Samstag, 24. August 2019

Sucht "Fast hätte ich mich totgesoffen"

4. Teil: "Mein Weg in die Gosse"

Welcher Art die Belastung ist, das variiert von Mensch zu Mensch. Sprenger hat einen Manager behandelt, der seine Anführerrolle nüchtern nicht spielen konnte. Ein anderer Patient verkraftete nicht, dass er im eigenen Unternehmen massiv Arbeitsplätze abbauen musste. Ein dritter fühlte sich von Kollegen und Vorgesetzten ausgebremst.

 "In die Entgiftung ging ich, weil andere es wollten. Ich glaubte ja, ich hätte kein Problem."
Regina Recht
"In die Entgiftung ging ich, weil andere es wollten. Ich glaubte ja, ich hätte kein Problem."
Rolf Bollmann setzten übermäßige Ansprüche an sich selbst unter Druck und Angst, ihnen nicht gerecht zu werden. Beides ließ sich mit Alkohol bekämpfen, das hatte er schon als Kind erfahren: Seine Mutter, eine gefeierte Operettenschauspielerin, traute sich nüchtern nicht auf die Bühne.

Die Angst vor dem Versagen packte Bollmann, als er nach dem BWL-Studium in den USA ins Berufsleben startete. Er erhielt einen Job als Produktmanager in New York, heiratete, wurde Vater. Seine Familie sah er kaum, weil er ranklotzte wie ein Besessener. "Ich wollte unbedingt Karriere machen, Zahlen bringen, aufsteigen."

Ohne grenzenlose Einsatzbereitschaft bliebe ihm der Erfolg versagt, glaubte er: "Ich dachte immer, wenn ich dies oder jenes nicht mache, ist vielleicht die Karriere im Eimer." Alkohol war damals schon dabei: "Als guter Freund, der mich den Druck nicht mehr fühlen ließ."

1977 wurde er als Landesgeschäftsführer nach Caracas geschickt. Eine tolle Chance, einerseits. Doch im Grunde war er mit dem Wechsel in das politisch instabile und kulturell fremde Land überfordert.

Er fürchtete sich vor Straßenüberfällen, vor Einbrüchen, vor der Entführung seiner Familie. Er saß in seiner Firmenvilla, Gitter vor dem Fenster, hörte die Schritte der ums Grundstück patrouillierenden Wächter - und geriet in Panik.

Überdies entpuppte sich der Job bald als Himmelfahrtsmission: Die Direktoren in New York hatten überzogene Umsatzziele gesetzt. Es war falsch, damals durchzuhalten, sagt Bollmann rückblickend: "Jeder normale Mensch hätte gesagt: No way, das ist nie zu schaffen."

Er arbeitete rund um die Uhr. Erreichte die Vorgaben. Und soff. Wein, Wodka, Kognak. Bald brauchte er Valium, um jeden einzelnen Tag zu überstehen. "In Venezuela begann mein Weg in die Gosse", sagt Bollmann rückblickend. Seine Familiengeschichte, das im Umgang mit Alkohol lockere Arbeitsumfeld und eine persönliche Krise - all dies verdichtete sich in seiner Biografie zur Katastrophe. Mit nur 37 Jahren hatte ihn die Sucht fest im Griff.

Menschen mit extremem, ja perfektionistischem Leistungswillen sind unter erkrankten Führungskräften mit einer gewissen Regelmäßigkeit anzutreffen, beobachten Praktiker wie Bernd Schneider, leitender Psychologe der Fachklinik Bad Tönisstein. Geht dieses übermäßige Streben nach Leistung und Anerkennung mit labilem Selbstvertrauen einher, sucht sich der innere Druck ein Ventil.

© manager magazin 10/2002
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