Interview Wie wir 2010 telefonieren

Was kommt nach UMTS? Yrjö Neuvo, Technikchef des finnischen Mobilfunkriesen Nokia, wagt im Gespräch mit manager magazin einen Blick in die Zukunft der mobilen Telefonie.
Von Anne Preissner und Ursula Schwarzer

mm:

Herr Neuvo, Sie und Ihre Kollegen arbeiten bereits an der übernächsten Generation von Mobiltelefonen. Warum diese Eile? Bislang sind noch nicht einmal die neuen UMTS-Handys auf dem Markt.

Neuvo: Wir werden mit der vierten Generation, wir sprechen von 4G, wieder einen Wandel erleben. Die Bandbreite der Funknetze wird wesentlich größer sein, sodass Sie sogar Kinofilme ohne Ruckeln auf dem Handy ansehen können. Vielleicht werden die 4G-Handys einen dreidimensionalen Bildschirm haben. Im Labor entwickeln wir schon solche Technologien.

mm: Videos auf dreidimensionalen Handy-Bildschirmen sind eine Spielerei - aber keine technische Revolution.

Neuvo: Das sehe ich anders. Im Übrigen sind die Displays ja nur eine von vielen Neuerungen. Am wichtigsten ist, dass es künftig im Internet immer komplexere Angebote geben wird. Wir wollen Handys entwickeln, die all diese anspruchsvollen Services nutzen können.

mm: Aus dem Telefon wird ein mobiler Hochleistungscomputer?

Neuvo: So könnte man sagen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Reise nach Finnland machen. Sie geben in Ihr Handy ein, wann Sie an welchem Ort sein möchten, wo Sie angeln wollen. Die Software vergleicht dann verschiedene Web-Angebote und nennt Ihnen die passenden Flugzeiten, die besten Hotels und die schönsten Fischgewässer. Wenn Sie mit den Vorschlägen einverstanden sind, übernimmt der virtuelle Agent auch die Buchung für Sie. Viele dieser Anwendungen wird es auch schon mit UMTS geben.

mm: Wann können wir die ersten 4G-Handys kaufen?

Neuvo: Frühestens im Jahr 2010. Wir stecken wirklich noch in einem frühen Forschungsstadium.

mm: Wie viele Leute bei Nokia  tüfteln an der übernächsten Handy-Generation?

Neuvo: Das kann ich nicht beziffern, weil sich Projekte überlappen. Insgesamt beschäftigen wir in Forschung und Entwicklung 19.000 Mitarbeiter, rund ein Drittel der gesamten Belegschaft. Unser Kapital sind nicht nur die Fabriken, sondern vor allem das Wissen unserer Leute. Wir gaben 2001 die Rekordsumme von drei Milliarden Euro für die Forschung aus, 16 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Immer die Ersten sein

mm: Uns wundert, dass Nokia so einen Aufwand mit der Entwicklung künftiger Mobiltelefone treibt. Warum kümmern Sie sich nicht vordringlich um die zahlreichen Fehler der jetzigen Handys?

Neuvo: Sie spielen darauf an, dass der heutige GSM-Standard in Verbindung mit GPRS nicht richtig funktioniert?

mm: Ja, genau. Versuchen Sie doch mal, ein Foto von einem Handy auf ein anderes zu übertragen. Überall wird für diesen neuen Service die Werbetrommel gerührt, aber in der Praxis kommen die Bilder oftmals nicht an.

Neuvo: Ich gebe zu, dass die Industrie zu hohe Erwartungen geschürt hat. Leider haben noch nicht alle Mobilfunkbetreiber den neuen Bildservice eingeführt, und es gibt auch Probleme zwischen den Geräten verschiedener Hersteller. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir europaweit Fotos verschicken können.

mm: Dennoch erzählen uns die Handy-Verkäufer, wir sollen uns für 700 Euro ein neues Gerät anschaffen. Und morgen erzählen Sie, dass wir für UMTS wieder ein anderes Handy brauchen. Uns scheint, Ihre Branche zieht den Kunden das Geld aus der Tasche.

Neuvo: Sie müssen doch nicht jeder Innovation nachrennen. Überspringen Sie einfach jede zweite Generation.

mm: Gute Idee. Wir könnten vielleicht auf die Anschaffung eines UMTS-Handys verzichten. Es gibt ohnehin genug Experten, die sagen, UMTS bringe nur einen geringen Zusatznutzen gegenüber den jetzigen Modellen.

Neuvo: Ach, das ist doch nicht wahr. Die Sprachqualität bei UMTS ist hervorragend, viel besser als im Festnetz. Auch die Bildqualität ist brillant. Und Sie können verschiedene Angebote gleichzeitig nutzen - etwa ein Bild auf dem Handy anschauen und gleichzeitig telefonieren.

mm: Bislang gibt es - entgegen allen Ankündigungen der Industrie - noch keine UMTS-Handys. Warum verzögert sich die Einführung?

