Gürtel Helfer am Hosenbund

Seit sich Leistungsträger vom Wohlstandsbauch früherer Zeiten verabschiedet haben, hat der Leibriemen Karriere gemacht. Aber welcher darf's denn sein?
Von Bernhard Roetzel

Riccardo Valenti verwendet viel Hirnschmalz auf Hose, Mann und Mode - von Berufs wegen. Der Mittzwanziger aus Parma ist in der väterlichen Gürtelfabrik Cinture Anderson's für Marketing und Vertrieb zuständig. Und so hat er eine verblüffende Antwort auf die Frage gefunden, warum er in Großbritannien weniger Gürtel absetzen kann als in Italien, Deutschland oder Frankreich.

"Die Briten tragen diese altmodischen Hosen ohne Gürtelschlaufen, weil sie keine italienische Küche haben", erzählt Valenti. "Wir essen gern und viel, deswegen braucht unser Bauch nach Antipasto, Primo, Secondo und Dolce etwas mehr Platz. Also lockern wir nach dem Essen einfach den Gürtel."

In der Tat halten die Briten ihr Beinkleid noch immer gern per Hosenträger. Mit dieser Vorliebe stehen die Inselbewohner allerdings ziemlich isoliert da. Der internationale Manager-Dresscode empfiehlt seit langem den ledernen Leibriemen.

Seit den 60er Jahren gilt der Gürtel als die moderne, sportliche und weltmännische Alternative zu den altväterlichen Hosenträgern. Doch sosehr der Bauchgurt unter Kontinentaleuropäern auch anerkannt sein mag - beim Kauf kommt immer wieder Unsicherheit auf: Wie breit soll er sein? Muss die Farbe exakt mit der des Schuhwerks übereinstimmen? Was trage ich zu Rauleder-Loafern und was zu Exotenledern?

Rainer-Wilhelm Mark, Inhaber der Frankfurter Edelschuhboutique Mark Schuhwerk, hört diese Fragen oft von Bankern und Börsianern, wenn gleich noch der passende Gürtel zum klassischen Rahmengenähten erstanden werden soll. Und er rät, einen Gürtel in der Farbe des Schuhs zu wählen. In der Oberflächenstruktur sollten sich die Leder von Leibriemen und Treter aber unterscheiden. Ansonsten sähe die Kombination aus "wie ein fertig beim Herrenausstatter gekauftes Set", und das wäre nach Meinung des stets im Maßanzug auftretenden Schuhhändlers "fast so schlimm wie Krawatte und Einstecktuch aus der gleichen Seide".

Auch sehr wichtig: "Wenn Sie Schnallenschuhe tragen, müssen Gürtelschließe und die Schuhschnallen aus dem gleichen Metall sein." Und natürlich kann man den Gürtel auch noch auf das Armband der Uhr abstimmen, doch dies sei nur etwas für Leute, grinst Mark, "die es ganz genau nehmen".

Mit Nadel und Nieten

Sollte der Lederwarenmann mal keinen passenden Gürtel zum olivgrünen Veloursleder-Schuh vorrätig haben, kann der Kunde aus gut 60 verschiedenen Ledersorten wählen und eine Sonderbestellung ordern.

Die fertigt binnen drei Wochen die Manufaktur Kreis, Deutschlands letzter Gürtelmacher der alten Schule. Die ledernen Kunstwerke aus dem Familienbetrieb geben sich an der "umgebugten" Kante zu erkennen, dem um die Gürteleinlage eingeschlagenen und vom Futterleder abgedeckten Obermaterial. Vorzug der "umgebugten" Kante: Sie stößt sich auch nach vielen Jahren nicht ab, vorausgesetzt, die Lederqualität stimmt.

Bernd Kreis setzt in seiner Werkstatt hochwertige Ware ein, am liebsten grubengegerbtes Vollrindleder aus England. Das einst für Pferdegeschirre gedachte Material stammt vom Rücken des Rindes, wo die Faserstruktur am dichtesten ist. Das Futterleder stammt vom Kalb, "in einer Qualität, die andere nicht einmal für die Außenseite verwenden", wie der Gürtelmacher augenzwinkernd anmerkt. Ansonsten kommen Boxcalf, Rindsleder, Cordovan, Kroko, Strauß und Velours zum Einsatz.

