Frankfurter Allgemeine Zeitung Säuft die "FAZ" ab?

Die Verlagsgruppe um Deutschlands Renommierjournal steckt in ernsten Schwierigkeiten. Erbarmungslos deckt die Branchenkrise schwere Mängel in der Unternehmensverfassung auf.
Von Klaus Boldt

Von all den Komplimenten, die man der "Frankfurter Allgemeinen" machen könnte, ja recht eigentlich unablässig machen müsste, soll zunächst nur dieses eine Verwendung finden: Dass die "FAZ", Gott segne sie dafür, das "Dass" weiterhin mit fachkundig ausgeführtem "Esszett" publiziert.

Fürwahr keine Kleinigkeit: Das Traditions-Daß illustriert Tag für Tag aufs Neue die schon legendäre Bremskraft der Hessen, ihre Liebe zum Schnörkel und zur Dauerhaftigkeit.

Auch dient es ja prima der Abgrenzung gegenüber den Mr. Minits des Gewerbes, den trendgetriebenen Neuökonomen, denen zuletzt alle Mediengeschäfte missrieten. Die bedeutende "FAZ" hingegen aus dem Gallus-Viertel beim Hauptbahnhof und die ihr angeschlossene, etwas bedeutungslosere Verlagsgruppe, zu der die "Märkische Allgemeine" in Potsdam gehört, Buchverlage, einige Druckereien und Radiostationen - dieses Blatt hält die ewigen Werte hoch und höher.

Und wenn es als Wimpel des Unveränderlichen die reine Lehre vom Esszett ist. O, es geht ein großes Gaukeln um die "FAZ".

Theoretisch hätte die Konjunkturkrise , die den Revisionisten unter den Managern ja in die Hände arbeitet, mit einem so kreuzmordskonservativ geführten Firmengeflecht also barmherzig verfahren müssen. Doch ausgerechnet die Frankfurter Edlen mit ihren Frakturüberschriften erweisen sich als schwer verwundbar.

Der Verlag, der sich in erster Linie von seinem Prachtmedium "FAZ" (Auflage: 397.666 Exemplare) nährt, steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Die letzten vier Jahre hatten auf die Gruppe wie ein Blasebalg gewirkt: Börsenboom und Internet-Wirtschaft pumpten das Blatt mit Anzeigen und die Egos ihrer Macher mit Gewissheit voll. Börsenkrise und Internet-Kollaps sogen alles wieder heraus.

240 Seiten dick, lautet eine interne Faustregel, sollte eine Wochenendwuchtausgabe schon sein. Doch zurzeit bringt das Zentralorgan der bürgerlichen Eliten kaum noch 110 Seiten an den Kiosk.

Anfang der 90er Jahre war der Verlag bereits einmal - Folge von Rezession und Großinvestitionen in Ostdeutschland - in die Minuszone gerutscht. Aber so schlimm wie diesmal war's noch nie: 2001 sank der Umsatz um 11 Prozent auf 723 Millionen Euro.

"Die Lage ist ernst"

In den Büchern rote Zahlen zum Schwarzwerden: 28,7 Millionen Euro. Beteiligungen müssen verkauft oder eingestellt, Leute entlassen werden (siehe: "Ballast von Bord").

Doch nun schlägt das Elend wieder zu und schichtet auf den Schmerz des vergangenen das Entsetzen dieses Jahres: Bis September sank die Zahl der Anzeigenseiten um weitere 35 Prozent. Auf bis zu 70 Millionen Euro könnten die Verluste heuer klettern.

Die Fazit-Stiftung, Hauptgesellschafter der Gruppe, ist besorgt. Stiftungschef Klaus Peter Krause (65) knurrt: "Die Lage ist ernst."

Woher rührt die Misere des Traditionshauses, das wie kein zweites unternehmerischer Vernunft und sozialer Vorsicht verpflichtet schien?

Die fünf "FAZ"-Herausgeber, die so ruhmreich sind wie die drei Tenöre, aber angeblich etwas intelligenter und dem Klugschnacken deshalb selten abgeneigt, sie halten in dieser Stunde der Not zusammen und lieber den Mund.

Die Krise hat aus stolzen Männern schweigende Männer gemacht.

Zum Niedergang fällt dem an Denkschärfe durch nichts und niemanden zu überragenden Kollegium nichts Gescheites ein: Der hausintern als "Caligula", "Nero" und "genial" bekannte Frank Schirrmacher (43) teilt mit, dass er nichts mitteile, "da über die 'FAZ' sich öffentlich stets nur der amtierende Vorsitzende der Herausgeberkonferenz äußert".

Konferenzspitze Dieter Eckart (64) aber mag sich, wie er seine Sekretärin Inge Schreck belehrend maulen lässt, auch "nicht äußern, da eigentlich alles schon gesagt ist und es Neues nicht zu berichten gibt".

Erstaunlicherweise beweist sogar Betriebsratschef Michael Spankus mannschaftsdienliche Geschlossenheit und kommt ("... nach Rücksprache mit unserem Betriebsausschuss ...") wohl zu dem Schluss, dass wer nichts sagt, unmöglich Blödsinn reden kann. Spankus leitet im Übrigen das Rechnungswesen und die Hauptbuchhaltung.

Gleichfalls verstummt ist Geschäftsführer Jochen Becker (54), der den verstörungsfördernden Kampfnamen "Rambo" führt, weil zärtliche Vorhaltungen seine Sache nicht sind, wohl aber der große Wauwaustil.

Was sollte "Rambo" auch sagen? Monatelang hatte der Kraftmensch saniert, ohne dass ihm die Frisur verrutscht war: Preise erhöht, Umfänge gesenkt, Honorare gedrückt.

Die Aufsichtsräte werden nervös

Zusehends nervöse Aufsichtsräte ("Der kam ja nicht voran") schalteten sich schließlich ein und kommandierten den Einzigen der ihren, der managen kann, als Becker-Tempomaten ab: Wolfgang Bernhardt (66), einst Flick-Manager und Coop-Abwickler, jetzt auch Vatikan-Revisor.

Spätestens hier ist klar: Wo so viele theoretisch mitreden, hat praktisch keiner was zu sagen. So leidet das Medienhaus nicht nur an der Branchenkrise, sondern still und stumm an seiner Betriebsverfassung und einer irrenden Führung auch (siehe: "Die 'FAZ' stiftet Verwirrung").

Immerhin, niemand ist überrascht. Schon 1999 hatte Becker erkannt: "Die 'FAZ' ist nicht mit einem normalen Unternehmen zu vergleichen, nicht einmal mit einem normalen Zeitungshaus." Statt eines Chefredakteurs sitzen der "FAZ" Herausgeber vor. Die Geschäftsführung ist vor allem damit befasst, die Unabhängigkeit dieses mächtigen Quintetts zu gewährleisten. Direkten Zugriff auf das Hauptprodukt hat sie nicht.

Da das Verlagshaus obendrein einer Stiftung gehört, die gemeinnützig ist, aber keinem Verleger, der reich werden will, entwickelte sich die "FAZ" grosso modo zu jenem republikweit einzigartigen Medium, das nicht allein betriebswirtschaftlicher Logik, sondern dem Journalismus als solchem gehorcht und huldigt.

Anhänger schwärmen: Deshalb ist die "FAZ" das angesehenste Blatt der Republik. Kritiker nörgeln: Die "FAZ" ist das, was passiert, wenn keiner aufpasst.

Der Zustand des Renommierverlags illustriert zumindest eine ewige Wahrheit - dergestalt, dass der größte Mist nicht selten in bester Absicht gebaut wird und dass ohne einen starken Mann an der Spitze einfach nichts nirgendwo klappt.

Die klugen Köpfe in der Zentrale sind unentwegt in einem präseismischen Zustand begriffen. Unglaubliche Kräfte sind auf ihre Seelen angesetzt: Beharrungswille, Veränderungsdrang, Angst, Übermut. Aber wirksam werden können diese Kräfte nicht, die Unternehmensverfassung, die keine echte Nummer eins zulässt, hebt sie reibungslos auf: "Solange das so bleibt, ist das unreformierbar", stöhnt ein Stiftungsgesellschafter.

Wie alle Geschäftsprinzipien, die kein Machtzentrum kennen, führt auch das solitäre FAZ-Modell zum Wurschteln auf hohem Niveau, vergleichbar mit der kühlen Ineffizienz einer Behörde. In guten Zeiten kriegt vom Stillstand keiner etwas mit. In schlechten aber bricht das Chaos los.

Seit dem Abschied des langjährigen Geschäftsführers Hans-Wolfgang "Mr. FAZ" Pfeifer 1994 fehlt dem Verlag eine Führungspersönlichkeit, die mit den starken Herausgebern konkurrieren kann: 1995 wurde Pfeifer-Nachfolger Dietmar Kablitz gefeuert; 1998 Kablitz-Nachfolger Frank Meik.

Planmäßig wie Treibholz

Alle, auch Becker, touchierten allenfalls die Randgebiete einer durchdachten Strategie. Trotz aller Diversifikationsbemühungen blieb die Gruppe im Kern ein Ein-Produkt-Unternehmen: TV-Beteiligungen (RTL, Sat 1) wurden früh verkauft, andere kamen nicht zu Stande (N24); eigene Formate, wie Tele FAZ, floppten.

Eingestellt wurden die "Neue Ärztliche" (1991), die "Neue Zeit" (1994), die "Medienkritik" (1995), der "Blick durch die Wirtschaft" (1998), das "FAZ-Magazin" (1999), die Beilage "Bilder und Zeiten" (2001), die "Rhein-Main-Zeitung" (2001), das "FAZ"-Ressort "Berliner Seiten" (2002) und im August das Anzeigenblatt "Sunday", das immer ein Pflegefall war und den Verlag geschätzte 40 Millionen Euro gekostet hat. Kurz, die FAZ-Gruppe bewegt sich seit Jahren so planmäßig voran wie eine größere Menge Treibholz.

