Aktionärsschützer Etiketten-Schwindel

DSW und SdK spielen gern die Sittenwächter am Kapitalmarkt. Doch als neutrale Kontrollinstanz taugen die Anlegervereine keineswegs.
Von Georg Jakobs und Jörg Schmitt

Der Karlsplatz ist eine begehrte Geschäftsadresse in München. Banken und Börse residieren in historischen Prachtbauten rund um den Stachus, wie die Einheimischen den Platz in der bayerischen Landeshauptstadt nennen.

Auch Vorstände der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) dürfen ihre Visitenkarten mit der Anschrift "Karlsplatz" schmücken. Allerdings liegen die Geschäftsräume des Vereins in einem schmucklosen Hinterhof. Die Zentrale der SdK im 5. Stock eines angegrauten Bürohauses versprüht den Charme eines studentischen Investmentclubs. Überall türmen sich Akten und Zeitschriften, dazwischen hocken junge Menschen in engen Büros vor ihren Computerbildschirmen. Irgendwo blubbert eine Kaffeemaschine.

Markus Straub (33) passt perfekt in dieses Ambiente. Der Volkswirt will eigentlich an seiner Promotion basteln. Doch sein Nebenjob als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der SdK lässt ihm für seine Doktorarbeit keine Zeit.

Aus seinem Hinterhofbüro hat Straub den Kampf mit dem Heidelberger Finanzdienstleister MLP aufgenommen. Seit Monaten wühlt er sich durch Bilanzen des Dax-Unternehmens, wälzt Fachliteratur und Gutachten von Wirtschaftsprüfern.

Mehr als ein halbes Dutzend Aktenordner füllen seine Recherchen bereits. Für Straub ist klar: MLP habe Bilanzkosmetik betrieben, die Gewinne aufgebläht und die Anleger schlecht informiert. Und die Großaktionäre hätten sich auf Kosten der übrigen Anleger bereichert. Harte Vorwürfe, die der SdK-Mann auch öffentlich immer wieder erhoben hat - und die das Unternehmen stets zurückweist.

Aktionen wie die von Straub gegen MLP scheinen der neue Stil der selbst ernannten Aktionärsschützer zu sein. Früher als klein karierte Hauptversammlungsnörgler belächelt, sind die Aktivisten der Zunft zu ernst zu nehmenden Gegnern für Deutschlands Konzerne geworden. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Vertreter der SdK oder ihrer Konkurrenzorganisation, der Düsseldorfer Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Unternehmen öffentlich angreifen.

Cui bono?

Cui bono?

Seit viele Aktien des Neuen Marktes zu Penny-Stocks mutierten und ein Bilanzskandal den nächsten jagt, reklamieren Aktionärsvereinigungen für sich gern die Rolle eines Tugendwächters auf dem Kapitalmarkt.

Taugen DSW, SdK & Co. wirklich als Anlegerschützer? Sind sie personell und fachlich für diese Aufgabe überhaupt geeignet? Oder dienen die Vereine vor allem der Profilierungssucht ihrer Sprecher und den Eigeninteressen ihrer Führungsleute?

Selbstzweifel sind den meisten Aktionärsschützern fremd. "Wir sind stolz", sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker (51), "dass wir über 50 Jahre lang unseren Job so gut gemacht haben, dass unsere Expertise in den Medien und bei der Politik gefragt ist." Seine Organisation, so der DSW-Mann, arbeite erfolgreich, seriös und verantwortungsbewusst.

Kritiker sehen das anders. Um die Aktionärsinteressen wirklich unabhängig zu vertreten, sei die DSW "viel zu eng mit dem Unternehmensestablishment verwoben", urteilt etwa der Würzburger BWL-Professor Ekkehard Wenger, selbst gefürchteter Hauptversammlungsaktivist.

Tatsächlich redet die Wirtschaft bei der DSW traditionell ein gewichtiges Wort mit. Dem 30-köpfigen Vorstand, laut Satzung "für alle Angelegenheiten von besonderer Wichtigkeit" zuständig, gehören bis dato unter anderem Ex-Kaufhof-Boss Jens Odewald und Linde-Vorstand Hero Brahms an.

