Dienstag, 16. Juli 2019

Aktionärsschützer Etiketten-Schwindel

DSW und SdK spielen gern die Sittenwächter am Kapitalmarkt. Doch als neutrale Kontrollinstanz taugen die Anlegervereine keineswegs.

Der Karlsplatz ist eine begehrte Geschäftsadresse in München. Banken und Börse residieren in historischen Prachtbauten rund um den Stachus, wie die Einheimischen den Platz in der bayerischen Landeshauptstadt nennen.

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Auch Vorstände der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) dürfen ihre Visitenkarten mit der Anschrift "Karlsplatz" schmücken. Allerdings liegen die Geschäftsräume des Vereins in einem schmucklosen Hinterhof. Die Zentrale der SdK im 5. Stock eines angegrauten Bürohauses versprüht den Charme eines studentischen Investmentclubs. Überall türmen sich Akten und Zeitschriften, dazwischen hocken junge Menschen in engen Büros vor ihren Computerbildschirmen. Irgendwo blubbert eine Kaffeemaschine.

Markus Straub (33) passt perfekt in dieses Ambiente. Der Volkswirt will eigentlich an seiner Promotion basteln. Doch sein Nebenjob als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der SdK lässt ihm für seine Doktorarbeit keine Zeit.

Aus seinem Hinterhofbüro hat Straub den Kampf mit dem Heidelberger Finanzdienstleister MLP aufgenommen. Seit Monaten wühlt er sich durch Bilanzen des Dax-Unternehmens, wälzt Fachliteratur und Gutachten von Wirtschaftsprüfern.

Mehr als ein halbes Dutzend Aktenordner füllen seine Recherchen bereits. Für Straub ist klar: MLP habe Bilanzkosmetik betrieben, die Gewinne aufgebläht und die Anleger schlecht informiert. Und die Großaktionäre hätten sich auf Kosten der übrigen Anleger bereichert. Harte Vorwürfe, die der SdK-Mann auch öffentlich immer wieder erhoben hat - und die das Unternehmen stets zurückweist.

Aktionen wie die von Straub gegen MLP scheinen der neue Stil der selbst ernannten Aktionärsschützer zu sein. Früher als klein karierte Hauptversammlungsnörgler belächelt, sind die Aktivisten der Zunft zu ernst zu nehmenden Gegnern für Deutschlands Konzerne geworden. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Vertreter der SdK oder ihrer Konkurrenzorganisation, der Düsseldorfer Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Unternehmen öffentlich angreifen.

© manager magazin 10/2002
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