Deutschland im Test Die gesunde Basis

Hervorragende Unternehmen, aber stagnierende Märkte. Klassische Industrien wie Chemie und Maschinenbau liegen im globalen Vergleich auf den vorderen Plätzen. manager magazin sagt, was Deutschlands traditionell starken Branchen blüht.

Die Verteilung von Strom und Gas erledigten in Deutschland bis vor kurzem Monopolisten: regionale Versorger, Stadtwerke und Großanbieter wie Veba, Viag oder RWE. Diese Mischkonzerne hatten sich mit ihren satten Gewinnen ein undurchschaubares Sammelsurium an Beteiligungen zusammengekauft.

Die Liberalisierung des Versorgungsgeschäfts zwang den Konglomeraten einen scharfen Wettbewerb auf. Konsequenz: Die Versorgungsanstalten wandelten sich zu schlagkräftigen Konzernen, die sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und überflüssigen Ballast abstoßen.

Als dominante Spieler etablierten sich RWE (siehe: "Hochspannung")  und die aus der Fusion von Veba und Viag entstandene Eon (siehe: "Endlich Ruhe") . Die beiden Energieriesen übernehmen derzeit emsig im In- und Ausland Stadtwerke, Regionalgesellschaften und Konkurrenten. Das Ziel: der Aufbau möglichst großer Versorgungsnetze, die hohe Gewinne abwerfen.

Gegenüber den Staatsunternehmen in den anderen europäischen Ländern und den regional extrem zersplitterten US-Firmen halten die deutschen Versorger klare Wettbewerbsvorteile. Sie haben den Übergang zum privatwirtschaftlichen Unternehmen geschafft, der etwa der französischen Électricité de France (siehe: "Abgang in Karlsruhe") oder der italienischen Enel noch bevorsteht.

Gelingt es Eon und RWE, ihre vielen Neuerwerbungen geschickt zu integrieren, stehen sie vor allem im Vergleich zum antiquierten US-Energiegeschäft und zu den abgeschotteten asiatischen Märkten unangefochten an der Spitze.

Die Top-Versorger
Rang Unternehmen* Umsatz 2001
in Milliarden Euro
Mutterland
1 Eon   68 Deutschland
2 RWE   52 Deutschland
3 Suez   39 Frankreich
4 Électricité de France 38 Frankreich
5 Enel   27 Italien
* ohne rein national orientierte Staatsunternehmen
Quelle: "Fortune", Unternehmensangaben

Die Versicherungswirtschaft

Die Versicherungswirtschaft

Ohne Lebens-, Hausrat-, Haftpflicht-, Rechtsschutz-, Aussteuer- sowie Ausbildungsversicherung fühlt sich der Deutsche den Wechselfällen seiner Existenz schutzlos ausgeliefert. Ähnlich wie bei der Autoindustrie (siehe: "Schock-Options") hat die spezifische Befindlichkeit der Bundesbürger eine blühende Versicherungsbranche geschaffen.

Und ähnlich wie beim Auto sorgt auch bei den Versicherungen der Staat mit allerlei Regelungen dafür, dass es dem Sektor richtig gut geht: Die Erträge aus Kapitallebensversicherungen sind hier zu Lande steuerfrei. Dank dieser Subvention stecken Anleger ihr Geld lieber auf Jahre fest in eine Versicherung als in einen Fonds. Wunderbares Kapital, mit dem Herr Kaiser und seine Kollegen arbeiten können.

Auf dieser komfortablen Basis sind viele kleine und mittlere Firmen entstanden, meist in genossenschaftlicher oder öffentlich-rechtlicher Form. Überragt wird der mal mehr, mal weniger erfolgreiche Mittelstand von einem globalen Spitzenstar: der Allianz.

Der weltgrößte Versicherer steckt die auskömmlichen Gewinne aus dem Inlandsgeschäft seit 1991 systematisch in die Internationalisierung des Konzerns. Mit ihrem internationalen Vertriebsnetz war die Allianz bestens auf die Deregulierung in der Europäischen Union Mitte der 90er Jahre vorbereitet. Der Kauf der Dresdner Bank soll die ehrgeizigen Münchener jetzt auch noch zum Allround-Finanzdienstleister befördern - eine Strategie, die hohe Risiken birgt Schock-Options.

Der zweite deutsche Weltspieler in der Versicherungsliga agiert ebenfalls äußerst erfolgreich. Die Münchener Rück liegt nach Prämienvolumen seit Jahren auf dem Spitzenplatz unter den weltgrößten Rückversicherern (siehe: "Günstiger Wertschaffer").

Die erfolgreiche Expansion der deutschen Assekuranz lässt sich an der Börsenkapitalisierung der Unternehmen ablesen: Sie stieg um durchschnittlich 16 Prozent pro Jahr.

Auch wenn die Versicherer über hohe Schäden durch Terror und Umweltkatastrophen klagen - eine große Unwägbarkeit für die Branche liegt im "politischen Änderungsrisiko", wie Hans-Jürgen Schinzler sich ausdrückt. Der Vorstandsvorsitzende der Münchener Rück bemängelt vor allem, dass eine neue Bundesregierung den steuerfreien Verkauf von Beteiligungen wieder abschaffen könnte Jetzt wird's ernst. Das wäre ärgerlich für die Versicherer, schließlich erhoffen sie sich für die Zukunft aus dem Geschäft mit Unternehmensteilen schöne Renditen.

