Editorial Wer einmal ...

Mit Superlativen bei der historischen Einordnung aktueller Geschehnisse sollte man vorsichtig sein.
Von Wolfgang Kaden

Dennoch sei die Behauptung gewagt: Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Vertrauen in die Wirtschaftseliten der westlichen Welt so erschüttert wie derzeit; nie zuvor in den vergangenen 60 Jahren hat eine Glaubwürdigkeitskrise die Volkswirtschaften so tief nach unten gerissen.

Natürlich, es gibt harte Fakten, mit denen sich der Niedergang begründen lässt: die Überinvestitionen im Hightech- und Telekom-Segment; der Crash an den Börsen; die schwache Konsumnachfrage in Europa; die hohe Verschuldung vieler Unternehmen; in Europa und Asien das Ausbleiben unvermeidlicher struktureller Reformen.

Doch über all dem wölbt sich das durchgängige Motiv des Vertrauensbruchs. Analysten, Investmentbanker, Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsräte ­ auf wen ist noch Verlass? Wie ein roter Faden zieht sich daher auch das Thema Glaubwürdigkeit durch viele Beiträge in dieser Ausgabe von manager magazin.

Es gibt wahrlich viel aufzuarbeiten. "Ganz natürliche zivilisatorische Grenzen" seien in den vergangenen Jahren "verloren gegangen", sagte kürzlich der renommierteste deutsche Gesellschaftsrechtler, der Bonner Professor Marcus Lutter. Und diese Grenzmarkierungen sind nicht nur in den USA weit überschritten worden, wie deutsche Führungskräfte gern glauben machen wollen.

Gewiss, im Musterland des Kapitalismus nahm das Unheil seinen Lauf, und dort waren die Exzesse am schlimmsten. Doch manch einer aus dem deutschen Unternehmensestablishment hat sich als eilfertiger Nachahmer versucht. Verwiesen sei hier nur auf die Aktienoptionsprogramme großer Dax-Konzerne. Hinter technokratischen und juristischen Satz-Ungetümen im Geschäftsbericht versteckt, erweisen sich diese Programme bei genauem Hinsehen als beispiellose Versuche der Selbstbereicherung. Erstaunlich, was dem Aktionär so alles zugemutet werden kann.

Oder doch nicht? Dass niemand mehr Aktien kaufen mag, dass die Kurse seit Wochen in der Panikzone oszillieren ­ verwunderlich ist das nicht. Das Publikum hat längst gemerkt, dass die Shareholder-Value-Idee als Programm zur Ausbeutung der Aktionäre durch die Vorstände uminterpretiert wurde.

Einzige Hoffnung: dass sich der Kapitalismus, wieder mal, als ein letzten Endes doch lernfähiges System erweist. Zu lernen wäre vor allem, dass eine Marktwirtschaft nicht allein nach den Rechenmodellen von Ökonometrikern funktioniert; dass der Angebots-Nachfrage-Mechanismus der Unterfütterung durch einen Wertekanon bedarf. Bei allem Gewinnstreben: Glaubwürdigkeit bleibt ein unverzichtbarer Produktionsfaktor.