Die 50 Mächtigsten 2002 Wer die Deutschland AG steuert

Ein kleiner Zirkel einflussreicher Männer steuert die deutsche Wirtschaft. Wer gehört diesem exklusiven Kreis an? Und wo treffen sich die mächtigen Herren der Deutschland AG?
Von Wolfgang Hirn und Heide Neukirchen

Es war schon nach 19 Uhr, dem Beginn der Party. Im Betriebskasino von Porsche hatten am Abend des 28. August wichtige Herren der Wirtschaft ihre Schampusgläser noch fest im Griff: Jürgen Schrempp, Hermann Scholl, Jürgen Weber, Dieter Hundt, Ferdinand Piëch - und natürlich das Geburtstagskind, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking (50).

Da kam er plötzlich und überraschend, frisch vom Wahlkampf aus München nach Zuffenhausen: Bundeskanzler Gerhard Schröder. Mit ihm und Frau Doris feierten 250 Gäste - ohne Gewerkschafter und Journalisten. Es wurde eine lange Nacht.

Am nächsten Tag ging es weiter, bei Wiedekings privat in Bietigheim. Mit dabei: erneut Schrempp und Finanzminister Hans Eichel. Wieder einmal waren die Mächtigen aus Wirtschaft (und Politik) unter sich. Ob bei runden Geburtstagen oder Golfturnieren, bei Verbandstreffen oder Aufsichtsratssitzungen: Es treffen sich immer wieder die gleichen großen Namen.

Globalisierung hin, Entflechtung her - die Deutschland AG lebt. Das Old Boys' Network funktioniert wie eh und je. Ein Kreis einflussreicher Männer - sorry, no ladies - dominiert die deutsche Wirtschaft.

Die 50 Mächtigsten hat manager magazin ausgewählt. Für Macht gibt es keine objektiven Kriterien, Macht ist nicht messbar. Deshalb ist die Liste subjektiv, aber nicht willkürlich. Sie entstand aus vielen Gesprächen mit Beobachtern und Mitgliedern des inneren Machtzirkels der deutschen Wirtschaft.

Der Top-50-Liste gehören Vorstandschefs bedeutender Konzerne ebenso wie einflussreiche Multi-Aufsichtsräte an. Dazu zählen gleich mehrere Manager aus den drei Machtzentren Allianz, Deutsche Bank und Münchener Rück. Aber in der Liste haben auch Akteure Platz, die im Hintergrund wirken - Anwälte, Berater und Investmentbanker.

Allen 50 Auserwählten ist jedoch gemein: Sie haben, direkt oder diskret, großen Einfluss in der Deutschland AG. Ihre Entscheidungen betreffen nicht nur ein Unternehmen, sie sitzen an mehreren Schaltstellen der Macht. Ein wichtiges Kriterium für die Aufnahme in den exklusiven Klub ist ein exzellentes Netzwerk und der Wille, die Drähte zu nutzen.

Die Mächtigen kennen sich untereinander. Sie treffen sich regelmäßig - bei der Arbeit, bei gesellschaftlichen Ereignissen, aber auch in der Freizeit. Sie reden dabei über Geschäfte und Politik, tratschen über Leute und die Bundesliga. Und manchmal, es sind ja auch nur Menschen, tauschen sie die neuesten Witze aus.

Was die Wirtschaft zusammenhält

Freilich gibt es nicht das eine Netzwerk der Deutschland AG, wie es früher einmal unter den dominierenden Herren Abs, Beitz, Merkle oder Vogelsang war. Heute sind es mehrere sich überlappende Systeme, welche die deutsche Wirtschaft zusammenhalten:

  • Aufsichtsrats-Netzwerke: In den Kontrollgremien und Beiräten großer deutscher Gesellschaften sitzen oft dieselben Männer. Ein kleiner Kreis von Multi-Aufsichtsräten hat über diese fest institutionalisierten Kanäle enormen Einfluss. Karl-Hermann Baumann (Siemens) zum Beispiel. Oder Henning Schulte-Noelle (Allianz), Klaus Liesen (Eon, Ruhrgas), Hilmar Kopper (Deutsche Bank) und Diethart Breipohl (Allianz). Das feine Essen nach den Sitzungen stärkt die Bande.


  • Verbands-Netzwerke: Zwei Verbände sind für Topleute relevant - der bekannte BDI und der eher verkannte Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Die Jahrestagungen beider Verbände sind eine ideale Kontaktbörse.


  • Baden-Badener Netzwerk: Zweimal im Jahr schicken Unternehmen 30 Manager der ersten und zweiten Ebene zum Lernen und zum Kennenlernen in die Kurstadt. Drei Wochen pauken sie im Palais Biron. Das schweißt zusammen. Den 75. Kurs der Baden-Badener Unternehmergespräche anno 1985 besuchten besonders einflussreiche Teilnehmer: Karl-Hermann Baumann, Manfred Schneider, Henning Schulte-Noelle und die beiden Daimler-Vorstände Eckhard Cordes und Jürgen Hubbert.


