Therapie Trockene Wahrheit

Den Ausstieg schafft keiner allein. Wer von seiner Sucht loskommen will, braucht professionelle Hilfe. Einige Kliniken wenden sich gezielt an Führungskräfte. Sie bieten eine intensive, schnelle Behandlung und ein gehobenes Ambiente.

Ein See, ein Wald, ein Dorf und ein paar Sommergäste: Wendisch Rietz ist ein brandenburgisches Idyll - und für viele suchtkranke Manager die letzte Hoffnung. In der Abgeschiedenheit der Provinz kämpfen sie gegen ihre Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit.

Im Herbst 1997 eröffnete hier, 50 Autominuten südöstlich von Berlin, die Oberbergklinik. Führungskräfte, Ärzte, Richter, Lehrer kommen nach Wendisch Rietz, um sich von Ängsten, Depressionen oder Süchten zu befreien. Ein unscheinbares Schild weist den Weg von der Landstraße zum Klinikgelände am Seeufer: Diskretion gehört zum Geschäft.

Das Psycho-Krankenhaus ist eines von zahlreichen Hospitälern in Deutschland, die sich auf die Behandlung und Rehabilitation von Abhängigen spezialisiert haben (siehe Adressen Seite 228). Die Oberbergklinik sticht heraus, weil sie nur Privatpatienten und Selbstzahler aufnimmt und mit ihren 60 Betten eine gewisse Exklusivität bietet.

Als Adresse für einen luxuriösen Kuraufenthalt präsentiert sich die Klinik nicht. Ein Einzelzimmer, Sauna und Gymnastikraum sowie gutes Essen sind alles, was der Patient erwarten darf.

Und das ist schon viel: Die kalifornische Betty-Ford-Klinik, berühmt geworden als Refugium drogenkranker Hollywood-Prominenz, kennt nicht einmal Privaträume. Selbst Diva Liz Taylor wohnte im Doppelzimmer.

Die Askese hat Methode. Mag jemand "draußen" noch so viel Ruhm, Reichtum und Macht angehäuft haben, in der Klinik ist er einer von vielen: ein Trinker oder ein Pillenschlucker eben. Wer sich aus dem Lügen- und Verdrängungskreislauf der Abhängigkeit befreien will, sagen Suchtexperten, soll erst einmal einsehen, dass er ein ernsthaftes Problem hat. Luxus stört da nur.

Zum Genießen haben die Patienten ohnehin kaum Zeit. Die Arbeit am süchtigen Ich ist so anstrengend wie ein Full-Time-Job. "Der Patient muss lernen, in Zukunft mühelos auf seine Droge zu verzichten", sagt Oberbergklinik-Chefarzt Bernd Sprenger.

"Sucht ist ein psychischer Mechanismus"

Schwerstabhängige verbringen ihre ersten Tage auf der Entgiftungsstation. Dort werden sie intensivmedizinisch betreut, Medikamente und Krankengymnastik lindern die Schmerzen. Danach ist der Patient körperlich drogenfrei. Seine Seele ist noch lange nicht nüchtern.

Wie schwer es ist, sich aus dem Klammergriff der Sucht zu lösen, hat Vertriebsmanager Thomas Dorn* (52) an sich selbst erfahren. Acht Wochen dauerte sein Aufenthalt in der Fachklinik Bad Tönisstein. Fünf Wochen brauchte er, bis er sich zu dem Satz durchrang, der seinem Leben eine neue Richtung geben soll: "Ich werde niemals wieder einen Schluck Alkohol trinken, sonst laufe ich Gefahr, rückfällig zu werden."

"Sucht ist ein psychischer Mechanismus mit biologischen Grundlagen, den Menschen erlernt haben - und den sie auch wieder verlernen können", sagt Thomas Lohmann, Chefarzt der Nexus-Klinik in Baden-Baden.

Dieser Lernprozess kann allerdings nur gelingen, wenn sich der Abhängige auf die Heilmethoden der Kliniken einlässt: drei bis fünf Einzelsitzungen beim Psychologen pro Woche, Gruppengespräche mit anderen Patienten, allerlei Übungen für Körper und Seele, wie Töpfern, Frühsport und autogenes Training.