Für die Schließen verarbeitet Kreis massives Messing, erkennbar an der dezenten Gravur "solid brass". Nach dem Guss wird das Metall sorgfältig entgratet und von Hand poliert, damit es später nicht die Kleidung beschädigt. Die meisten Schließen werden nun noch galvanisch vernickelt oder versilbert, denn der pure Messington sei zum Anzug derzeit nicht gefragt, erläutert der Gürtelmacher. Bei einigen Herren muss es allerdings 925er Sterlingsilber sein, auch wenn das regelmäßig entschwärzt werden muss. "Aber das", scherzt Kreis, "kann ja vielleicht der Butler übernehmen."

Mit 115 Euro ist der bei Kreis gemachte Maßgürtel aus der Frankfurter Schuhboutique noch nicht einmal übermäßig teuer. Bei Hermès sind für das berühmte Wendemodell mit der H-förmigen Schließe mindestens 302 Euro fällig. Das ist nicht eben wenig, doch man bekommt fürs Geld sozusagen gleich zwei Exemplare. Außerdem setzt das Luxushaus nur beste Lederqualitäten ein.

Wie Mitbewerber Valenti aus Parma, der einen der bestangezogenen Männer Italiens zu seinen Kunden zählt, den Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli. Der macht mit einer schönen Marotte von sich reden: Immer mal wieder lässt der Automagnat Gürtelschließen in die Manufaktur in der Via Brennero 8 schicken - um nur das Leder erneuern zu lassen.

Solche Sparsamkeit praktizierten nur gut Betuchte, verrät Riccardo Valenti. Zum Glück für die Gürtelmacher zögen es die meisten vor, ein komplett neues Modell zu erstehen.

Ratgeber: Halt in allen Lebenslagen

Halt in allen Lebenslagen

Welche Farbe?

Der Gürtel muss sich nach den Schuhen richten. Schwarze Schuhe ­ schwarzer Gürtel, braune Schuhe ­ brauner Gürtel. Die Brauntöne stimmen Sie nach Farbwert (Schokoladenbraun, Rotbraun, Bordeaux, Cognac) und Helligkeit aufeinander ab (Hellbraun zu Hellbraun, Mittelbraun zu Mittelbraun).

Welches Material?

Zu Businesszwirn und Kombination (zum Beispiel Blazer oder Tweedjacke und Flanellhose) nur Leder (bei sportlichen oder sommerlichen Anzügen auch geflochten); zu sportlichen Hosen (zum Beispiel Chinos oder Jeans) auch Stoff (zum Beispiel gestreifter Canvas). Vorsicht: Die Angabe "Echt Leder" gilt auch für billiges Spaltleder.

Welche Maße?

Die meisten Gürtel haben fünf Löcher, im Idealfall (und vor dem Geschäftsessen) sitzt der Dorn der Schließe im Mittelloch, also dem dritten. Bei Breite und Stärke gilt: schmal und flach gleich förmlich, breit und kräftig gleich sportlich. Gürtel zum dunklen Anzug messen 2,5 bis 3,5, sportliche Modelle bis etwa 4 Zentimeter.

Welche Schließe?

Die Gürtelschließe (aus massivem Messing oder Sterlingsilber) muss von der Metallfarbe her auf Uhr, Schmuck und Accessoires abgestimmt werden. Eine vergoldete Messingschließe passt zu Manschettenknöpfen und Uhr aus Gold; silberfarbene Schließen zu Stahlchronometer und Weißgold- oder Platinmanschettenknöpfen. Bei Design und Größe gilt: je unauffälliger und filigraner, desto förmlicher. Designerlogos und Motivschließen sind mit Vorsicht zu genießen.

Bei welcher Gelegenheit?

Zu jedem Anzug (obwohl Puristen beim Zweireiher und Westenanzug Hosenträger vorziehen). Tabu ist der Gürtel bei Frack und Cut (hier trägt der Gentleman Hosenträger), zum Smoking ist er mittlerweile akzeptiert.

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