Dienstag, 25. Juni 2019

Sucht "Fast hätte ich mich totgesoffen"

2. Teil: "Eingesponnen wie in einen Kokon"

"Je höher einer in der Unternehmenshierarchie steht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er frühzeitig Hilfe bekommt", sagt Bernd Sprenger, Chefarzt der auf die Behandlung abhängiger Führungskräfte spezialisierten Oberbergklinik im brandenburgischen Wendisch Rietz.

 "Mein Weg in die Gosse begann, als ich nach Venezuela entsandt wurde."
Regina Recht
"Mein Weg in die Gosse begann, als ich nach Venezuela entsandt wurde."
Auch Rolf Bollmann gelang es lange Jahre, seine Abhängigkeit zu verheimlichen. Er tat alles, um Schein und Status zu wahren. Und mit jedem Tag taumelte er näher an den Rand des Abgrunds.

Am Anfang seiner Karriere, Bollmann war damals Mitte 30 und führte die Tochtergesellschaft seines Unternehmens in Venezuela, trank er, weil es dazugehörte. Beim Business Lunch stand wie selbstverständlich der "Bullshot" auf dem Tisch, eine Mischung aus Rindsbouillon und Wodka. Abends begrüßte ihn die Hausangestellte mit einem kühlen Gin Tonic.

Später, Bollmann hatte mittlerweile seinen vierzigsten Geburtstag hinter sich und als Marketingmanager in die Europa-Zentrale nach Brüssel gewechselt, trank er, weil er ohne konstanten Alkoholpegel nicht mehr arbeiten konnte. Jederzeit an den Stoff heranzukommen, war kein Problem. Gute Restaurants gab es in der Umgebung dutzendweise, die halbe Firma ging auswärts essen.

Dann kamen die Jahre, in denen es Bollmann nicht einmal mehr bis zum Mittagessen ohne Alkohol aushielt. Schon am Vormittag verschwand er aus dem Büro und schlich sich in den Supermarkt, um seine zitternden Hände mit einem Schluck aus der Schnapsflasche zu beruhigen.

Natürlich wusste seine Sekretärin, was los war. Sie brachte den Kaffee, roch seine Fahne, sagte nichts. Was hätte sie auch sagen sollen?

"Süchtige Manager", so der Psychologe und Coach Reinhard Fuchs, "werden von ihrem Umfeld oft eingesponnen wie in einen Kokon." Fuchs hat es immer wieder erlebt: Die anderen schauen weg, schweigen, leugnen: "Untergebene trauen sich nicht, das Problem anzusprechen. Den Vorgesetzten ist die Sache peinlich. Und die Kollegen nutzen die Schwäche des Abhängigen für ihre eigene Karriere."

In Bollmanns Fall wurden die Vorgesetzten erst aktiv, als sich die Beschwerden von Mitarbeitern häuften und verunsicherte Kunden über die abrupt wechselnden Stimmungen des Managers klagten. 1987 legte ihm der Vorstand einen Klinikaufenthalt nahe.

Folgsam ging Bollmann in die Entgiftung, saß auch die Zeit in der Rehabilitation ab, fühlte sich bestens und kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück. Vier Monate hielt er durch, dann fuhr er mit seiner Frau in den Urlaub nach Italien: "Wir saßen im Sonnenuntergang auf der Hotelterrasse, und ich sagte: 'Das ist alles so wunderschön hier, da kann ein Gläschen Rotwein nicht schaden.'"

© manager magazin 10/2002
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