Nexus-Chefarzt Lohmann muss vor allem bei Managern manchen Vorbehalt ausräumen. Doch die meisten machen schließlich mit, wenn sie merken, dass es den Therapeuten nicht darum geht, "ziellos in ihrer Persönlichkeit herumzustochern", so Lohmann, "sondern zu fragen, welchen Sinn die Droge einst im Leben des Betroffenen hatte und wie es künftig ohne sie gehen könnte."

Auch Christian Elsberg* (37) war zunächst skeptisch, als er sich im vergangenen Jahr in die Nexus-Klinik einweisen ließ. Er kam, weil er fürchtete, dass sein täglicher Liter Wein der Beginn einer Alkoholiker-Karriere sein könnte.

"Psycho-Gequatsche", hatte Elsberg geglaubt, sei so ziemlich das Letzte, was einer wie er - erfolgreicher Jurist und Unternehmer mit 16-Stunden-Tag - jemals nötig haben würde. "Ich ging mit der Einstellung hin: ,Hallo, Herr Doktor, ich habe ein Problem und 14 Tage Zeit. Machen Sie es weg.'"

Elsberg blieb fünf Wochen.

Einen Fernseher gab es nicht auf seinem Zimmer. Telefonate mit seiner Frau erlaubte er sich nur einmal die Woche. Laut Therapie-Stundenplan sollte er sich schon zum Frühstücken eine ganze Stunde nehmen - Elsberg hatte auf einmal so viel freie Zeit wie noch nie in seinem Leben.

* Name von der Redaktion geändert.

"Wieder Herr seiner selbst werden"

Was tun? Er überwand sich und ging zur Atemtherapie und zum kreativen Malen, zur Problemlösegruppe und in den Gymnastikraum. "Manchmal schoss mir der Gedanke durch den Kopf: 'Mein Gott, wenn mich jetzt meine Freunde sehen würden, das wär ja eine Katastrophe.' Aber eigentlich habe ich es gern gemacht."

Auch die Gruppengespräche mit anderen Patienten empfand Elsberg als Erleichterung. "Der innere Druck ließ nach, ich fühlte mich nicht mehr als Versager."

Und er begann, über sich nachzudenken. Wie viel Rotwein wäre auf Dauer nötig, um das Image des auf jeder Party präsenten Erfolgsmenschen aufrechtzuerhalten? Könnte es in Zukunft anders aussehen, das Leben des "strebsamen Jungen aus der Provinz"?

Rückblickend empfindet Elsberg den Aufenthalt in der Psycho-Klinik als eine "Insel der Glückseligkeit. Ich konnte mal anhalten. Das hat mich vor dem Scheitern bewahrt".

Je ehrlicher ein Patient die Motive für seine Sucht analysiert, desto souveräner wird er die Zukunft in Angriff nehmen, sagt Nexus-Chefarzt Lohmann: "Der Patient muss weg von der Einstellung, Opfer einer undurchschaubaren Macht zu sein. Er muss wieder Herr seiner selbst werden."

Um Rückfällen vorzubeugen, drängen seriöse Fachkliniken ihre Patienten, sich nach der Entlassung einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Viele Krankenhäuser arbeiten mit niedergelassenen Psychotherapeuten zusammen und halten Kontakt zu ihren Ex-Patienten.

Selbst wenn der Abhängige dank der Unterstützung von Mitstreitern mit sich ins Reine kommt, so ist er doch nur einen Teil des Weges gegangen. Nach der Rückkehr aus der Klinik will das Umfeld überzeugt werden, dass er wirklich clean ist, dass er wieder funktioniert.

Ein hartes Stück Arbeit, das Managern noch am besten gelingen mag. Wenn die Firma ihrem Mitarbeiter die Stange hält, wenn Familie und Freundeskreis den Gestrauchelten wieder aufnehmen, sind dies starke Motive, durchzuhalten.

Trotz aller guten Vorsätze und therapeutischen Anstrengungen - viele Entwöhnte überstehen nicht einmal das erste halbe Jahr ohne ihre Droge. Einer Münchener Langzeitstudie zufolge bleibt nur jeder zweite Trinker nach stationärer Entwöhnung dauerhaft abstinent. Die anderen brauchen mehrere Anläufe oder schaffen es nie.

Service: Wo Suchtgefährdete und -kranke Rat finden


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