Sonntag, 21. April 2019

Sucht "Fast hätte ich mich totgesoffen"

5. Teil: Im Hirn ätzt der Gedanke an die Droge

Tückischerweise gaukelt die Droge dem abhängigen Manager eine Weile lang vor, es gehe ihm gut. Vor allem Leistungsdrogen wie Kokain blasen das Ego zu wahrer Heldenhaftigkeit auf.

 "Als ich zugeben musste, dass ich Trinker bin, habe ich vor Scham geheult."
Regina Recht
"Als ich zugeben musste, dass ich Trinker bin, habe ich vor Scham geheult."
Doch irgendwann setzt die Abwärtsspirale ein. Neben körperlichen Beschwerden - Leberschäden, Magengeschwüren, Kreislaufproblemen, Nierenversagen, Zittern - wirkt die Droge massiv auf die Psyche.

Die äußeren Anzeichen des Niedergangs sind immer dieselben. Der Abhängige isoliert sich, meldet sich häufig krank, wirkt fahrig, unkonzentriert, vergesslich. Sein Umfeld verprellt er mit überraschend wechselnden Gemütszuständen: mal prahlerisch, mal gereizt, mal teilnahmslos.

Auch in dieser Phase arbeiten viele Betroffene weiter - noch. Im Hirn ätzt der Gedanke an die Droge, die Gier ist den ganzen Tag präsent. Schießt mit voller Kraft ins Bewusstsein, wenn der Suchtdruck steigt. Verblasst für kurze Zeit, wenn der Körper die Droge erhält.

Gegen Ende seiner Berufstätigkeit blieb auch Bollmann nichts anderes übrig, als seinen ganzen Tagesablauf um Trinkgelegenheiten herum zu organisieren. Aus längeren Sitzungen ließ er sich "wegen dringender Telefonate" herausrufen. Zum Mittagessen ging er nur noch mit Menschen, von denen er annahm, dass sie sein gehetztes Trinken höflich übersehen würden.

Zweieinhalb Flaschen Wein und ein bis zwei Liter Bier brauchte Bollmann am Tag, um einigermaßen zu funktionieren. Und immer noch redete er sich ein: "Eigentlich habe ich doch alles im Griff."

Der ganz gewöhnliche, traurige, armselige Selbstbetrug des Abhängigen - Bollmann hielt an ihm noch fest, als seine Welt zusammenbrach.

Am 2. Februar 1991 erhielt er die Kündigung: "Wegen der bekannten Alkoholprobleme". Im September scheiterte seine zweite Ehe.

Was tat Bollmann? Er flüchtete. Ein alter Freund bot ihm einen Job in Venezuela an. Und so flog er zurück in das Land seiner Albträume - mit 2000 Distraneurin-Entgiftungstabletten gegen Entzugsschmerzen im Koffer, die er bei Ärzten zusammengebettelt hatte.

Natürlich konnte er auch in Südamerika sein Problem nicht mehr verstecken. Als der Freund begriff, welches Wrack er sich in die Firma geholt hatte, warf er Bollmann raus.

Kein Geld, kein Job, schwerst abhängig - es hat nicht viel gefehlt, und Bollmann hätte sich in Caracas zu Tode getrunken.

© manager magazin 10/2002
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