Sonntag, 21. April 2019

Tui Reisefieber

3. Teil: Bescheidene Bilanz

Bescheidene Bilanz

Bereits die Bilanz des vergangenen Jahres zeigt, wie klamm die Touristik dasteht. Das offizielle Rechenwerk strunzt mit einem operativen Ergebnis der Touristiksparte von rund 530 Millionen Euro vor Steuern. Unauffällig bleibt, dass diese Zahl weder Kreditzinsen noch Goodwill-Abschreibungen oder bestimmte Gemeinkosten des Konzerns enthält.

Luft-Taxi: Mit der Billig-Airline Hapag-Lloyd Express wagt Tui ein riskantes Engagement. Es droht ein erbitterter Clinch mit der Lufthansa.
Das Resultat wäre sonst auch zu kläglich. Eine Bilanzanalyse des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt: Werden die Lasten, die zum großen Teil aus der forschen Expansion stammen, anhand plausibler Annahmen der Sparte angerechnet, hat die Touristik 2001 sogar Geld verloren (siehe: "Wie einträglich die Tui-Touristik wirklich ist").

Michael Frenzel weiß, dass Tui nicht gegen die Bürde von reichlich fünf Milliarden Euro Schulden anverdienen kann, es sei denn, halb Europa flöge schlagartig mit Tui in Sonderurlaub. "Unser oberstes Ziel", verkündet er, "ist der weitere Schuldenabbau."

Er will noch mehr Relikte der alten Preussag losschlagen. Der Verkauf diverser Industrieunternehmen, Anteilspakete und Immobilien soll den Schuldenstand binnen Jahresfrist auf rund vier Milliarden Euro drücken. Noch mehr Erlass verheißt die Energiesparte, zu der vor allem zahlreiche deutsche Erdgasfelder gehören. Ihr Verkauf, derzeit im vollen Gang, könnte bis zu zwei Milliarden Euro weitere Tilgung bringen.

Schon jubelt die Finanzpresse: ein "Befreiungsschlag" ("Börsen-Zeitung"). Alten Preussag-Mitarbeitern hingegen, im Hausjargon "Preuss-Säcke" genannt, graust. Mit der Energiesparte gibt Tui einen bewährten Rückhalt auf. "Preussag wäre in den vergangenen 30 Jahren dreimal völlig insolvent gewesen", warnt ein ehemaliger Controller, "wenn es den Energiebereich nicht gegeben hätte." Es sei "die größte Narretei, die man an den Tag legen kann", schimpft er, ein solches Geschäft abzugeben.

Der Verkauf der Energiesparte, so sinnvoll er sein mag, hebt das Risiko im Reformhaus Tui auf eine neue Stufe. Künftig wird die Touristik den Konzern nahezu allein ernähren müssen, auch in Krisenzeiten. Das letzte große Zweitgeschäft, die Schifffahrts- und Logistiksparte Hapag-Lloyd, fällt als Gegengewicht aus. Die Hamburger Tochter erweist sich gerade jetzt als mindestens ebenso krisenanfällig wie die Touristik.

© manager magazin 11/2002
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