Freitag, 19. April 2019

Tui Reisefieber

4. Teil: Urlaub auf der Plattform

Urlaub auf der Plattform

Frenzels Lösung ist nahe liegend: Er will die Touristik profitabler machen. Das griffige Schlagwort hat er bereits zur Hand - Plattformstrategie.

Urlaubs-Sperre: Entwicklung von Umsatz und Gästezahl bei Tui Deutschland
Nach dem Vorbild der Autoindustrie will er die Komponenten der Pauschalreise im ganzen europäischen Tui-Reich standardisieren - ohne dass die Kunden es recht merken. Was zentral zu erledigen ist, soll zentral erledigt werden: Einsatz und Management der rund 90 eigenen Flugzeuge quer durch alle Fluggesellschaften (Hapag-Lloyd, Britannia, Corsair und andere); der Einkauf und die Disposition von Hotelkapazitäten; die Verwaltung vor Ort in den Urlaubsregionen.

"Schauen Sie sich in unserer Zentrale um", lädt Michael Frenzel ein, "sie werden sehen, wie viele Mitarbeiter sich hier zu neuen Arbeitsgruppen zusammengefunden haben."

Viele Fachleute sind dennoch skeptisch. Die Reisebranche, die mehr als 150 Jahre von selbstständigen Unternehmern geprägt war, findet nur mühsam in industrielle Strukturen. Zu sperrig, zu eigen scheint die Materie, um sie leichthin in eine große Maschinerie zu zwängen.

Noch vor wenigen Jahren vertrauten die Reiseveranstalter ihren so genannten Bauchtouristikern: erfahrenen Reiseleitern und Kaufleuten, die oft intuitiv entschieden. Heute steuern Computerprogramme und Detailexperten - zu hohen Verwaltungskosten, mit unsicherem Erfolg.

Die Kundschaft ist unberechenbarer denn je. Ein Drittel der deutschen Pauschalurlauber bucht inzwischen erst in den letzten vier Wochen vor der Abreise. Noch vor drei Jahren legten sich 80 Prozent der Gäste zeitig fest.

Flexibilität ist gefragt - nicht gerade die Domäne von Großkonzernen. Indizien sprechen dafür, dass clevere kleinere Reiseanbieter besser durch die Krise kommen als die großen. Kenner rühmen etwa den Veranstalter "Berge & Meer", der zu 40 Prozent Tui gehört. Der Spezialist soll auch in diesem Sommer hohe Zuwächse eingefahren haben.

Europaweite Konzernintegration? Die Urlauber bleiben, bei allem Drang in die Ferne, urnational. Deutsche Durchschnittstouristen wollen nicht mit Engländern ins gleiche Hotel, Engländer nicht mit Deutschen. Auch das behindert Synergien.

Sogar das Management ist vom Handtuchkrieg infiziert. Insider berichten von andauernden Rivalitäten zwischen Thomson Travel und Tui Deutschland. Die Briten sperrten sich beharrlich gegen mehr Einflussnahme vom Kontinent - und damit gegen beherzte Standardisierung.

© manager magazin 11/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung