Mercedes E 500 Aussetzer

Die neue Mercedes-E-Klasse präsentiert sich als technisches Wunderwerk. Doch ihre komplexen Systeme sind störanfällig. Das erlebte auch mm-Tester Margaritoff.

Den wunden Punkt findet Alexander Margaritoff (49) sofort: Vor der Firmenzentrale im holsteinischen Tornesch braucht der Vorstandsvorsitzende der Hawesko AG nur eine Hamburger Adresse in den Navigator der neuen Mercedes-E-Klasse einzugeben und dann den Anweisungen der Satellitensteuerung zu folgen. Schon nach dem dritten Abbiegen hat das Lenksystem die Orientierung verloren.

Kilometerweit irrt Margaritoff daraufhin über Feldwege durch die Wilster Marsch, bevor das Display wieder Richtungspfeile anzeigt. "Unmöglich", findet das der Chef des weltgrößten Weinhandels ("Hanseatisches Wein- und Sekt-Kontor", "Jacques' Weindepot", "Wein Wolf"). Wenn das im Bordeaux passiere, schimpft der kraushaarige Kaufmann, wo er mehrmals im Jahr die besten Lagen abfährt, komme er zu spät zu den Verhandlungsterminen mit den Schlossherren und erhalte prompt nicht mehr die benötigten Kontingente zu fairen Konditionen.

Die Navigation war leider nicht das einzige System, das beim Mercedes E 500 während des 14-tägigen mm-Tests versagte. Andere Bauteile setzten vorübergehend ganz aus. Nur ein Zufall rettete die Probefahrt mit Alexander Margaritoff - davon später mehr.

An der neuen E-Klasse gefällt dem Weinhändler, der hinterm Steuer seines 745er-BMW-Geschäftswagens jährlich rund 30.000 Kilometer abreißt, vor allem die "schnittige" Karosserie mit schwungvollen Akzenten, spannungsreichen Bögen und wohl geformten Details wie den Scheinwerfern oder Rücklichtern. Dazu eine dezent moderne, aufgeräumte Innenarchitektur.

Auch die Sitze sagen ihm zu: bequem und dennoch mit genügend Führung. "Anders als bei den Vorgängermodellen", weiß Margaritoff. "In den früheren E-Klassen saß man immer steif und unsicher wie bei der Verwandtschaft auf dem Sofa."

Die Technik spielte verrückt

Die Lenkung findet er "straff"; die 306 PS des V-8-Motors ziehen "ordentlich ab", lobt Margaritoff. Das neue Luftfedersystem dämpft selbst seine rabiateren Beschleunigungsversuche, die er auf nassem Kopfsteinpflaster bis zum Anschlagen des Elektronischen Stabilitätsprogramms (ESP) auskostet. Nur der Unterschied zwischen der "Komfort"- und "Sport"-Einstellung des Fahrwerks stellt sich dem Handelshauserben nicht deutlich genug dar.

Das Platzangebot auf den Rücksitzen hält Margaritoff, der öfter mit seiner vierköpfigen Familie unterwegs ist, für "noch akzeptabel"; der Kofferraum ist erfreulich geräumig.

Als störend empfindet der Vorstand, dass der Schalter für den Tempomaten zu nahe am Blinkerhebel liegt. Dadurch werden die beiden Bedienungselemente leicht verwechselt - etwa im hektischen Stadtverkehr. Und das Zentralinstrument ist nach seiner Auffassung "überfrachtet mit Informationen aus dem Bordcomputer". Das Lesen von Daten und Zahlen, meint Margaritoff, lenke vom Fahren ab.

Was er nicht weiß: Bis unmittelbar vor seiner Testfahrt meldete die Anzeige eine Störung nach der anderen. Zunächst verliert angeblich ein Reifen immer wieder Luft, dann fallen der Navigator, das Radio und die CD-Anlage mit einem Schlag komplett aus. Tags darauf signalisiert der Bordcomputer, er habe einen "elektrischen Verbraucher abgeschaltet". Bei detaillierter Suche stellt sich heraus: Die Sitzheizungen bleiben kalt.

Die Presseabteilung der DaimlerChrysler Konzernzentrale weiß keinen Rat. Auch die eilig aufgesuchte Fachwerkstatt kann nicht helfen. Sie diagnostiziert einen "größeren Fehler im Datenbussystem", dessen Reparatur längere Zeit beanspruche.

Wie durch ein Wunder erwies uns die Technik der neuen E-Klasse doch wieder ihre Gunst: Nach einer Fahrt durch die Waschstraße vor dem Fototermin mit Alexander Margaritoff arbeiten plötzlich wieder alle Systeme.

Nicht gerade ein Zeichen von Zuverlässigkeit und technischer Reife bei einem Neuwagen von über 60.000 Euro Anschaffungspreis.

mm-Fazit - unzuverlässige Hightech

mm-Fazit: Unzuverlässige Hightech

Wer auf ihr Prestige und ihr Platzangebot im Fond verzichten kann, braucht keine S-Klasse mehr: Die neue Mercedes-E-Klasse ist, zumindest in der hier getesteten 306-PS-Version, technisch raffinierter.

Und temperamentvoller: Der Antrieb, der sich automatisch dem Stil des Piloten anpasst, hat Sportwagenqualitäten, lässt den Motor bis über 6500 Touren in den roten Bereich hinein drehen. Auf hart gestellt, bietet das luftgefederte Fahrwerk souveräne Sicherheit und optimale Straßenlage - auch jenseits der 220 Stundenkilometer. Die elektronisch unterstützten Bremsen verzögern sensationell zuverlässig, die als Extra erhältlichen Xenon-Scheinwerfer geben das derzeit wohl beste Licht auf dem Pkw-Markt.

Zugleich kann die neue E-Klasse unglaublich komfortabel gefahren werden: Auf weich gestellt, blendet das Fahrwerk alle Unebenheiten und Schwankungen aus. Wind-, Roll- und Motorgeräusche sind maximal gedämmt. Unbequem nur: Das Gurtschloss der Vordersitze liegt an kaum erreichbarer Stelle.

Schwer verzeihlich erscheint dagegen die Störanfälligkeit des Testwagens. Der blieb zwar nicht liegen, doch fielen während des 14-tägigen mm-Tests kaum verzichtbare - und teure - Systeme wie Navigator und Hi-Fi-Anlage aus. Nach Benutzung einer normalen Waschstraße funktionierte alles ebenso unerwartet wie unerklärlich wieder.


Technik: Heckgetriebene, 5-sitzige Limousine mit V-8-Motor, 225 kW/ 306 PS aus 4966 ccm, 5-Stufen-Automatik mit Tiptronic.

Fahrwerte: Höchstgeschwindigkeit 250 Stundenkilometer (elektronisch begrenzt), Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 6,1 Sekunden.

Verbrauch: 11,5 Liter Superbenzin/ 100 km.

Grundpreis: 56.492 Euro.

Serienausstattung: Luftfederung, Elektrohydraulisches ("sensotronisches") Bremssystem (SBC), Klimaautomatik, 2-Stufen-Airbags, adaptive Antriebsregelung.

Sonderausstattung (Auswahl): Abstandsregelautomatik (2343 Euro), Einparkhilfe (754 Euro), Nappalederausstattung (2505 Euro), Navigationssystem (1740 Euro), Panorama-Schiebedach (1856 Euro), 18-Zoll-Leichtmetallräder (1943 Euro), Sitzheizung vorn (342 Euro), Xenon-Scheinwerfer (1119 Euro).

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