Hocker kann an dieser Verflechtung eigentlich nichts Anrüchiges finden. Dennoch reformiert die DSW jetzt ihre Führungsstruktur, um den Verdacht mangelnder Unabhängigkeit zu entkräften: Der Vorstand wird aufgeteilt in ein managerfreies Präsidium und ein ausschließlich beratend wirkendes Kuratorium.

Die Vorwürfe einer allzu großen Nähe zur Wirtschaft sind mit dieser kosmetischen Maßnahme aber nicht aus der Welt. Immerhin haben die DSW-Granden mehr als 20 Aufsichtsratsmandate inne. Und die verschaffen ihnen wohl, wie das in der Deutschland AG nun mal so üblich ist, in der Regel die zu kontrollierenden Vorstände.

Hocker rechtfertigt die Mitarbeit in Aufsichtsräten: So könne die DSW schon im Laufe des Geschäftsjahres und nicht erst zur Hauptversammlung Aktionärsinteressen einbringen.

Völliger Blödsinn, meint Jochen Knoesel vom "Verein zur Förderung der Aktionärsdemokratie". Erkenntnisse aus den Aufsichtsräten dürften die DSW-Vertreter gar nicht anderweitig verwerten. Außerdem nehme die Beißhemmung der DSW-Sprecher zu, wenn die eigenen Leute bei der HV mit auf dem Podium säßen.

Nützliche Kontakte

Nützliche Kontakte

DSW-Kritiker glauben, dass es den Aktionärsfunktionären gar nicht so sehr um die kritische Beobachtung der Vorstände geht. Die Mandate brächten Hocker und anderen DSW-Oberen nützliche Kontakte in die Chefetagen der Konzerne. Und Geld.

Hocker betrachtet die AR-Vergütungen, von denen er einen Anteil an die Schutzvereinigung abführt, quasi als Bestandteil seines Geschäftsführergehalts. Er selbst hält sechs Mandate, darunter so lukrative wie Eon. Dort erhält ein Aufsichtsrat schätzungsweise 100.000 Euro. Auch sein Sitz bei KarstadtQuelle (etwa 60.000 Euro) lohnt sich für den DSW-Mann.

Vereinspräsident Roland Oetker gehört ebenfalls diversen Kontrollgremien an, darunter denen von VW und Degussa. Der Spross der Bielefelder Puddingdynastie war zuletzt allerdings eher eine Belastung denn eine Zierde für die DSW - wegen privater Geldgeschäfte, die ihm Ärger mit der Staatsanwaltschaft eintrugen.

Der Verdacht der Fahnder: Insiderhandel mit Aktien von Metallgesellschaft (MG) und Verseidag. Allein mit MG-Geschäften soll der DSW-Vormann fast 500.000 Mark verdient haben. Die Ermittlungen der zuständigen Düsseldorfer Staatsanwaltschaft werden wohl in diesen Tagen abgeschlossen.

Oetker hat den Vorwurf des Insiderhandels stets zurückgewiesen. Doch wie immer der Fall ausgeht, für die Schutzvereinigung ist er ein Imageproblem. Geriert sie sich doch gern als Sittenwächterin am Aktienmarkt. Aber nicht nur ihre Führungsleute, auch die Landesfürsten - allesamt Rechtsanwälte - verfolgen wohl auch Eigeninteressen. Für sie, lästert Wenger, sei die DSW-Vertretung "eine ideale Mandatsbeschaffungsmaschinerie".

Daniela Bergdolt etwa, Chefin der bayerischen Sektion, trat erst als DSW-Sprecherin beim Aktionärstreffen von EMTV auf. Dann vertrat sie als Anwältin 55 Kleinanleger bei einer Schadensersatzklage gegen das Medienunternehmen.

Die Kanzlei des Frankfurter DSW-Statthalters Klaus Nieding ernährt immerhin acht Juristen. Spezialgebiet: Anlegerschutz. Nieding bestreitet, dass sich das DSW-Engagement für ihn finanziell lohnt. Im Gegenteil: Er zahle dabei drauf. Ständig klingele das Telefon, weil Vereinsmitglieder um kostenlosen Rechtsrat nachfragten. Und wenn er Hauptversammlungen vorbereite und dort auftrete, bekomme er dafür einen läppischen Aufwandsersatz von 150 Euro.