  • Karriere-Netzwerke: Durch gemeinsames Studium oder gemeinsame Arbeitgeber entstehen berufliche Seilschaften. Am ausgeprägtesten ist dies bei McKinsey. Die Ex-Berater helfen sich gegenseitig und fördern ihre Karrieren. Zentrale Stützen dieses Systems sind der ehemalige McKinsey-Chef Herbert Henzler ("Wir haben alle dieselbe Schützengrabenerfahrung") und Klaus Zumwinkel (Deutsche Post, Deutsche Telekom). Ein ähnliches Netzwerk knüpfen die Alumni der renommierten Hochschule St. Gallen. Ihre Deutschland-Vertreter: Paul Achleitner (Allianz) und Josef Ackermann (Deutsche Bank).


  • Regionale Netzwerke: In mehreren Ballungszentren der Republik hocken und glucken die Mächtigen zusammen. Besonders aktiv ist die Rhein-Ruhr-Mafia um Gerhard Cromme (ThyssenKrupp), Ulrich Hartmann, Hans Michael Gaul (beide Eon) und Dietmar Kuhnt (RWE). In München dominiert die Spezl-Wirtschaft, im Raum Stuttgart die Spätzle-Connection.


  • Die Gipfelstürmer: die Similauner, ein elitäres Netzwerk der besonderen Art. Zwölf Topmanager, von Ulrich Cartellieri (Deutsche Bank) bis Klaus Zumwinkel, kraxeln sommers die Berge hinauf. Ein geschlossener Klub - seit zehn Jahren. Nur Lufthansa-Chef Jürgen Weber wurde vor drei Jahren neu aufgenommen.
Wer sich in solchen Zirkeln bewegt, hat viele Vorteile: Er ist immer top informiert. Er weiß früher als andere, was in fremden Unternehmen und Branchen gerade passiert, welche Leute gut und wichtig sind. Und Netzwerker schieben sich gegenseitig Geschäfte zu.

Wer mit dem Kanzler kann

Lange Zeit blieben die Manager in ihren Zirkeln unter sich. Politiker waren - sieht man von den regionalen Netzwerken ab - allenfalls Zaungäste.

Das änderte sich unter Kanzler Schröder. Während Vorgänger Helmut Kohl aus seiner Abneigung gegenüber den Wirtschaftsführern kein Hehl machte, sucht Schröder geradezu ihre Nähe. Sie mögen den Kanzler der Bosse, weil er ihnen zuhört. Scherzhaft tituliert er sich als "Vorstandsvorsitzender der Deutschland AG".

Treffliche Gelegenheiten des Näherkommens bieten Kanzlerreisen in ferne Länder. Nach Indien und China begleiteten ihn 47 Manager und Unternehmer, darunter Manfred Schneider (Bayer), Schulte-Noelle und Heinrich von Pierer (Siemens). Im Luftwaffen-Airbus drosch der Kanzler dann schon mal Skat mit von Pierer & Co. - Rotwein und Cohibas stets in Reichweite.

Seit Schröder kungelt Big Business mittlerweile auch in Berlin. Mal lädt er eine Topmanager-Runde in die achte Etage des Kanzleramts ein, mal revanchiert sich Jürgen Schrempp mit Bodenseefelchen und Maultäschle von Flusskrebsen im Restaurant "First Floor" des "Palace Hotels".

So wird Berlin, ganz anders als Bonn, zum Treffpunkt der Eliten aus Politik und Wirtschaft. Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt sagt: "Berlin ist nicht nur um Prozente, sondern um Potenzen interessanter als Bonn."

Viele Manager reisen inzwischen häufig und gern nach Berlin. Einige, wie Rolf-E. Breuer (Deutsche Bank), haben dort bereits eine Zweitwohnung. Manche ziehen ganz um, Arend Oetker (Schwartau) und Heinz Dürr (Dürr AG) zum Beispiel.

Immer wichtiger - und das nicht nur in Berlin: Die Netzwerkmanager treffen sich auch außerhalb von Konferenzsälen und Vorstandsetagen. Gesellschaftliche Events, öffentliche wie private, sind heute ein Muss für kontaktfreudige Wirtschaftsführer.

Doch welche Veranstaltungen sind in, welche out?

Wo sich die Eliten treffen

Nach wie vor im Terminkalender: Bayreuth oder Salzburg, die beiden sommerlichen Wallfahrtsorte für Musikliebhaber und solche, die sich dafür halten. Die Bayreuth-Fraktion (Kajo Neukirchen/MG, Hans Reischl/ Rewe) ist wesentlich kleiner als die Salzburg-Fangruppe (Cromme, Hartmann, Hundt, Kuhnt). Hauptgrund: Während die Bayreuther noch aufopferungsvoll in der mehrstündigen Wagner-Oper sitzen, speisen die Salzburger nach ihrem "Jedermann" schon längst im Prominenten-Restaurant "Goldener Hirsch".

