now, think about it! 30 Milliarden Dollar. Das ist waghalsig. Solange wir waghalsige Investments machen, ist die Wirtschaft stark."

Aha. Und wer soll all die Autos kaufen? Seit vorigem Jahr verschleudern Sie Ihre Wagen zu Billigpreisen. Wer gerade ein neues Auto hat, kauft nicht nächstes Jahr schon wieder eins.

"Doch. Wir Amerikaner finden ständig neue Möglichkeiten, uns zu amüsieren. Wir sind Workaholics-Playaholics. Früher hatte die typische US-Familie ein Auto. Heute hat sie drei. Und - Guess what! - demnächst wird sie vier Autos haben."

Aber die Amerikaner sind hoch verschuldet. Sie müssen endlich sparen. Das wird den Autoabsatz bremsen.

"Guess what. Wir Amerikaner sind maßlos. If some is good, more is better ..."

Kurze Sätze, klares Weltbild. Für Ambivalenz ist in dieser amerikanischen Seele kein Platz. Pessimismus, Zweifel, Kleinmut - das ist etwas für Verlierer und für Europäer.

Gute Stimmung - schlechte Aussichten

Gute Stimmung - schlechte Aussichten

Schroers Haltung ist vielleicht extrem, aber typisch: Während der Rest der Welt um die ökonomische Gesundheit der USA bangt, strahlen Amerikaner wie Jim Schroer einen offensiven Optimismus aus.

Die Sorglosigkeit ist erstaunlich, denn Amerika steckt, objektiv betrachtet, in der schwersten Krise seit Jahrzehnten:

Die Börsen - hoffnungslos am Boden, nachdem die größte Kursblase des 20. Jahrhunderts platzte.

Die Wirtschaft - beschädigt durch den Verlust an Glaubwürdigkeit angesichts all der Managerskandale bei Enron, Worldcom, Tyco und all den anderen.

Die Weltlage - unsicher, in einer Zeit, da eine Eskalation am Arabischen Golf droht.

Und dann ist da noch diese Furcht, die sich seit dem 11. September 2001 tief in die amerikanische Seele gebrannt hat. Eine aktuelle Gallup-Umfrage zeigt, wie sehr die Angst vor Terroranschlägen immer noch den Alltag bestimmt: Ein Drittel der Bürger meidet Hochhäuser, Inlandsflüge und große Menschenmengen. Die Hälfte unterlässt, wenn irgend möglich, Überseeflüge.

Die Krise des Shareholder-Kapitalismus, ein neues Gefühl der Verletzlichkeit - die wichtigste Volkswirtschaft der Welt steht am Scheideweg. Jahrelang hat das US-Wachstum alle anderen Staaten, gerade Deutschland, mitgezogen.

Wie geht es in den nächsten Jahren weiter? Beginnt für Amerika eine neue Phase? Droht gar ein Absturz wie in Japan, wo seit Anfang der 90er Jahre Stagnation und Depression herrschen?

Die unersättlichen Konsumenten

Die unersättlichen Konsumenten

Bislang kämpfen die Amerikaner mit ihrem robusten Optimismus, gewürzt mit einer scharfen Prise Patriotismus, gegen die Widrigkeiten. Leute wie Chrysler-Manager Jim Schroer sind dafür verantwortlich, dass die US-Wirtschaft nicht längst in eine tiefe Rezession gerutscht ist.

Mit Dumping-Angeboten haben die Detroiter Autokonzerne General Motors, Ford und Chrysler nach dem 11. September 2001 die Verbraucher bei Laune gehalten, haben zugegriffen, als US-Notenbank-Chef Alan Greenspan ihnen die niedrigsten Zinsen seit Jahrzehnten spendierte.

Zwar schrumpfen im Preiskampf die Renditen der großen Autobauer. Aber immerhin sind die Fabriken halbwegs ausgelastet.

Und die Bürger? Sie haben nicht lange überlegt und vor allem große Autos gekauft: Pick-ups, Geländewagen. Gefährte eben, die ein Gefühl der Sicherheit vermitteln in unsicheren Zeiten.

Auch Häuser sind begehrt. "Real Estate" - echte Werte statt auf Lügengeschichten fußende Wall-Street-Papiere. Der Nachfrageschub treibt die Immobilienpreise, vor allem in den Ballungszentren an den Küsten.