Ganz so arm, wie Nieding es darstellt, macht ihn der DSW-Posten aber wohl nicht. Die vielen Fernsehauftritte sind die beste Werbung für seine Anwalts-AG. Kein Wunder, dass er bei Streitereien zwischen Anlegern und Unternehmen gut im Geschäft ist. So vertritt Nieding Besitzer einer Inhaberschuldverschreibung der insolventen Gontard & Metallbank. Und gegen die Fondsgesellschaft der Bank Julius Bär klagt er für den Schlagerproduzenten Jack White und mehr als 80 weitere Investoren wegen Falschberatung und Prospektbetrugs.

Profis und Amateure

Die wirklich lukrativen Mandate aber, heißt es in der Szene, würden den DSW-Juristen direkt von den Unternehmen zugeschanzt. Eine potenzielle Interessenverquickung; aber in der Düsseldorfer Zentrale findet man offenbar nichts Schlimmes dabei: Die DSW sei froh, hochkarätige Experten in ihren Reihen zu haben, die auch in der Wirtschaft gefragt seien.

So eng mit der Deutschland AG verflochten wie Hockers Mannschaft ist die Konkurrenz von der SdK nicht. Wenngleich auch die Münchener ein paar AR-Mandate halten und auch ihre Sprecher von den Unternehmen regelmäßig zu individuellen HV-Vorgesprächen mit Vorständen eingeladen werden - zwecks Abstimmung der Fragen.

Straub und seine SdK-Vorstandskollegen haben ganz andere Sorgen: Ihrem Verein mangelt es vor allem an qualifiziertem Personal. Im Vergleich zur Düsseldorfer Konkurrenz ist die Sprechertruppe der SdK eine bunt gemischte Laienspielschar. Um jährlich rund 900 Hauptversammlungen abdecken zu können, muss die Münchener Organisation auch auf Pensionäre und ausgemusterte Bundeswehroffiziere zurückgreifen.

Die Einstiegshürden gelten als ausgesprochen niedrig. Die Empfehlung eines aktiven SdK-Vertreters, ein paar Mal mit zur HV - und schon darf der Nachwuchs für die Schutzgemeinschaft selbst in die Bütt.

Auch durch das ungewöhnlich aggressive und teilweise ungeschickte Auftreten von Vereinsvize Straub in Sachen MLP fühlen sich die SdK-Kritiker bestätigt. Im Zuge der Affäre stellte sich heraus, dass Straub unter Pseudonym für das Anlegerblatt "Börse Online" gearbeitet hatte - eben jenes Magazin, das mit seiner Berichterstattung Mitte Mai einen Kurssturz bei MLP ausgelöst hatte.

Schnell machten Gerüchte die Runde, Straub habe auch an der MLP-Story mitgeschrieben. Der bestreitet zwar seine Autorenschaft; er habe lediglich Beiträge über den grauen Kapitalmarkt geliefert. Altgedienten SdKlern gefällt das Vorgehen ihres Vizechefs dennoch nicht. Sie werfen Straub vor, er habe sich an einer Kampagne beteiligt - von der auch dubiose Finanzjongleure profitiert hätten Aktionärsschützer auf Abwegen.

Auch mit der Unabhängigkeit, die die SdK gern für sich in Anspruch nimmt, ist es nicht weit her. Ihre Vertreter müssen sogar als Anzeigenakquisiteure für vereinsnahe Publikationen ran, weil das Geld sonst nicht reicht. Und das ausgerechnet bei Unternehmen, auf deren Hauptversammlungen sie sich öffentlich als Aktionärsschützer präsentieren.

Während die DSW dank ihrer größeren Mitgliederzahl und einer Beteiligung an den Aufsichtsratsbezügen ihrer Mandatsträger genügend Geld einstreicht, muss die SdK mit einem spärlicheren Etat leben.

Nur zu rund einem Viertel finanziert sie sich aus Beiträgen und Spenden der Mitglieder, der Rest stammt aus den Erträgen des vereinseigenen Aktiendepots und aus so genannten Medienpartnerschaften. So beschafft die SdK für das Fachblatt "Die Aktiengesellschaft" Unternehmensanzeigen und HV-Reden von Wirtschaftsgrößen - gegen eine Beteiligung an den Erlösen.

