Freitag, 19. April 2019

Tui Reisefieber

2. Teil: Riskantes Reformwerk

Riskantes Reformwerk

Branchenkenner indes nehmen ihm die Nonchalance nicht ab. Sein Reformwerk erscheint plötzlich reichlich riskant. Michael Frenzel muss erneut beweisen, was schon bewiesen schien: dass sich der Umbau von Preussag in Tui auszahlt. "Der Frenzel", raunt eine Tui-Führungskraft, "steht tierisch unter Druck."

Der Wendepunkt im jungen Leben des Feriengiganten liegt weiter zurück als der 11. September 2001. Es war das Wochenende des 13. und 14. Mai 2000, als Michael Frenzel seinen Konzernumbau krönte - und zugleich mit einer gewaltigen Hypothek belastete.

Im Handstreich kaufte er den Primus der britischen Reisebranche, die Thomson Travel - für horrende sechs Milliarden Mark. Die Finanzierung war dennoch mühelos, Geld gab es im Euphoriejahr 2000 auf Zuruf. Kaum zwei Stunden, erinnert sich Finanzchef Rainer Feuerhake, telefonierte er mit Bankern, dann stand die gesamte Summe als Kredit parat.

Die Folgen des Blitzkaufs jedoch werden Tui noch lange beschäftigen. Der Konzern ist hoch verschuldet. Kaum ein Dax-Wert hat ein derart ungünstiges Verhältnis von Schuldenstand und Börsenwert. Alle Tui-Aktien zusammen sind rechnerisch weniger als 3 Milliarden Euro wert, die Verbindlichkeiten betragen heute netto 5,3 Milliarden Euro.

Es dürfte klar gewesen sein, dass die teure Expansion auf Dauer nur zu verkraften ist, wenn die exzellente Reisekonjunktur anhält. In der Tat: Im Schnitt der vergangenen Jahre ist der Reisemarkt regelmäßig um 6 Prozent gewachsen. Bis zum 11. September.

Seither reißt eine Lücke im Geschäftsplan auf. Vorstandschef Frenzel müht sich zwar, sie kleinzureden. "Ich bin zuversichtlich", frohlockt er, "dass wir bis zum Jahresende viel wettmachen können." Das mag eintreffen - verglichen mit dem Vorjahr. Zum stillschweigend angenommenen Wachstumspfad, dem wahren Maß der Dinge, klafft weiterhin ein schaurig leeres Nichts.

© manager magazin 11/2002
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