Bezahlt wird mit Hypotheken, die billig sind wie selten zuvor. Die Verbraucher laden sich immer weitere Kredite auf. Inzwischen beträgt die Verschuldung mehr als 100 Prozent des verfügbaren Einkommens.

Eine bedenkliche Schieflage. Normalerweise bauen Bürger und Unternehmen nach einem Boom Ungleichgewichte ab: Sie tilgen Schulden, sparen, konsumieren weniger. Normalerweise stagnieren oder sinken die Immobilienpreise.

Nicht dieses Mal. Die Rezession 2001 war ungewöhnlich mild und kurz. Die Unternehmen, insbesondere die in der Informationstechnologie, reduzieren zwar Überkapazitäten, entlassen Mitarbeiter und haben ihre Investitionen gekürzt.

Der Abbau der Übertreibungen wird aber gebremst von der kräftigen Konsumnachfrage - nach wie vor geben die Amerikaner Geld aus, als gebe es kein Morgen. Noch immer sparen sie zu wenig: nur 3 bis 4 Prozent vom verfügbaren Einkommen. 6 bis 10 Prozent sollten es schon sein, um langfristig die Vermögen mit gleicher Rate steigen zu lassen wie die Einkommen - ein Verhältnis, das Volkswirte als normal ansehen.

Mit ihrem übermäßig optimistischen Konsumverhalten pumpen die Amerikaner auf dem Immobilienmarkt die nächste Preisblase auf, die schon bald in sich zusammenfallen könnte. Die Folgen wären weit gravierender als die der Börsenbaisse, denn Immobilien machen einen größeren Anteil am Privatvermögen der Bürger aus als Aktien.

Beunruhigende Fakten, die das immer optimistische Mainstreet-Amerika bislang nicht sonderlich interessieren; die aber das gebeutelte Finanz-Amerika der Wall Street umso mehr umtreiben. Es kommt eben auf die Perspektive an.

Zwei Szenarien - heiter bis stürmisch

Zwei Szenarien - heiter bis stürmisch

Jan Hatzius blickt aus seinem Bürofenster hinunter auf die Südspitze Manhattans, das Finanzzentrum der USA. Die Lücke, die die Türme des World Trade Centers hinterlassen haben, ist unübersehbar. Seit drei Jahren lebt der deutsche Goldman-Sachs-Ökonom in New York. Er sagt: "Sicher, die Anschläge sind sehr, sehr schwierig für die amerikanische Psyche. Aber sie haben nicht das alltägliche Verdienen und Ausgeben draußen in Mainstreet-Amerika verändert."

Für die nähere Zukunft hat Hatzius zwei Szenarien im Kopf. Das Positive: Allmählich bilden sich die Ungleichgewichte zurück. Die Sparquote steigt langsam, was den privaten Konsum dämpft. Die Immobilienpreise stabilisieren sich auf hohem Niveau - ergo etwa fünf Jahre langsames Wachstum um die 2 Prozent.

Das Negative: Die Immobilienpreise stürzen ab, die Normalbürger verlieren große Teile ihres Vermögens. Sprunghaft steigern sie ihre Ersparnisse und konsumieren weniger. Die Unternehmen investieren kaum noch und entlassen weiter Leute - ergo fällt Amerika 2003 oder 2004 in eine tiefe Rezession.

Welches Szenario hält er für wahrscheinlich? Schwer zu beantworten, sagt Hatzius. "Die US-Wirtschaft ist derzeit anfällig für Schocks." Ein Flächenbrand im Nahen Osten, ein rapide steigender Ölpreis, weitere Managerskandale. Wer weiß. Bleiben solche Schocks aus, hat Amerika die Chance, einer tiefen Rezession zu entkommen. Welches Szenario auch eintritt: Ein großer Wachstumsschub ist nicht in Sicht.

Slow Economy statt New Economy

Slow Economy statt New Economy

Trübe Aussichten für eine Gesellschaft, die sich zum Vorbild stilisiert und die der Rest der Welt immer noch um ihre Dynamik beneidet.

Amerika durchlebt nicht nur eine heikle konjunkturelle Phase. Für die größte Volkswirtschaft und einzige globale Supermacht beginnt eine neue Ära.