Der Tätigkeitsnachweis Beckers listet zwar auch gute Taten auf, doch viele hatten einen Haken: So sorgte der Mann dafür, dass sein Minderheitsgesellschafter, die Frankfurter Societäts-Druckerei, die "FAZ" endlich zu Markt- und nicht mehr zu Wucherpreisen druckte. Doch Vertrieb und Anzeigenmarketing brachte er nicht in Ordnung: "Da sitzen nette Herren", klagt ein Manager und fügt hinzu: "... aber meistens nur 'rum."

Die Einführung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" im September 2001 war wunderbar - fiel freilich mitten hinein in den Werbeabschwung. Verlust des Projekts bislang: wohl an die 20 Millionen Euro. Schlechtes Timing bewies Becker auch in puncto Internet. Lange hatte er gezögert, was gut, doch dann verspätet eingegriffen, was ganz besonders schlecht war. Im Netz versenkt die "FAZ" derzeit gut vier Millionen Euro.

Zwar hat die FAZ-Gruppe keine nennenswerten Schulden; die Eigenkapitalquote liegt bei 52 Prozent. Von seinen üppigen Reserven, sagt ein Aufsichtsrat, angelegt vor allem in Immobilien und wohl einige hundert Millionen Euro schwer, könne das Unternehmen noch zwei Jahre zehren. Doch die Zeit drängt. Ein Ende der Werbekrise ist nicht in Sicht.

Notvorsteher Bernhardt, Fachmann für hoffnungslose Fälle, soll dem restlos düpierten Anstaltsleiter Becker (Jahressalär: rund 500.000 Euro) nun zeigen, wie Sanieren geht. Stiftungschef Krause sagt zwar: "Becker ist der richtige Mann." Vielleicht dreht es sich hierbei aber um einen chiffrierten Subtext. Womöglich will Krause sagen: Einen Besseren haben wir nicht.

Was nicht zum Kerngeschäft gehört, soll verkauft werden: Im Angebot hätte Bernhardt die Deutsche Verlags-Anstalt, den Buchhändler Habel, die Verlage Manesse und Kösel sowie die mit einem Verlust von wahrscheinlich zwei bis drei Millionen Euro vor sich hin funkenden FAZ-Radios (siehe: "Ballast von Bord"). Doch auf dem brachliegenden Medienmarkt sind derzeit keine attraktiven Verkaufserlöse zu erzielen.

Bernhardt will ans Personal, wie eine Schippe an den Schnee. Rund 100 Beschäftigte sind bisher entlassen worden. "Das ist nicht zu Ende", sagt ein Vertrauter Bernhardts. Bis 2001 schwoll die Zahl der "FAZ"-Redakteure, von denen fast jeder einen Dienstwagen fährt, auf 458 an. "Hier sitzen Leute, die zehn Artikel im Jahr schreiben und dafür 8000 Euro im Monat kassieren", sagt ein Redakteur.

Hilfeschreie aus der Hellerhofstraße

Immer wieder dringen in jüngster Zeit Hilfeschreie aus dem Gebäudekomplex in der Hellerhofstraße: So regte der Feuilleton-Chef auf einer Redakteursversammlung an, man möge sein Ressort von Sparmaßnahmen verschonen, weil doch Kultur von Natur aus subventioniert werde.

Von "Diktatur" geht schon die Rede; Bernhardt wolle das Gleichgewicht zwischen Geschäftsführung und Herausgeberschaft aushebeln.

Richtig ist, dass der Sanierer aus der FAZ-Gruppe ein richtiges Unternehmen machen will, mit Führungs- und Steuerungssystemen und allen modernen Schikanen, zum Beispiel einem Chefredakteur. Alles soll straff und gut werden. Fragt sich nur: Wie?

Auch das Herausgeberstatut könnte fallen. Wenn die Geschäftsführung den Herausgebervertrag mit sechsmonatiger Frist zum Ende eines Halbjahres kündigt, dürften die Galionsfiguren freilich mit vollen Ruhebezügen in die Frührente tanzen. Bernhardt zögert: Er weiß, die "FAZ" verdankt ihr Prestige vor allem ihren egostarken Herausgebern.

Er weiß auch, dass Kostendrücken mit Strategie und der Erschließung neuer Geschäftsfelder nichts zu tun hat. Selbst wenn es ihm gelänge, sich von Verlustbringern zu trennen - so führte er das Unternehmen doch nur dorthin, woher es kam.

Vielleicht, mag der Hilfssanierer hoffen, geht die Werbekrise ja vorüber, bevor eine Änderung des Betriebssystems unvermeidlich wird. So könnte man weiterwurschteln wie bisher - was in den Augen der hessischen Traditionalisten zweifellos die süßeste aller Optionen ist.

Für den Ernstfall sei aber bereits eine andere Frankfurter Institution rettend unterwegs, raunt es in Bernhardts Umgebung: Hilmar Kopper, der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank, solle nach einem stillen Gesellschafter suchen. Sicherheitshalber.

Führungschaos: Die "FAZ" stiftet Verwirrung Ballast von Bord: "FAZ"-Sanierer will aufräumen Das Massaker: Kollektives Leid am Medienmarkt 


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