Fazit und Rollenkonflikte

Fazit

Mangelnde Distanz zur Wirtschaft, unzureichende personelle und finanzielle Ressourcen - erfahrene Aktionärsschützer wissen, dass die Schutzvereinigungen der Aufgabe einer Börsenpolizei nicht gerecht werden können, als die sie sich bisweilen gebärden.

Dazu fehlt ihnen obendrein jegliche Legitimation. SdK und DSW mit ihren zusammen knapp 40.000 Mitgliedern machen nur einen Bruchteil der 4,7 Millionen deutschen Aktienbesitzer aus. Die Organisationen haben weder einen öffentlichen Auftrag, noch unterliegen sie einer staatlichen Kontrolle.

Gewiss, irgendjemand muss sich kritisch mit den Unternehmen befassen. "Aber für uns Aktionärsvereinigungen", sagt etwa der Frankfurter SdK-Veteran Rudolf Heinz, "ist diese Aufgabe eine Nummer zu groß."


Rollenkonflikte

  • Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) sind nicht unabhängig. Sie finanzieren sich teils durch Zuflüsse aus Unternehmen.


  • Die selbsternannten Aktionärsschützer benutzen ihre Position allzu oft für Eigeninteressen oder zur Selbstdarstellung.


  • DSW und SDK handeln ohne Legitimation. Sie haben wenige Mitglieder und keinen öffentlichen Auftrag.

Im Profil - SdK und DSW

SdK: Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre e. V.

Gründung: 1959

Mitglieder: 1800, inklusive angeschlossener Investmentclubs: 11.000.

Vereinszweck: Wahrnehmung der Aktionärsinteressen, Vertretung von Mitgliedern gegenüber dem Gesetzgeber, den Mehrheitsaktionären und Unternehmensvorständen.

Aktivitäten: Etwa 900 Hauptversammlungsbesuche pro Jahr, Stimmrechtsvertretung, HV-Opposition, Klagen bei Verstößen gegen Aktionärsrechte, Beratung der Mitglieder in Wertpapierfragen.

Finanzierung: Etwa ein Viertel durch Mitgliedsbeiträge (mindestens 50 Euro pro Monat) und Spenden, der Rest aus den Erträgen des vereinseigenen Wertpapierdepots (rund 1000 Einzelwerte, siebenstelliges Gesamtvolumen) und so genannten Medienpartnerschaften (zum Beispiel Erlöse aus Anzeigen oder Abdruck von HV-Reden).

Mitarbeiter: Etwa 60 ehrenamtliche Hauptversammlungssprecher.

Führung: Vorstandsvorsitzender: Klaus Schneider; Stellvertreter: Markus Straub.



DSW: Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e. V.

Gründung: 1947

Mitglieder: Rund 28.000, etwa 18.000 Einzelmitglieder, die übrigen aus über 600 Investmentclubs.

Vereinszweck: Wahrnehmung der "schutzbedürftigen ideellen und materiellen Interessen der Wertpapierbesitzer".

Aktivitäten: Über 1000 Hauptversammlungsbesuche pro Jahr, Stimmrechtsvertretung, HV-Opposition, Klagen bei Verstößen gegen Aktionärsrechte, Rechtsberatung für Mitglieder, Lobbyarbeit (Mitwirkung bei Finanzmarktgesetzen), Dachverband der Investmentclubs.

Finanzierung: Rund zwei Drittel aus Mitgliedsbeiträgen (80 Euro/Jahr), der Rest aus Beteiligung der DSW an Aufsichtsratsbezügen ihrer Funktionäre und Erlöse aus Beteiligung an der Zeitschrift "Wertpapier".

Mitarbeiter: Landesgeschäftsführer (Rechtsanwälte) und sonstige ehrenamtliche HV-Vertreter.

Führung: Ehrenamtlicher Präsident: Roland Oetker; vier hauptamtliche Geschäftsführer (Hauptgeschäftsführer: Ulrich Hocker).

SdK: Das merkwürdige Verhalten im Fall MLP


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