Die Top-Versicherer
Rang Unternehmen Umsatz 2001
in Mrd. Euro
Mutterland
1 Allianz   87 Deutschland
2 Axa   67 Frankreich
3 Nippon Life 65 Japan
4 American International   64 USA
5 Aviva   53 Großbritannien
...9 Münchener Rück   43 Deutschland
Quelle: "Fortune", Unternehmensangaben

Der Maschinen- und Anlagenbau

Der Maschinen- und Anlagenbau

Ende der 80er Jahre schienen Japaner und Italiener den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern den Rang abzulaufen. Heute ist die Branche überwiegend gesund, obwohl die Krise des Anlagenbauers Babcock Borsig aktuell einen anderen Eindruck vermittelt.

Viele der Mittelständler, welche die äußerst vielfältige Branche prägen, dominieren unangefochten enge Marktnischen, und zwar global - hochspezialisierte Fachfirmen, die zumeist Einzelstücke nach Kundenwünschen fertigen. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser zum Beispiel versorgt die Welt mit Profi-Wäschemangeln. SMS-Chef Heinrich Weiss ist führender Ausstatter für Stahlwerke.

Völlig gegenläufig zur Fusionsorgie anderer Branchen sind in den 90er Jahren große Anbieter tendenziell geschrumpft, kleinere Firmen hingegen gewachsen. Der Grund für diese Ausnahmeentwicklung: In der üblichen Maßfertigung für die Kunden bringt schiere Unternehmensgröße kaum Vorteile. Im Gegenteil: Kleinere können schneller und flexibler arbeiten.

Für Deutschlands Ruf als Exportvizeweltmeister sind die Maschinen- und Anlagenbauer maßgeblich mitverantwortlich. Traditionell exportieren sie den Großteil ihrer Produktion, inzwischen rund 60 Prozent.

Die Branche, meint SMS-Chef Weiss, sei unter anderem deshalb "stark, weil sie überwiegend aus inhabergeführten Unternehmen besteht". Und weil sie sich, wie die Autoindustrie, auf etablierte Standortvorteile wie die Facharbeiterausbildung und die Technischen Hochschulen verlassen kann.

Auf stagnierenden Märkten versuchen die Firmen zu wachsen, indem sie eine immer breitere Palette an Dienstleistungen anbieten, von der Wartung der Maschinen bei ihren Kunden bis zur Entwicklung von Produkten im Auftrag von Großkonzernen. Aus Schrauberbuden werden Systemanbieter.

Das bedeutet aber auch: Immer weniger Wertschöpfung wird in Deutschland erbracht, immer mehr im Ausland - als Service vor Ort beim Kunden.

Trotz solider Basis und jüngster Erfolge kommen Schwierigkeiten auf die Branche zu: "Der Maschinen- und Anlagenbau leidet wie kaum eine Branche unter der strukturellen Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft", warnt der Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands. "Die deutliche Ausweitung der Auslandsumsätze konnte und kann dies nur zum Teil kompensieren." Und dann ist da noch ein gravierenderes Problem: der Mangel an Facharbeitern und Ingenieuren.

Firmen, die keine Leute finden, dürften geneigt sein, noch mehr Produktion ins Ausland zu verlagern.

Die chemische Industrie

Die chemische Industrie

Nur einer kann gewinnen. Nach diesem Muster lief die Abspaltung der Pharma- von der Chemieindustrie in den vergangenen Jahren ab. Sieger in Deutschland war die Chemie.

BASF ist das größte Chemieunternehmen der Welt (siehe: "Die Chemie stimmt wieder"), Degussa der größte Spezialchemiehersteller Getrübter Blick in die Zukunft. Bayer, einer der letzten Konzerne, die sich nicht eindeutig für Chemie oder Pharma entscheiden mögen, gilt als Polymer-Produzent etwas in der Welt Partner verzweifelt gesucht. Auch Spezialisten wie die Hoechst-Abspaltung SGL Carbon sind bedeutende Spieler Das zweite Kartell-Desaster.

Die kapitalintensive Branche profitiert in Deutschland von ihrer langjährigen Erfahrung und der in diesem Bereich hervorragenden öffentlichen Forschung. Durchschlagender Erfolg: Die Börsenkapitalisierung der deutschen Chemiekonzerne stieg im vergangenen Jahrzehnt schneller als die aller ausländischen Konkurrenten.

Leider entwickelt sich die Chemie nicht sehr dynamisch. In den 90er Jahren stieg die Wertschöpfung in Deutschland um ganze 7 Prozent.

Dafür aber haben es die Besten geschafft, sich "konjunkturrobust" aufzustellen, wie BASF-Vorsteher Jürgen Strube stolz vermerkt. Weiteres Wachstum will er mit "aktivem Portfoliomanagement" erzielen - vulgo: mit dem Verkauf schwacher Geschäftsfelder und dem Kauf renditeträchtiger Gebiete.

Die schönen Renditepläne könnte den Chemikern die EU durchkreuzen. Die will eine Richtlinie verabschieden lassen, die den Umgang mit Chemikalien stärker reglementieren soll, und den Handel mit Emissionszertifikaten einführen Prima Klima . Die neuen Regeln würden die deutsche Chemie laut Branchenverband VCI mit mehr als drei Milliarden Euro jährlich belasten.

Die Top-Chemiekonzerne
Rang Unternehmen Umsatz 2001
in Milliarden Euro
Mutterland
1 BASF   30 Deutschland
2 Dow Chemical   29 USA
3 Dupont   27 USA
4 Bayer Chemie*   18 Deutschland
5 Mitsubishi Chemical   15 Japan
* Umsatz der Sparten Chemie, Polymere, Landwirtschaft
Quelle: "Fortune", Unternehmensangaben

Bedrängt: Worunter Handel und Konsumgüter leiden


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