Neuvo: Mal eines vorweg: Nokia liefert die ersten UMTS-Telefone am 26. September aus. Das bedeutet aber nicht, dass es in diesem Herbst mit UMTS richtig losgeht. Ich erwarte, dass es etwa zwei Jahre dauern wird, bis der Standard eingeführt ist.

Handys mit PC-Leistung

mm: Die Netzbetreiber behaupten, Firmen wie Nokia könnten bislang keine Geräte liefern, die problemlos zwischen den gegenwärtigen GSM-Netzen und UMTS umschalten können.

Neuvo: Wir haben dieses Problem bei unseren Handys gelöst. Als der GSM-Standard eingeführt wurde, frotzelten die Leute: GSM steht für "Gott, schick uns Mobiltelefone." Heute sind wir in einer ähnlichen Situation. Wir haben zwar die ersten UMTS-Handys, aber wir müssen warten, bis mehr UMTS-Netze aufgebaut sind und bis die Provider die nötigen Dienste anbieten. Erst dann können wir die Geräte wirklich testen.

mm: Warum sind die Tests so aufwändig?

Neuvo: Sie müssen sich klar machen, dass UMTS-Handys die komplexesten elektronischen Geräte sind, die wir jemals für den Massenmarkt entwickelt haben. Die Handys verfügen über die Rechenleistung eines Personalcomputers und funktionieren in mehreren Funknetzen. Obendrein erwarten die Konsumenten eine Batterieleistung von mehreren Tagen und einen farbigen, hochauflösenden Bildschirm. All diese Anforderungen soll ein Minigerät erfüllen, das in jede Jackentasche passt.

mm: Was Sie sagen klingt ganz danach, als müssten wir uns auf Geräte einstellen, die häufiger mal ihren Dienst versagen.

Neuvo: Wenn wir Sprache und Daten über Funk verschicken, ist die Fehlerhäufigkeit in der Tat zehnmal höher als bei der Übertragung durch Kabel. Wir verfügen über eine Software, die falsch übermittelte Daten rekonstruiert und die erkennt, welche Fehler sie ignorieren kann. Wie gut diese Software ist, wissen wir aber erst, wenn wir die Handys unter realistischen Bedingungen testen können.

mm: Zahlreiche Firmen, darunter Philips und Bosch, haben vor diesen Anforderungen kapituliert und sind aus der Handy-Produktion ausgestiegen. Wie viele Hersteller können sich den Aufwand, immer neue Gerätegenerationen zu entwickeln, noch leisten?

Neuvo: Es gibt heute 40 bis 50 Handy-Produzenten. In der Forschung aktiv werden künftig höchstens zehn Firmen sein, denn die Entwicklung eines UMTS-Handys verschlingt einige tausend Mannjahre.

mm: Entwickelt sich der Weltmarktführer Nokia zum Microsoft der Handy-Branche?

Neuvo: Diese Gefahr besteht in einer wettbewerbsintensiven Industrie wie unserer nicht. Eines haben wir allerdings mit Microsoft gemein: Wir wollen immer die Ersten sein.

Im Profil - der Technikchef und sein Konzern

Der Technikchef

Heimat: Yrjö Neuvo wurde 1943 in Finnland geboren.

Karriere: Der promovierte Ingenieur arbeitete bis 1992 in Wissenschaft und Lehre. Mit seinen Forschungsprojekten erwarb er sich internationales Renommee, in Finnland gilt er als Technikerlegende.

Position: 1993 wechselte Neuvo zu Nokia. Er ist jetzt als Vorstandsmitglied für die Techik zuständig.

Bescheidenheit: Neuvo besitzt ein Millionenvermögen, dennoch fährt er jeden Tag, selbst im kalten finnischen Winter, mit dem Fahrrad in die Nokia-Zentrale nahe Helsinki.

Leidenschaft: Er hat stets schwarze Ränder unter den Fingernägeln, weil er jede freie Minute für Arbeiten im weitläufigen Garten seines Sommerhauses nutzt. Bäume fällen und Holz hacken gehören zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Außerdem sammelt er Traktoren.

Familie: Neuvo ist verheiratet und hat eine Tochter und zwei Söhne.


Der Konzern

Holz und Gummi: 1865 gründete der Finne Fredrik Idestam eine Zellstofffabrik. Nach dem Ersten Weltkrieg begann Nokia mit der Produktion von Kabeln, Gummistiefeln und Reifen.

Bits und Bytes: In den 60er und 70er Jahren entwickelte Nokia Computer und Telefonanlagen. Unter Druck gerieten die Finnen Ende der 80er Jahre, als sie europaweit TV-Geräte-Hersteller aufkauften.

Ende und Neuanfang: Jorma Ollila schafft von 1992 an die Wende. Er formte Nokia zu einem Telekommunikationskonzern um, der heute weltgrößter Handy-Hersteller ist.


Umfrage: Die Handy-Lieblinge der Chefs Mobile Dienste: Was sie bieten und kosten Prognose: Nokia senkt seine Umsatzaussichten


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