Mittwoch, 26. Juni 2019

Sucht "Fast hätte ich mich totgesoffen"

3. Teil: Der permanente Selbstbetrug

Trotz weiterer Entgiftungen und Rückfälle durfte Bollmann im Unternehmen bleiben, vier lange Jahre. Strafversetzt, degradiert, das schon - doch gefeuert wurde er nicht.

 "Erfolg haben, aufsteigen - diese Ziele haben mich beherrscht."
Regina Recht
"Erfolg haben, aufsteigen - diese Ziele haben mich beherrscht."
Warum? Weil er gebraucht wurde. Er sprach fünf Sprachen, konnte mitreißend präsentieren, lieferte brillante Ideen und arbeitete ohne Rücksicht auf Wochenende und Feierabend. Dass er immer mehr Zeit im Büro verbrachte, um wirr geratene Konzepte zu überarbeiten oder Krankheitstage wettzumachen - das war tragisch, aber im Grunde doch Privatsache.

Bollmann selbst hielt sich ohnehin nicht für süchtig. Hinweise übersah er: Die Diagnosen der Ärzte, die er wegen Magenbeschwerden aufsuchte, waren klar und deutlich - nicht für Bollmann.

In die Klinik ging er, "weil andere es wollten". Und wenn sich doch ein leiser Zweifel ins Bewusstsein zwängte, reduzierte er sein Problem darauf, dass sein Körper das Trinken vielleicht nicht so recht vertrüge. Dem konnte er abhelfen: "Dagegen, sagte ich mir, gibt es ja Entgiftungen."

Er habe stets geglaubt, sein "Leben mit kühlem Kopf und Willenskraft steuern zu können", sagt Bollmann. Dass er gegen eine kleine Flasche machtlos war, wollte er sich nicht eingestehen.

Heute weiß er, dass er sich permanent selbst betrogen hat. Und er hat gelernt, dass Intelligenz und Willensstärke einem Menschen helfen können, seine Sucht zu bewältigen. Die Erkrankung verhindern können sie nicht.

Süchtig - Mediziner sprechen von Abhängigkeit - ist nach einer gängigen Definition der Weltgesundheitsorganisation, wer sein Verlangen nach einer Droge nicht mehr kontrollieren kann und auf den Entzug mit körperlichen Beschwerden reagiert.

Wie es zum Kontrollverlust kommt, wie das gefährliche Wechselspiel aus Drogeneinnahme und Entzug, aus Verlangen und Scham in Gang gesetzt wird, warum der eine in die Abhängigkeit rutscht und der andere nicht - an den Antworten versuchen sich Wissenschaftler seit Jahrzehnten.

Mit mäßigem Erfolg. Der Weg in die Sucht bleibt ein Mysterium. Es gibt keine typischen Lebensumstände, sozialen Verhältnisse oder Erlebnisse, die einen Menschen abhängig machen. "Man wird es eben, es ist ein schleichender Prozess", sagt Brigitte Mugele, Suchtmedizinerin am Erlanger Klinikum am Europakanal.

In einem Punkt sind sich die Fachleute jedoch einig: Eine Suchterkrankung hat mit der Seele zu tun; zu Grunde liege stets ein emotionaler Konflikt, sagt Oberberg-Chefarzt Bernd Sprenger: "Jeder Mensch hat eine bestimmte Kapazität, Probleme zu bewältigen. Zu starke Belastungen können krank machen - eine mögliche Reaktion ist Sucht."

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