Bis vor kurzem waren der "Ball des Sports" in der Frankfurter Festhalle und das "Open House" im Wilhelm-Busch-Museum während der Hannover-Messe (gesponsert von Conti und Volkswagen) wichtige Events zum Sehen und Gesehen werden. Der Kanzler war in diesem Jahr bei beiden Veranstaltungen, doch die Manager verweigern sich zunehmend: zu rummelig, zu viele Mitesser und -läufer.

Die nicht uneitlen Herren aus der Wirtschaft ziehen es vor, unter sich zu bleiben. Vielfach wollen sie vorher die Gästeliste von Partys und Veranstaltungen einsehen, um nicht mit Managern der zweiten Ebene oder gar mit dem Fußvolk essen und reden zu müssen.

Wegen nicht mehr standesgemäßer Besetzung kam inzwischen auch das Davoser "World Economic Forum", der winterliche Alpauftrieb von Topmanagern aus aller Welt, in die Kritik. Statt in offiziellen Plenumssitzungen treffen sich die ganz wichtigen Leute lieber in kleinen Zirkeln, zum Beispiel bei Schrempps Hüttenabend oder bei Hubert Burdas Kamingespräch im Hotel "Belvedere".

Die führenden Köpfe der Deutschland AG mögen es eben diskreter, wollen ab und an ganz unter sich bleiben - bei geschlossenen Veranstaltungen, beim gemeinsamen Sport, in ausgewählten Urlaubsorten oder privatissime in ihren Villen.

Oder bei der "Hall of Fame"-Ehrung, die das manager magazin jedes Frühjahr im "Schlosshotel Kronberg" veranstaltet. Nirgendwo sonst - und das ist keine Eigenwerbung - sind so viele Topleute der Wirtschaft beim vertraulichen Tête-à-Tête anzutreffen.

Als Refugien der Manager gelten auch von Unternehmen (Deutsche Bank, Eon, Linde und RWE) veranstaltete Golfturniere. Während die Jagd als Herrensport ausgedient hat, legendär sind nur noch die Jagden von Berthold Beitz und August von Finck, ist Golfen der Manager liebster Sport geworden. Beliebt sind die Golfklubs in Bad Wiessee, Kronberg, Oefte (übrigens auf Eon-Gelände) und zunehmend auf Mallorca.

Was sich ändert - und was bleibt

Denn auch in der Freizeit ist die Wirtschaftselite oft und gern unter sich. Früher erholten sich die Herren (und Damen) auf der Nordseeinsel Sylt. Heute bevorzugen die meisten Mallorca. Hartmann, Kuhnt, Liesen, Jens Odewald (Ex-Kaufhof) und Claas Kleyboldt (Axa) haben auf der Mittelmeerinsel ihre Domizile.

Im Winter heißt die Alternative Kitzbühel oder St. Moritz. Nach Kitzbühel flieht vor allem die Münchener Unternehmerszene, während St. Moritz - insbesondere zwischen den Jahren - von Prominenz wie Heinz Dürr, Karl Otto Pöhl (Oppenheim), Heiner Weiss (Schloemann-Simag) oder Wirtschaftsanwalt Michael Hoffmann-Becking bevorzugt wird. Besonders begehrt als Treffpunkt ist das Restaurant "Chasellas".

Wer aber entscheidet, wer dazugehört, wer mit an den Tisch der Mächtigen gebeten wird?

"Früher", meint Roland Berger, "genügte es, dreimal bei Berthold Beitz eingeladen zu sein, und man war akzeptiertes Mitglied des Netzwerks."

An diesen Usancen hat sich nicht viel geändert - nur die Namen sind andere. So sind heute Siemens-Aufsichtsratschef Baumann und seine Gattin Elke Pratley mit die begehrtesten Gastgeber der Wirtschaftselite. Wer öfter bei ihnen in München eingeladen ist, den muss man sich merken.

Dort sitzt immer öfter ein neues Gesicht: Ulrich Schumacher. Der 44-jährige Infineon-Chef soll so häppchenweise in die Deutschland AG eingeführt werden.

In den nächsten Jahren werden forsche Typen wie Schumacher in die Zirkel der Mächtigen drängen. Sie sind Anfang bis Mitte 40, global orientiert und mit den harten Gesetzen der Finanzmärkte bestens vertraut.

Werden sich mit ihnen die Deutschland AG und deren Netzwerke verändern? Sicher: Viele Netzwerke werden nicht mehr so beständig sein. Manager kommen und gehen schneller als früher. Aber einen Kern von Mächtigen hat es immer gegeben und wird es immer geben - auch in der deutschen Wirtschaft.

Top-50-Liste: Die Mächtigsten der Wirtschaft

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