Zwei Jahrzehnte lang regierte in Amerika der Glaube an den Segen des Marktes. Seit Ronald Reagan 1981 begann, "Big Government" von oben zu bekämpfen, standen die wirtschaftspolitischen Leitplanken fest: fort mit Regulierungen, runter mit Steuern und staatlichen Leistungen, den Börsen größtmögliche Freiheit und den Weltmärkten offene Grenzen.

Lange war das amerikanische Modell äußerst erfolgreich: Kein anderes großes westliches Land wuchs so schnell, nirgends wurde mehr Wohlstand geschaffen.

Aber Amerika ging noch weiter. Eine liberale, offene Wirtschaft reichte nicht mehr aus. Nun musste es eine "New Economy" sein. Die alten Regeln, so glaubten Ende der 90er Jahre viele, würden in den USA nicht mehr gelten: Rezessionen seien ein für alle Mal überwunden; Aktienkurse könnten immer weiter steigen; das Internet beschere der Wirtschaft eine beispiellose Effizienzrevolution.

Die späten 90er Jahre seien "die beste aller Zeiten" gewesen, schreibt der US-Autor Haynes Johnson. Als die Amerikaner immer wohlhabender wurden, hätten sie unermessliches Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und in die Weisheit von CEOs und Fondsmanagern entwickelt.

Vorbei. Der Kurssturz an den Börsen und die Machenschaften der Schurkenmanager haben den Glauben an die Wirtschaft zerstört. Vielleicht auf Jahrzehnte. "Die Skandale treffen tiefere Schichten der amerikanischen Seele als die Terroranschläge", sagt der Historiker Harold James, Professor in Princeton.

"Dies ist einer der Momente in der Geschichte, in dem die Menschen gegen Big Business aufbegehren. Wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Rockefellers und andere am Pranger standen. Die Bürger wenden sich an die Regierung. Sie fordern mehr Regulierung." Und Präsident George W. Bush, der - ironischerweise - als marktliberaler Ultra angetreten war, gibt dem Volk, was es wünscht.

Die Prioritäten haben sich verschoben: mehr Staat (die öffentlichen Ausgaben sind in den vergangenen zwölf Monaten drastisch angestiegen); weniger Interesse an Freihandel (ohne Rücksicht auf Europäer und Asiaten schützt die Regierung heimische Stahlproduzenten mit Zöllen); Vorbehalte gegen Einwanderung (seit Herbst 2001 liegt ein Abkommen mit Mexiko über den erleichterten Zuzug von Arbeitskräften auf Eis). "In gewisser Weise", sagt James, "wendet sich Amerika von der Welt ab."

Der neue Geist, der durch die USA weht, wird die Wirtschaft bremsen. Und zwar dauerhaft. Bis voriges Jahr rechneten die meisten Ökonomen mit einem Trendwachstum von 4 Prozent jährlich. Mindestens. Jetzt gehen sie noch von knapp 3 Prozent aus. Weitere Korrekturen nach unten sind wahrscheinlich.

Die enttäuschten Deutschen

Die enttäuschten Deutschen

Dass die US-Wirtschaft mitten in einem Strukturbruch steckt, ist für viele deutsche Unternehmen eine bittere Erkenntnis. Nicht nur, weil die Exportchancen schrumpfen - mit einem Anteil von 11 Prozent an der Ausfuhr sind die USA zweitwichtigster Auslandsmarkt Deutschlands -, sondern auch, weil deutsche Firmen US-Beteiligungen im Wert von 217 Milliarden Euro besitzen. Nirgends haben deutsche Manager mehr Geld investiert als im Land des vermeintlich unbegrenzten Wirtschaftswunders. Zwischen 1995 und 2000 verfünffachten sie ihre US-Engagements.

Nun geht es nicht mehr um stürmisches Wachstum, es geht um Durchhalten. "Das Geschäft läuft zäh, sehr zäh", sagt Matthias Grossmann, US-Geschäftsführer des Software-Mittelständlers IBS. Die Expansionspläne hat er erst einmal gestrichen, ein paar Stellen auch. Aber so viel sei klar: IBS müsse auf jeden Fall in den USA präsent bleiben. "Dies ist der wichtigste Markt mit dem größten Potenzial für uns." Nur wird dort leider momentan kaum Geld verdient.

Dürre Zeiten. Chrysler hat Daimler Milliarden gekostet. Die Telekom sucht eine Lösung für die defizitäre Tochter Voicestream. Um nur zwei prominente Beispiele zu nennen.

Auch Klaus Kleinfeld, CEO von Siemens USA, hatte sich den Job einfacher vorgestellt, als er im Herbst 2000 seinen Vertrag unterschrieb. Schon als er im Januar 2001 sein Büro in Manhattan bezog, spürte er, dass es ernst würde. "Mir war klar: Nun ist der Zeitpunkt gekommen, zu sichern, was wir in den vergangenen Jahren erreicht hatten."

Satte acht Milliarden Dollar hat Siemens seit 1998 in den USA investiert. Um durchschnittlich 23 Prozent wuchs das US-Geschäft jährlich. Heute ist Amerika für Siemens der wichtigste Markt, er steuert ein Viertel des Umsatzes bei: 21 Milliarden Dollar.

Das Erreichte sichern - das bedeutet Kosten senken, unrentable Firmen loswerden, die Renditen steigern. Dieses Jahr, sagt Kleinfeld, sähen die Zahlen gut aus. "Aber können wir das Ergebnis 2003 halten?" Die Aussichten seien nicht gerade rosig: "Das wird hart."

Die Frage ist nur: wie hart?

Immun gegen die japanische Krankheit?

Immun gegen die japanische Krankheit?

Gedämpftes Wachstum, vielleicht eine Rezession in naher Zukunft - das wäre eine Herausforderung, aber noch keine Katastrophe. Schlimm wäre aber eine Entwicklung wie in Japan, einem Land, das seit einem Jahrzehnt in einer Abwärtsspirale steckt.

Es ist ein Horrorszenario, das viele Ökonomen umtreibt. Sollten die USA, die größte Volkswirtschaft der Welt, wie Japan nach 1990 in Deflation und Rezession versinken, wären die Konsequenzen rund um den Globus spürbar. Weniger US-Nachfrage, die Börse auf Dauer im Sinkflug, ein trudelnder Dollar - die USA würden ihre Depression exportieren.

Allerdings gibt es zwischen Amerika und Japan einen fundamentalen Unterschied: die Bevölkerungsentwicklung. Japans Wirtschaft stolpert derzeit direkt von der Post-Blasen-Baisse in die demografische Krise: Eine zuerst alternde, später auch schrumpfende Bevölkerung entfaltet keine wirtschaftliche Dynamik mehr.

Anders Amerika. Die USA sind ein junges, offenes Land (trotz der aktuellen Irritationen mit Mexiko). Einwanderung und eine hohe Geburtenrate sorgen dafür, dass die Zahl der Amerikaner weiter wächst - nach Schätzungen des US Census Bureau auf 400 Millionen im Jahr 2050 -, während die Bevölkerungen Europas und Japans schrumpfen.

Die wirtschaftlichen Folgen der unterschiedlichen demografischen Entwicklung sind gravierend: Amerikas Wachstumsmotor ist, auf lange Sicht betrachtet, intakt. Die übrigen westlichen Länder hingegen wird die Alterung vor große Probleme stellen.

Epilog: Nach der Party

"Wir werden uns neu erfinden." Diesen Satz hört man derzeit häufig in den USA. Von Scott Weiner zum Beispiel. Er ist ein nüchterner Mensch. Als promovierter Chemiker hat er die Welt als Kette von Kausalbeziehungen begreifen gelernt; als Portfoliomanager hält er sich an Zahlen.

Aber in Zeiten wie diesen hilft schon mal der Glaube: "Wir werden uns neu erfinden, so wie schon öfter in unserer Geschichte", sagt Weiner, Chef der Investmentfirma Metzler/ Payden in Los Angeles. "Okay, die Party ist vorüber. Wir stehen am Beginn einer neuen Ära. Wir wissen nicht, wohin die Reise geht. Aber wir wissen, dass sie gut wird."

Beneidenswert, dieser unverwüstliche Optimismus. Die Amerikaner werden ihn in den nächsten Jahren brauchen.

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